Lesereise mit "So viel Zeit" Herbst 2007

Hamburg kalt

Lesereise – Das hört sich immer an, als wäre man sechs Wochen von zu Hause weg. Tatsächlich aber fährt man irgendwohin, kommt wieder zurück, fährt wieder weg – so eine Lesereise zerfällt also in viele kleine Trips. Nachdem ich im September vor allem in NRW unterwegs war, kriegt jetzt auch Restdeutschland sein Fett weg.

Dienstag, 09.10.07: John Lennons Geburtstag. Bin gestern schon in Hamburg angekommen, und Hamburg ist mal wieder kalt. Wie das Klischee es eben will. Das Hotel ist im Prinzip prima: Die Eingangshalle hat viel Marmor und Kronleuchter, der Speisesaal sieht aus wie auf der Titanic, nur habe ich mal wieder eines der nichtrenovierten Zimmer bekommen. Die Heizung funktioniert nicht richtig, die Kacheln im eiskalten Bad prahlen mit Blümchenmuster, die Decke könnte mal wieder gestrichen werden. Die Matratze gibt so weit nach, dass ich mit dem Hintern fast den Boden berühre.

Nach dem Aufstehen ziehe ich die Gardinen zurück und sehe Scheinwerfer in den Fenstern auf der anderen Seite des schmalen Innenhofes. Heißt Hamburg mich so willkommen? Oder soll der Biorhythmus der Hotelgäste durch künstliche Erhöhung der Tageslichtdosis nach oben gepusht werden? (Später stellt sich heraus, dass in der Etage über mir ein Film gedreht wird. Die beiden anderen Lösungen haben mir besser gefallen.)

Nach dem Frühstück ist Shopping angesagt, meine weibliche Seite schlägt durch. Allerdings schlage ich nicht bei hochhackigen Riemchenschuhen und durchsichtigen Cocktailkleidchen zu, sondern bei einem dicken, schwarzen Cordhemd, das auch als Jacke durchgeht.

Abends die Veranstaltung im Malersaal des Schauspielhauses, und zwar im Rahmen des 63. Machtclubs. Sven Amtsberg und Michael Weins moderieren gewohnt witzig und souverän. Als ich das letzte Mal hier war, haben sie das noch in Stewardessen-Uniformen getan. Hinter der Bühne steht Bier in Kisten. Im ersten Teil lesen Kasjen Ohnesorge (sehr lebhaft, mal im Sitzen, mal im Stehen) und Finn Ole Heinrich (ruhiger, mit Mütze). Die Mischung stimmt schon mal.

Im zweiten Teil bin ich dran. Auch auf der Bühne ist es ziemlich frisch. Das Schauspielhaus wird subventioniert, diese Veranstaltung aber nicht. Deshalb müssen auch alle Zuschauer Mitglied im Machtclub werden. Wozu hier auch noch mal aufgerufen werden soll: Unterstützen Sie, diese Reihe, die hat es verdient! (www.macht-ev.de).

Hinterher alle in die verrauchteste Kneipe, die ich seit 1987 betreten habe. Das Bier ist lecker, nur sind irritierend viele Menschen sehr viel jünger als ich. Niemand singt John-Lennon-Songs.

Frankfurt wärmer

Mittwoch, 10.10. Frankfurt ist viel wärmer. Die Sonne scheint. Das Hotel ist wie immer zauberhaft: Die Villa Orange. Charmantes Personal, schön eingerichtete Zimmer, Internet-Zugang für lau.

Abends „Literatur im Römer“, das gar nicht mehr im Fernsehen übertragen wird. Habe mich also völlig umsonst noch am Nachmittag rasiert. Uta Niederstrasser, die Pressechefin vom Eichborn-Verlag kümmert sich vorbildlich um den müden Autor und wird von diesem dann als seine „Pflegerin“ vorgestellt.

Ich bin der erste, den die Leute im prall vollen Römer über sich ergehen lassen müssen. Der Herr vom Hessischen Rundfunk hat das Buch tatsächlich gelesen (man freut sich schon über Kleinigkeiten) und stellt schlaue Fragen, die mir Gelegenheit geben, Intelligenz und Witz vorzutäuschen.

Hinter der Bühne wartet schon Thommie Bayer, früher ebenfalls bei Eichborn, der es mit seinem neuen Buch auf die Longlist es Deutschen Buchpreises geschafft hat. Neid ist ein Thema unter Autoren, aber natürlich nicht für mich.

Dann ab in die Romanfabrik, zum Eichborn-Abend. Die Kolleginnen Tina Uebel und Friederike Moldenhauer stellen die Anthologie „Sex ist irgendwie nicht so mein Ding“ vor. Sehr schönes Ding, hochkarätig besetzt. Andreas Kurz liest aus „Nachtfalken“, mit dem er den Wettbewerb zum Eichborn-Jubiläum im letzten Jahr gewonnen hat.

Als ich auf die Bühne komme, stelle ich mal wieder fest, dass Eichborn ein im Wortsinne schöner Verlag ist. Da sind viele dabei, mit denen man auch gern woanders zusammensitzen würde.

Das Publikum ist intelligent und amüsierwillig – perfekt. Danach Bier mit Frau Moldenhauer, die immer wieder „Stößchen!“ ruft. Ich erzähle ihr, dass mich der Name Moldenhauer mich durch meine Kindheit begleitet hat, da ein Freund meines Vaters so hieß. Sie zeigt sich zu Recht nur mäßig interessiert.

Im Hotel bis zwei Uhr wachgelegen, acht Uhr geht der Wecker. Im Speisesaal lauter Autoren, die berühmter sind als ich. Roger Willemsen grüßt freundlich, weil wir uns alle zwei Jahre in diesem Speisesaal treffen. Buchpreisträgerin Julia Franck sitzt am Nebentisch. Das neue Buch habe ich noch nicht gelesen, wohl aber das davor, das ich ziemlich gut fand. Aber so was sagt man ja nicht einfach.

Dann kommt noch Thomas Glavinic, dessen Buch das komischste war, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Aber das sagt man ja auch nicht so ohne weiteres, wenn man den Mann nicht kennt.

Am andern Nebentisch unterhalten sich zwei Männer über einen Autor, der vor öffentlichen Auftritten immer Tranquilizier nimmt, so dass man die Fragen kurz und knapp stellen muss, damit er nicht zwischendurch wegdämmert.

Mit dem Taxi zur Messe. Der Taxifahrer ist Eintracht-Fan – aber nett. Endlich kann man mal wieder über was wirklich Wichtiges reden.

Die Messe ist der übliche Wahnsinn. Schlechte Luft. Und wenn man mit Leuten redet, gucken die sich immer um, ob nicht jemand interessanteres herumläuft.

Die Dame, die mich auf dem 3sat-Sofa interviewt ist im Sauerland geboren, dann aber in Indien und Dortmund zur Schule gegangen. Fragt sich, wo es exotischer war.

Das Fotografen-Pärchen, das mich am Nachmittag für eine österreichische Zeitschrift fotografiert, hätte eine eigene Fernsehserie verdient. Beide reichlich attraktiv und gut gekleidet, spielen sie Dialog-Ping-Pong miteinander, dass man meint, man wäre in einem frühen Woody-Allen-Film. Sie macht die Fotos, er bezeichnet sich als „Lichtentstörer“, ein Wort, das ihm ein österreichischer Autor geschenkt hat.

Auf dem Galore-Sofa geht es etwas kontroverser zu, aber der Interviewer ist auch Anhänger des russischen Werksclubs aus Gelsenkirchen.

Nach acht Stunden kann ich mein eigenes dösiges Gelaber nicht mehr hören, helfe an der Straßenbahnhaltestelle noch zwei verwirrten Norwegerinnen zur Fahrkarte und fahre dann mit dem unbestreikten ICE nach Hause, wo ich nicht mal mehr zu Zeichensprache fähig bin.

Zähfließender Verkehr bis Nettetal

Der Messe-Lag ist überwunden, bei mir jedenfalls. Es wird aber noch ein paar Wochen dauern, bis man bei Telefongesprächen mit Verlagsmitarbeitern nicht mehr den Eindruck hat, man rede mit Psyhopharmaka-Junkies.

Die erste Post-Messe-Lesung habe ich in Nettetal, unweit der holländischen Grenze, von Bochum aus etwa neunzig Kilometer entfernt. Mein aktuelles Bühnenprogramm heißt ja „A40“, wie die Autobahn, die ich an diesem Abend mal wieder in fast ihrer gesamten Länge abzufahren habe. Das ist kein Spaß. Staus unter drei Kilometern gelten bei uns nur als „zähfließender Verkehr“ und werden im Verkehrsfunk gar nicht mehr angesagt. Wenn man auf einer Strecke von nicht ganz hundert Kilometern vier solcher Nicht-Staus hat, kann es aber doch ziemlich eng werden, wenn man irgendwo einen Termin hat.

Ich erreiche Nettetal zwanzig Minuten, bevor die Lesung in der Stadtbücherei losgeht. Alle sind sehr freundlich und tun so, als hätten sie sich gar keine Sorgen gemacht, der Autor könnte nicht auftauchen. Gelesen wird in einem Raum unterm Dach. Es ist ausverkauft, was den alten Zirkusgaul (wie ich es ausdrücken würde, wenn ich Freddy Quinn wäre) schon mal freut. Am schwarzen Vorhang im Bühnenhintergrund hängt mein Plakat zur Lesung. Außerdem bilden eigens ausgeschnittene, mit Wäscheklammern an einer Leine befestigte Buchstaben meinen Namen. Dass ich dazu auf der Bühne eine Bemerkung werde machen müssen, von wegen, hier würden auch Kindergartenkinder in Vorbereitung der Nettetaler Literaturtage eingebunden, versteht sich von selbst.

Zunächst einmal gibt der freundliche Mann von der Stadtbücherei Anweisungen, wie das Publikum sich später beim Signierenlassen der Bücher zu verhalten habe. Der Büchertisch ist eine Etage tiefer aufgebaut, und wer ein Buch erwirbt, muss zu mir in den daneben liegenden Rum kommen und den am anderen Ende verlassen, und durch einen dritten wieder zurück in den Flur treten, weil sonst das Gedränge zu groß wird. Das hat was von den Sicherheitshinweisen im Flugzeug.

Die Bemerkung über die Kindergartenkinder kommt gut an. Man spürt gleich, das Publikum ist bereit, sich zu amüsieren – gute Voraussetzungen. Wie üblich besteht das Auditorium zu etwa siebzig Prozent aus Frauen. Männer gehen zu Lesungen schließlich nur, wenn sie von ihren Gattinnen gezwungen werden. Es sei denn, es kommt ein wichtiges Bezirksligaspiel dazwischen.

Nach der Lesung stelle ich selbst Fragen und beantworte sie. Außerdem weise ich darauf hin, dass Nettetal in diesem Blog auftauchen wird, woraufhin die Nettetaler beim Signieren ganz besonders freundlich sind. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass sie das ohnehin sind. Klingt ein bisschen einschleimend, aber manchmal hat man die Leute, die einem die Butter aufs Brot bringen, einfach gern.

La vie in Göttingen

Am Mittwoch darf ich ruhen und am Donnerstag nach Göttingen aufbrechen. Der Aufbruch wird mir aber ziemlich schwer gemacht, erfahre ich doch noch am Bochumer Hauptbahnhof, dass „aufgrund einer Betriebsstörung“ Fernzüge Bochum heute nicht anfahren, sondern über Gelsenkirchen umgeleitet werden. Eine Dame von der Bahn sagt mir als erstes, das habe nichts mit dem Lokführerstreik von heute früh zu tun. Ach Gott, gebe ich zurück, der Unterschied zwischen Streik und Normalbetrieb ist eh so schwer zu erkennen. Bei der „Betriebsstörung“ handelt es sich um einen Güterzug der in Wattenscheid entgleist ist. Okay, wenn man weiß, was dahintersteckt, fällt es leichter, es zu akzeptieren. Reflexhaftes Einteufeln auf die Bahn hat immer etwas Dämliches, so dass ich den Hinweis, doch öfter mal zu sagen, was wirklich los ist, anstatt nur von einer „Betriebsstörung“ zu reden, als konstruktive Kritik eines überzeugten ICE-Fahrers verstanden wissen möchte. Die übliche Erklärung „spielende Kinder im Gleis im Raum Wattenscheid“ kann ich nicht mehr hören und glaube ich auch nicht mehr. So dämlich können nicht mal die Blagen in Wattenscheid sein.

Mit dem Regionalexpress komme ich nach Dortmund, wo ich noch den ICE nach Hannover erwische. Unterwegs schreibe ich einen Text über Dire Straits, den ich schon vor Monaten für eine Anthologie zugesagt, dann aber verschlampt habe. Mir fällt wieder auf, dass ich in meinem Leben sehr oft uncoole Musik gehört habe.

In Hannover verpasse ich den Anschluss. Der IC, der per Lautsprecher als „nächste Reisemöglichkeit“ nach Göttingen annonciert wird, hält offenbar an jeder Milchkanne, braucht für die Strecke planmäßig 68 Minuten und hat außerdem Verspätung. Alter Bahnprofi, der ich bin, nehme ich den ICE 24 Minuten später, der nur 36 Minuten braucht. Ich fahre also später los, komme aber früher an als mit dem Zug, der mir empfohlen wurde. Ich bin ein bisschen stolz auf mich. Mit der Machete meines Bahnwissens schlage ich mich durch das Unterholz der wuchernden Verbindungen.

Vor dem Hotel wartet ein Herr vom Luxemburger Tageblatt auf mich, der das Buch etwas genauer gelesen hat als andere Leute, was einen die Verspätung wieder vergessen lässt.

Da man Autoren nicht zu viel zutrauen darf, werde ich um zwanzig Uhr von einer jungen Frau am Hotel abgeholt und zum nahegelegenen Rathaus eskortiert, wo John von Düffel noch signiert. Später wechseln wir ein paar Worte und von Düffel stellt sich als ausnehmend sympathischer Mann heraus. Selbst bei den wichtigen Fragen des Daseins schneidet er tolerabel ab: Er ist Anhänger von Werder Bremen und bezeichnet die Tatsache, dass man „Bayernhasser“ sei, als reine Selbstverständlichkeit. Sein neues Buch „Beste Jahre“ hat mir ohnehin gut gefallen und wächst im Lichte dieses Dialogs noch ein bisschen.

Herr Beves vom Göttinger Literaturherbst sieht ein wenig so aus, als wäre er der kleine Bruder von Georg M. Oswald, aber das sage ich ihm nicht. Im Vorgespräch stellen wir fest, dass wir beide mal Hallenhandball gespielt haben. Er war Torwart, und das sind beim Handball nun die ganz Wahnsinnigen, die sich im Training Tenneisbälle aufs Tor werfen lassen.

Ich eröffne die Lesung damit, dass ich schon mal in Göttingen gewesen sei – wovon Göttingen seinerzeit aber kaum Notiz genommen habe. Ich weiß noch, dass damals ein Champions-League-Endspiel unter Beteiligung des FC Bayern im Fernsehen lief. Bei meiner Veranstaltung in einer großen Buchhandlung verloren sich gerade mal vierzehn Frauen. Die Kerle saßen auf den Bürgersteigen vor den Kneipen und starrten in Fernseher.

Außerdem weiße ich darauf hin, dass es in Göttingen noch immer die Selterbude mit dem dämlichsten Namen gibt, den man sich vorstellen kann. Ganz in der Nähe meines Hotels befindet sich nämlich der „Kiosk La vie“. Den Eingeborenen ist das bisher noch nicht aufgefallen.

Nach zehn Minuten ist klar: Das hier wird ein besonderer Abend. Nichts gegen Nettetal und die anderen Lesungen, aber Göttingen ist, ganz ehrlich, ein absoluter Höhepunkt. Das Publikum ist derartig präsent, aufmerksam, attraktiv und intelligent, dass ich richtig ins Plaudern komme. Ein Publikum, mit dem man auf Tournee gehen möchte, wie Harry Rowohlt das genannt hat.

Zwischendurch gieße ich mir noch etwas Wasser aus der unter dem Tisch stehenden Vittel-Flasche ein, vergesse dann aber, die Flasche wieder hinunterzustellen. Plötzlich unterbricht mich eine Dame, die an der Seite rechts von mir sitzt und bittet mich, die Flasche wieder wegzustellen, sie könne mich sonst nicht richtig sehen. Wahnsinn! Sie wollen mich nicht nur hören, sie wollen mich sogar sehen!

Im „Fragenteil“ reiße ich im Überschwang mal wieder die Klappe auf und töne, dem sympathischsten Fußballverein Deutschlands, dem VfL Bochum, komme in dieser Spielzeit die Aufgabe zu, Bayern München am Samstag die erste Saisonniederlage beizubringen. Auch schwadroniere ich wieder davon, dass wir gesetzlich verpflichtet seien, alle zwanzig Jahre am DFB-Pokalendspiel teilzunehmen. Der Bochumer Fußball-Philosoph Ben Redelings hat bekanntlich schon T-Shirts drucken lassen: „68 – 88 – 2008 – Drei Mal ist Bochumer Recht“ (zu beziehen übrigens über www.malente-fußballshop.de).

Nach anderthalb Stunden entlassen wir uns gegenseitig. Ich darf erfrischend viel signieren. Eine Frau kauft das von mir mitherausgegebene Fußballbuch „Fritz Walter, Kaiser Franz und ich“, mit der Bemerkung, ihr kleiner Sohn sei noch auf keinen Fußballverein festgelegt, und vielleicht gelinge es mir ja, ihn mit einem schönen Spruch für den VfL Bochum zu begeistern. Ich gebe mir große Mühe und denke, das würde dem Abend natürlich die Krone aufsetzen: eine gigantische Lesung abgehalten und dann auch noch einen neuen Fan für meinen Verein gewonnen. Das ist fast mehr als man wünschen darf.
Die Dame, die mich vorhin unbedingt auch sehen wollte, lässt (ungelogen!) die Vittel-Flasche signieren und nimmt sie mit. Allerdings meint sie, auf dem Plakat vom Göttinger Literaturherbst sähe ich ein bisschen „nazimäßig“ aus, was mich doch ziemlich umhaut.

Einmal im Leben muss ich im „La vie“ eingekauft haben, also erstehe ich eine Flasche Bonaqua und ein Balisto als Betthupferl. Vor dem Einschlafen denke ich noch, wie schade es ist, dass Göttingen keinen Erstligaclub hat. Der käme glatt als Zweitverein infrage.

Und nächste Woche lesen Sie, was aus meiner großmäuligen Ankündigung eines VfL-Sieges gegen Bayern geworden ist, und wie es mir in Köln, Mülheim und Essen ergangen ist.

Eine Kirche in Köln

Also gut, das mit dem Sieg gegen die Bayern hat nicht geklappt. Aber fast. „Fast“ ist ein sehr wichtiges Wort, wenn man in Bochum wohnt. Nicht nur, was den Fußball angeht.

Am gleichen Abend spiele ich in Oberhausen mein Programm „A40 – Geschichten aus der Tiefe des Raumes“. Das Ebertbad ist einer meiner Lieblingsspielorte, nicht zu letzt deshalb, weil Geschäftsführer Hajo Sommers der einzige Vorstand eines Fußballvereins ist, der sich auf der Bühne und für Geld auszieht. Sommers agiert in der Bühnenfassung des Films „Ganz oder gar“ nicht und zeigt (fast) alles.

Als ich ankomme, warten in der Garderobe nicht ur ein ausgesucht feines Catering und ein Emaille-Schild (!) vom VfL Bochum, sondern auch eine hochprozentige Überraschung: eine Flasche Wodka-Wick-Blau – eine Getränk um dass es in der Geschichte „Ungesunde Getränke“, und das ich tatsächlich mal trinken musste. In der zweiten Hälfte müssen ein paar Leute aus dem Publikum dran glauben und einen kippen. Die Stimmung ist trotzdem prima.

Am Dienstag nach Köln, wo es in der Kulturkirche wieder um „So viel Zeit“ geht. Im Januar 2006 war ich das letzte Mal hier, als ich mit Harry Rowohlt und Heinz Marecek „Moskau-Petuski“ von Wendikt Jerofejew komplett vorgelesen habe. Sieben Stunden. An einem Montag im Januar! Zu Beginn waren mehr als zweihundert Leute da, am Ende noch etwa dreißig. Laut Herrn Rowohlt ist das Vorlesen im Studio der reine Schlauch. Sieben Stunden live ist dagegen praktisch Urlaub. Muss ich trotzdem nicht noch mal machen.

Auf der Fahrt vom Bahnhof zur Kirche erzählt mir der Taxifahrer, woher die Agnes-Kirche ihren Namen hat. Dabei habe ich gar nicht gefragt. Jedenfalls gab es hier früher einen sehr reichen Kappes-Bauern, der gesagt: „Kölner! Ich baue euch eine Kirche! Nicht so groß wie der Dom, aber immerhin! Doch nur unter einer Bedingung: Die Kirche muss heißen wie meine Frau!“ Und bis heute sind die Kölner froh, dass die Gemahlin des Landwirtes nicht Carola geheißen hat. Oder Deborah.

Vor der Kulturkirche ragt mich ein junger Mann mit meinem Buch in der Hand, ob ich auch zu der Veranstaltung ginge. „Ich muss“, gebe ich zurück. „Ach so, Sie sind da angestellt!“ Was er eigentlich von mir wollte, bleibt im Dunkeln.

Die Lesung ist sehr schön. Am meisten verwundert, dass sie die Kirche richtig warm gekriegt haben. Draußen nämlich regiert der Herbst mit kühler Hand. „Neue Heizung“, meint Monsigniore Diedrichs, der weniger wie ein evangelischer Pfarrer aussieht, sondern eher wie ein alternder amerikanischer Folk-Musiker aus den Siebzigern.

Am Mittwoch wieder A40, diesmal in der Stadthalle Mülheim. Es ist schon absurd, ein Programm wie eine Autobahn zu nennen und dann auf dem Weg zu den Auftritten ständig auf genau dieser Autobahn im Stau zu stehen. In Mülheim aufzutreten ist immer eine zweischneidige Sache. Nicht wegen des Publikums, das ist tofte. Aber Veranstalterin Claudia Saerbeck sieht mich immer an und lacht sich kaputt. Noch bevor ich einen Witz gemacht habe. Das verunsichert mich. Aber wahrscheinlich meint sie es nur gut.

Am Donnerstag steht die Zeche Carl in Essen auf dem Programm. Hierhin kann ich endlich mal über die A42 fahren. Auch eine schöne Autobahn, die einen im Übrigen auch nicht ständig mit Tempolimits ausbremst.

Im Publikum sitzt ein junger Mann, der eine meiner Pointen zerschießt, da er, wie ich, von der Alleestraße in Bochum „wegkommt“ und trotzdem Medizin studiert hat (im Gegensatz zu mir).

Eine besondere Sache gab es in dieser Woche noch: Ich habe zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren wieder einen Artikel für meine Schülerzeitung geschrieben. Die wird in diesen Tagen dreißig Jahre alt und ist damit die älteste Schülerzeitung Deutschlands. Zum Jubiläum haben sie mich um einen Text gebeten, und eigentlich hatte ich mich mit etwa anderthalb Seiten aus der Affäre ziehen wollen, doch dann hat mich das Sentiment gepackt und ich bin in den Keller gegangen und habe alte Ausgaben hervorgeholt. Der Chefredakteursposten wurde damals immer nur für eine Ausgabe vergeben, und wenn ich zuständig war, konnte man immer sicher sein, dass eine Seite an die falsche Stelle gerutscht war oder gleich ganz fehlte. Ich bin ganz froh, dass die Herstellung meiner Bücher von zuverlässigen Profis übernommen wird.

Rekordgast in Dortmund

Und dann mal wieder Dortmund: 1live Klubbing unterwegs. Mit Alexa Hennig von Lange teile ich mir den Titel „Rekordgast“. Mit fünf von sechs Büchern war ich seit 2001 in der Sendung mit dabei. Eine Stunde lang, ein Mensch und sein Besuch, ein Moderator oder eine Moderatorin und Musik für junge Leute. Gastgeber Mike Litt ist ein guter Mensch, denn seine Farben sind Blau und Weiß und seine Buchstaben V, f und L.

Das „Domicil“ ist ein traditionsreicher Jazzclub. Hier bin ich mal für die Ruhr-Nachrichten bei einer Veranstaltung aufgetreten, auf der auch der „Borusse des Jahres“ gekürt wurde. Ich habe also schon mal Roman Weidenfeller die Hand gegeben. Es gibt Gegenden in Bochum, da darf man das nicht laut sagen.

Jedenfalls dachte ich: Großes Haus, volle Hütte, doch findet im größeren Saal eine Veranstaltung mit Desiree Nick statt. Wir machen es uns also im kleinen Raum gemütlich. Da mich der Ben und die Nadine gefahren haben, darf ich schon vor der Veranstaltung Vier trinken. Bei anderen Sendern werden die Verantwortlichen dann gerne mal nervös, bei 1live aber sind sie schon froh, wenn sich die Gäste vorher nicht total zukoksen.

Vor der eigentlichen Lesung gibt es noch ein Interview im 1live-Doppeldecker-Bus, wo im unteren Deck Leute über einsachtzig die Decke mit der Fontanelle putzen. Auf Frischluft wird zu Gunsten von Nikotin verzichtet. Komme mir vor wie auf Urlaubsfahrten mit meinen Großeltern nach Österreich.

Zu Beginn läuft „The Boys are back in Town“ von Thin Lizzy, was auf diesem Sender nicht oft geschieht. Herr Litt stellt wie immer Fragen, die dem Gast die Gelegenheit geben, gut auszusehen, bzw. sich gut anzuhören. Irgendwann erzähle ich, dass ich bei Hardrock oft an die Schweiz denken muss. Zum einen war ich nämlich mal in Bern bei einem David-Lee-Roth-Konzert, zum anderen in Köln bei der eidgenössischen Combo „Gotthard“, wo der schweizer Gitarrist ausgepfiffen wurde, weil er Ansagen auf englisch machte. Als dann wieder Musik läuft, mahnt eine gut aussehende Schweizerin im Publikum, nicht gegen ihr Land zu sagen. Ich antworte, das liege mir fern, ich hätte gute Freunde in der Schweiz. Die Information, dass mein Erstgeborener seine Existenz einem Aufenthalt in Zürich verdankt, halte ich aber besser zurück.

Zwischendurch gebe ich an, negative Kritik nicht ausstehen zu können, was irgendwie nicht so ironisch rüberkommt, wie es gemeint war. Ich frage mich, ob ich demnächst bei solchen Gelegenheit vielleicht auf Alkohol verzichten soll und bestelle noch ein Bier.

Das anschließende Wochenende soll der Erholung dienen, doch wie soll man sich erholen, wenn der eigene Fußballverein in Berlin eine Vorstellung abliefert, die einen noch nicht mal mehr die Tränen in die Augen treibt?!

Ein Aquarium in Hattingen

Am Montag ist Hattingen an der Reihe. Ich liebe Veranstaltungen, zu denen ich hinkomme, ohne eine Autobahn zu benutzen. Die Lesung findet statt im „Henrichs“, dem Restaurant des Industriemuseums Henrichshütte. Mitten im Raum ist eine große Glasfläche, durch die man in den darunter liegenden Ausstellungsraum gucken kann. Glücklicherweise muss ich da nicht draufsitzen. Glas ist aber ein gutes Stichwort: Meine Garderobe ist ein komplett verglaster Raum im oberen Stockwerk, der von unten prima einsehbar ist, vor allem, wenn man das Licht einschaltet. Fühle mich wie in einem Aquarium. Mein Mund geht auf und zu, wie bei einem debilen Goldfisch. Glücklicherweise liegt es nur daran, dass ich telefoniere.

Die Lesung ist ausgezeichnet besucht, Hattingen gibt wieder alles. In der ersten Reihe sitzt eine Frau, die erst kürzlich auf Pellworm war. Pellworm ist ein grünes Fünfmarkstück in der Nordsee, von Unwissenden oft fälschlich als Hallig bezeichnet, dabei ist das eine vollgültige Insel. Freunde haben da mal gewohnt. Wenn dienstags ein Auto am Haus vorbeifuhr und mittwochs noch eins, stöhnten die: „Mann, ist das wieder ein Verkehr!“

Am Dienstag wird unser Auto bei Ausparken beschädigt, meine Omma hat Geburtstag (Stefan Kuntz vom VfL auch), Brandy (mit dem ich zum Pokalspiel nach Aachen fahren will) setzt seinen Volvo gegen einen Baumstumpf, das Spiel ist der letzte Dreck, wir scheiden aus, werden auf der Rückfahrt geblitzt, und als Brandy mir am nächsten Morgen unseren Zweitwagen zurückbringt, ist der Fensterheber an der Fahrerseite im Eimer. Drei kaputte Autos, ein verlorenes Pokalspiel und ein Hochgeschwindigkeits-Knöllchen – und das alles in knapp 22 Stunden!

Auch wenn es zur „So viel Zeit“-Lesereise gar nicht passt, muss noch ein Wort über Osnabrück verloren werden, wo ich am 3.11. mit „A40“ gastieren durfte. Sollten Sie jemals in die Verlegenheit kommen sollten, in Osnabrück auftreten zu müssen, dann erwähnen Sie, dass es die Geburtsstadt von Erich Maria Remarque ist und loben sie den örtlichen Fuballverein! Letzteres fiel mir leicht, da der VfL Osnabrück erst zwei Tage zuvor gegen den 1.FC Köln gewonnen hatte. Wenn Sie sich aber richtig ins Herz der Osnabrückerinnen und Osnabrücker reden wollen, machen Sie einen Scherz über den Ort Carolinensiel an der Nordseeküste. Man wird es Ihnen danken. Und sollte Ihnen gegenüber noch mal jemand sagen, Niedersachsen hätten keinen Humor, dann schleudern sie ihm oder ihr ein knallhartes Dann fahr aber mal nach Osnabrück! entgegen. Osnabrück ist definitiv ein Humor-Oberzentrum der Republik. So, und sehr viel häufiger kann man Osnabrück in so wenigen Zeilen nicht erwähnen.

Gitarrenfeuerzeuge in Bremen

Irgendwie schaffe ich es nicht, rechtzeitig von zu Hause loszukommen, wenn es auf große Fahrt geht. Ich packe rechtzeitig, lege mir alles zu recht, vergesse die Hälfte und komme IMMER in Stress. Unbewusst will ich wahrscheinlich lieber zu Hause bleiben. Nein, nicht unbewusst, sondern ganz bewusst, denn morgen, Donnerstag, den 8.11. ist Peter Neururer zu Gast in Ben Redelings’ Fußballkultur-Veranstaltung „Scudetto“ (www.scudetto.de, vor allem aber www.scudetto-blog.de!), und das wird sicher ein Fest für Katzen.

Ich hetzte mich ab, um zum Bahnhof zu kommen, steige in Dortmund um und komme pünktlich in Bremen an. Das Hotel ist praktisch gegenüber dem Bahnhof, das erspart eine Taxifahrt. Ich fahre nämlich nicht mehr gerne mit dem Taxi, einfach weil ich es in den letzten Jahren zu oft gemacht habe. Ich kann nicht sagen, was genau mich daran stört, doch irgendwas ist es.

In Bremen in der Buchhandlung Geist zu lesen ist nicht nur ein Vergnügen und eine professionelle Pflicht, sondern schon fast eine moralische Verpflichtung, jedenfalls bei diesem Buch. Als das Lesexemplar etwa drei Monate vor Erscheinen der ersten Auflage in die Buchhandlungen gelangte, hatte Geist-Chef Horst Baraczewski in einer sehr netten Mail auf den einen oder anderen Fehler im Buch hingewiesen, unter anderem auf einen ganz peinlichen, hatte ich doch eine der Figuren unwidersprochen sagen lassen, die Nummer „Stormbringer“ sei auf „Deep Purple in Rock“ – was natürlich gefährlicher Schwachsinn ist, schließlich gibt es eine ganze LP, die „Stormbringer“ heißt. So was kriegt man dann in den Kritiken völlig zu Recht um die Ohren gehauen.

Im Hotel gibt es schon mal W-LAN für lau, was eine schöne Sache ist, eigentlich aber Standard sein sollte.

Vor der Lesung, in der Pause und danach spielt ein sehr netter Mann Gitarre. Eigentlich ist er Flamenco-Spezialist, für den heutigen Abend hat er sich einige Rock-Klassiker draufgezogen, die auf der akustischen Klampfe eine ganz eigene Wirkung entfalten. Der Mann heißt tatsächlich Tim Schikoré, und glauben Sie mir: Er hat jeden Witz über diesen Namen schon mal gehört. Es wird eine Flasche Wein gereicht, die tatsächlich „Stairway to Heaven“ heißt. Hier stimmt jedes Detail.

Horst Baraczewski macht vorher ein kleines Quiz mit den Leuten und vergibt als Preise kleine E-Gitarren, die eigentlich Feuerzeuge sind und blinken wie eine Lichtorgel.

Ich lese erstmalig die Kapitel vier, fünf und acht, weil Nicola, meine neue Managerin gesagt hat, ich soll nicht nur die lustigen Passagen machen. Sie hat recht: So ist es noch schöner. Im Laufe der Lesung komme ich irgendwann auf „Paranoid“ von Black Sabath zu sprechen und stelle eine zusätzliche Quizfrage in den Raum, nämlich von wem wohl die deutsche Version dieses Hardrock-Klassikers sein könnte. Eine Frau in der ersten Reihe weiß es: Cindy und Bert! Unter dem Titel „Der Hund von Baskerville“! Die Dame hat sich damit selbstredend ein Gitarrenfeuerzeug verdient.

Von „Baskerville“ gibt es auch eine absurde Fernsehaufnahme, ca. 1970, da stehen die beiden und singen das, und speziell Bert schaut sehr ernst, möchte gefährlich wirken, ein Vorhaben, das nicht so ganz gelingt. Cindy trägt ein Walle-Kleid mit psychedelischem Muster und wirkt auch nicht gefährlich. Ich nehme mir vor, zu Hause noch mal den Text im Internet zu suchen.

Zur Lesung ist auch Claudia gekommen, mit der ich in Bochum Geschichte studiert habe. Es gibt Leute, da denkt man sich, die müsste man eigentlich öfter sehen.

Nach der Veranstaltung landen wir beim angeblich besten Italiener Bremens, fast direkt neben der Buchhandlung. Wieder gibt es keine belegten Brötchen und keine Frikadellen. Dabei kommen Frikadellen laut Horst Baraczewski aus Italien. Seltsam.

Erst jetzt stößt Claudias Schwester mit ihrem Mann dazu, die noch auf einem Konzert von Holly Cole gewesen sind. Na gut, Holly Cole kann ich als Ausrede für das Versäumen meiner Lesung gerade noch gelten lassen. Außerdem hat sie wieder diesen sündhaft teuren, himmlisch weich schreibenden Montblanc-Stift dabei, mit dem ich ihr Buch signieren darf und den ich mir nur deshalb nicht selber kaufe, weil ich ständig Angst hätte, das Ding irgendwo liegen zu lassen.

Am nächsten Mittag treffe ich mich mit Arnd Zeigler zum Essen und nagele ihn darauf fest, nächstes Jahr im Dezember in einer Fußballkulturreihe aufzutreten, die ich in Gelsenkirchen moderieren werde. Zeigler erinnert sich tatsächlich an eine Episode aus den frühen Neunzigern, als ein Bremer Spieler im Spiel in Bochum vom Platz gestellt wurde, weil er angeblich einen VfLer in Höhe der Mittellinie grob gefoult hatte. Am gleichen Abend wurde das Aktuelle Sportstudio aus der Bochumer Starlight-Halle gesendet und die ganze VfL-Mannschaft war zu Gast. Im Spielbericht war eindeutig zu sehen, dass unser Spieler mitnichten gefoult worden war, sondern eine besonders dreiste Schwalbe hingelegt hatte. Darauf angesprochen, gab der betreffende Spieler zu Protokoll, er sei da so lange gelaufen, von der Seite habe sich ein Bremer Spieler genähert – ja, und dann habe er einen Wadenkrampf bekommen! Etwa 1500 Leute in der Halle und ein paar Millionen vor den Fernsehern kriegten Krämpfe vor Lachen, und auch der Moderator Bernd Heller hatte Mühe, die Contenance zu wahren.

Autor flieht vor Sturmflut aus Kiel!

Abends dann nach Kiel. Im Hotel genehmige ich mir das im Maritim übliche Clubsandwich und öffne dazu eine Cola Zero aus der Minibar. Schon dass es beim Öffnen nicht zischt, macht mich skeptisch. Dass obenauf ein weißer Pickel schwimmt, lässt mich auf das Verfallsdatum schauen: 03/07. Na ja, ohne Zucker ist wahrscheinlich eh ungesund.

Die Lesung findet in einem richtigen Junge-Leute-Club statt. Im Raum stehen lauter Sessel und Sofas vom Sperrmüll, und erst um 21 Uhr ist Einlass, Beginn der Lesung 21 Uhr 30. Ich fühle mich alt. Es werden wahrscheinlich lauter Mittzwanziger da sein, die sich nicht die Bohne für Männer Mitte Vierzig interessieren, die verwitwet sind oder Angst haben krebskrank zu sein und deshalb eine Rockband gründen, um angestaubten Hardrock aus den Siebzigern zu spielen.

Die Sorge stellt sich als unbegründet heraus. Na gut, viel der Anwesenden sind tatsächlich erst Mitte oder Ende Zwanzig, aber mit dem festen Willen hier angetreten, sich zu amüsieren. Das obligatorische Lehrer-Ehepaar sitzt in der zweiten Reihe und sieht gar nicht wie ein Lehrer-Ehepaar aus. In der ersten Reihe sitzt eine Dame aus Köln, die zu meiner Anti-Kölsch-Tirade tapfer lächelt. Weiter hinten ein junger Mann aus Oberhausen und in der Mitte eine junge Frau aus Wuppertal, die ebenfalls aufgezeigt und „Hier“ gerufen hat, als ich gefragt habe, ob Leute aus dem Ruhrgebiet anwesend seien. Ich nehme zur Kenntnis, dass manche Menschen offenbar lieber zu uns gehören möchten als zum Bergischen Land. Ich verstehe diese Menschen. (Wenn das jemand aus Wuppertal liest, gibt es wahrscheinlich im Gästebuch wieder aufs Maul.)

Am Ende bin ich dann doch rechtschaffen müde, immerhin habe ich heute zu einer Zeit angefangen, zu der ich sonst mit der Lesung schon durch bin.

Am nächsten Morgen werde ich schon um sieben wach und beschließe, einen Zug früher zu nehmen. Beim Auschecken kriege ich einen Umschlag in die Hand gedrückt: Ein Brief des Lehrers von gestern, den er noch vor der „nullten“ Stunde hier abgegeben hat. Er erklärt sich meine Anti-Sportlehrer-Polemik von gestern (die ich immer bringe, wenn ich auch die Anti-Kölsch-Geschichte mache) damit, dass ich vielleicht im Sportunterricht schlechte Erfahrungen gemacht habe. Die Sache ist komplexer, aber sei’s rum. Jedenfalls lädt er mich zu einem Unterrichtsbesuch ein. Mal sehen. Wird halt schwierig, so weit weg von zu Hause.

Im Taxi-Radio warnt der Norddeutsche Rundfunk vor Sturmflut und Orkanböen. Ich komme gerade noch rechtzeitig hier raus, denke ich. Der Taxifahrer will mit ein paar Kumpels am Nachmittag mit der Fähre nach Oslo fahren. „Na ja“, sagt er, „da ist heute Abend wenigstens genug Platz am Büffet.“ Seine Gefährten und er sind erfahrene Segler, die legen beim Essen noch mal nach, wenn die anderen schon über der Reling hängen.

Beim Umsteigen in Hamburg ruft Redelings an und schildert den gestrigen Abend in schillernsten, also blau-weißen Farben. Neururer ist streng steil gegangen und hat wie üblich kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum ging, Vereinspräsidenten oder andere Trainer durch die Gülle zu ziehen. Bin neidisch. Aber Kiel war auch schön. Außerdem hat mich die bevorstehende Sturmflut ja praktisch mit einer Nahtoderfahrung versorgt.

Ab nach Hause.

Parkplätze in Essen

Eine der spannendsten Fragen, wenn man in Essen liest ist die: Wie nah am Theater kann ich parken? Als guter Deutscher möchte ich mein Auto natürlich am liebsten direkt vor der Tür abstellen, zum einen damit den Fuß vom Auto direkt ins Haus setzen kann, zum anderen damit die anderen meine Schleuder sehen. Wie viele Menschen sind schon stundenlang um das Essener Grillo-Theater gekurvt, um einen der drei Parkplätze direkt vor der Nationalbank zu kriegen! Oder auf der anderen Seite des Hauses hinter dem Taxistand, an dem ich noch nie ein Taxi gesehen habe. Ich erwische einen Parkplatz ein paar Meter weiter, am Europahaus, und erspare mir so wenigstens das Parkhaus unterm Kennedyplatz.

Das Grillo-Theater beherbergt eine der schönsten Literaturbuchhandlungen, die ich kenne, mit einem der originellsten Namen, die man sich vorstellen kann: Literaturbuchhandlung im Grillo-Theater. Scherz beiseite, der Laden ist wirklich toll, hier sind immer ein paar Sachen in der Auslage, die man woanders nicht sieht. Ich behaupte ja schon von mir, gern zu lesen, doch die Damen, die hier tätig sind, atmen Bücher.

Die Lesung findet im Café Central statt, was irgendwann mal das „obere Foyer“ gewesen ist. Früher wurde man hier von großformatigen Schauspielerbildern angestarrt, was einen immer ein wenig unsicher machte. So ausdrucksstarke Gesichter! Bin ich dagegen nicht viel zu uninteressant? Na gut, ehrlich gesagt ist mir persönlich das nur selten so gegangen, aber das klingt ein wenig uncharmant, vielleicht sollte ich das wieder löschen. Seit Anselm Weber hier Intendant ist, hängen da große Spiegel, was im Theater wahrscheinlich bedeutet, dass das Publikum sich selbst betrachten soll oder was weiß ich, vielleicht soll auch nur der Raum größer wirken.

Das Café Central ist für Lesungen der ideale Ort. Es herrscht eine lockere und zugleich konzentrierte Atmosphäre, das Publikum ist intelligent, aber nicht dogmatisch. Kaum sitze ich am Tischtauschen zwei Pärchen, die links und rechts von der Bühne sitzen, die Plätze, wofür sie hinter mir hergehen müssen. Was das? Müssen hier Katholiken und Protestanten getrennt sitzen? Nein, klärt mich das Publikum auf, wohl aber Raucher und Nichtraucher. Die moderne Welt ist immer für eine Überraschung gut.

Wie gewohnt komme ich während des Lesens ins Plaudern und kann in Essen natürlich nicht die Geschichte es schlimmsten Auftrittes meiner fünfzehneinhalb Jahre währenden Kleinkunst-Laufbahn aussparen: Im September 2000 war ich für den Seniorenball der Stadt Essen engagiert worden! Dem Publikum steht wie immer die Frage im Gesicht geschrieben: Wieso machen Sie so was? Die Antwort ist prosaisch: Geld. Machen wir es kurz: Ich hatte von tobenden Jubelstürmen bis zu heftigster Ablehnung bis dahin alles erlebt, noch nicht aber die komplette Absenz jeder Form von Reaktion. Ich rede gern, ich rede viel, aber noch nie hatte ich derartige Schwierigkeiten, fünfzehn vertraglich vereinbarte Minuten zu füllen. Nach fünfzehn Minuten und vier Sekunden war ich noch nicht mal mehr auf Essener Stadtgebiet.

Die Lesung heute läuft unter sehr viel günstigeren Bedingungen ab. Einigen Leuten entkommt sogar ein begeistertes „Ah!“, als ich ankündige, im nächsten Jahr ein Fußballbuch herausbringen zu wollen. Scheint die richtige Entscheidung zu sein.

Keine Kamera in Witten

Am nächsten Tag ist Witten dran. In der dortigen Werkstadt wartet Oliver Nickel mit einem schwer gewöhnungsbedürftigen Pullover: Grün mit Hs drauf. Sieht aus wie das Kostüm des Riddlers bei Batman. Immerhin: Nach gefühlten sechs Jahren ist endlich die Heizung in der Garderobe repariert. Da der Laden keinen Keller hat, ist es aber noch ziemlich fußkalt.

Eine dreiviertel Stunde vor Beginn stellt sich heraus, dass der Buchhändler nicht erscheinen wird. Kommunikationsprobleme: Der Veranstalter denkt, es ist alles klar, schließlich hat diese Buchhandlung hier immer meinen Büchertisch gemacht, der Buchhändler aber denkt, der Termin müsse noch bestätigt werden. Zum Glück gibt es Nadine Redelings vom Fußballshop „Der Geist von Malente“ (www.malente-fußballshop.de). Nadine hat schon öfter für mich verkauft und schmeißt auch den Online-Shop auf meiner Website. Zur Pause ist sie vor Ort und bietet feil. Eine Lesung, auf der keine Bücher angeboten werden, wäre unflott gewesen. Ihr Mann Ben ist mit dabei und schnorrt Freibier.

Und ärgert sich, dass er keine Kamera dabei hat. Im „Zugabenteil“ der Lesung tue ich etwas, was ich nur selten tue: Ich mache Werbung für ein Buch, das nicht von mir ist. Und nicht nur das: Als bekennender und eingefleischter Anhänger des VfL Bochum bewerbe ich das Buch eines Schalke-Fans: Stefan Barta: „Für immer blau-weiß – Mein Leben als Schalker“. Wer das liest fragt sich, ob er sich hinterher noch als Fan bezeichnen darf. Barta beschreibt sein Leben als Schalke-Fan so authentisch, so voller Herzblut, mit genau dem richtigen Maß an Pathos, dass jedes Fanbuch, das von jetzt an in Deutschland geschrieben wird, sich hieran wird messen lassen müssen. Für Ben wäre das natürlich ein gefundenes Fressen gewesen. Er betreibt die Seite www.scudetto-blog.de, wo er ständig witzige, skurrile oder erschreckende (Uli Hoeneß’ „Wutrede“) Videos rund um den Fußball publiziert. Und wie ein VfLer ein Schalke-Buch feiert, das hätte da gut hingepasst. Aber Ben hatte ja auch keine Kamera dabei, als ich im Duisburger Stadion aus der Damen-Toilette kam.

Ein Bier mit Dieter in Dortmund

Am Freitag gebe ich mir Mühe, die seit Tagen heraufziehende Erkältung weiter niederzukämpfen. Am Abend gelange ich im Schritttempo über die A40/B1 nach Dortmund ins Fritz-Henßler-Haus, wo mich mein Lieblingsdortmunder Dieter Kottnik erwartet, Veranstalter, Ex-Mitglied der Band „Fischbüro“ und aktuell in der Combo „Borsig Brothers“ aktiv. Kottnik kenne ich bereits seit dem letzten Jahrhundert. Der Mann alles schon gesehen und lacht über Komiker nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Eine meiner eindrücklichsten Bühnenerinnerungen ist mit ihm verbunden: Vor zwölf, dreizehn Jahren trat Tresenlesen am Rande der „Kulturbörse“ in der Freiburger Kneipe „Rattenspiegel“ auf. Es war gesteckt voll und vor der Tür erhob sich (kein Witz) das Geschrei: „Hier draußen sind Frauen!“ Und uns gegenüber stand Dieter Kottnik, Tränen liefen über sein hochrotes Gesicht, und er schlug unaufhörlich mit den Fäusten gegen die Wand, weil er vor Lachen beinahe erstickt wäre.

Das Publikum ist heute Abend extrem amüsierwillig. Da ich nicht immer das gleiche machen will, lese ich als erstes eine Spüli-Pommes-Mücke-und-ich-Geschichte, in der es darum geht, wie uns 1983 auffordert, eine Band zu gründen, obwohl wir keine Instrumente beherrschen. Das ist schon mal gut. Bei der Lesung aus dem Buch lacht dann vor allem eine Frau über Stellen, über die noch niemand gelacht hat. Zwei Städtenamen findet sie besonders witzig: Schon bei „Bielefeld“ kann sie sich nicht halten, aber „Nürnberg“ haut sie praktisch aus dem Sessel. „Köln“ hingegen entlockt ihr nicht einmal ein Schmunzeln. Rätselhaftes Dortmund.

Für den Zugabenteil habe ich mir heute eine Mutprobe vorgenommen, und die ziehe ich auch durch: Auch hier in Dortmund preise ich das Barta-Buch. Das Entsetzen hält sich in Grenzen, im Gegenteil, das Ding wird hinterher am Büchertisch sogar gekauft! Aber Kottnik hat ja zu der Thematik schon vor der Lesung bemerkt, dass man sich im anderen immer selbst erkennt, und das treffe auf die Rivalität zwischen S04 und BVB im besonderen Maße zu.

Nach der Veranstaltung trinke ich mit Dieter zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Kronen Pils. Die heraufziehende Erkältung ist vergessen.