Es konnte eigentlich nicht schief gehen, auch wenn ich auf ein gutes Gefühl vor dem Spiel nichts mehr gebe. Aber am Mittag des Stuttgart-Spiels hatte ich schon einen Kick gesehen, der die Blaupause abgab für das Auftreten unseres VfL. Die F1-Jugend von Arminia Bochum 1926 erkämpfte sich mit bundesligatauglichem Einsatz ein hochverdientes 1:1 im Freundschaftsspiel gegen Wattenscheid 09.
Es gibt da diese Szene in „Asterix bei den Briten“, wo Asterix und Obelix zusammen mit Teefax ein Rugby-Spiel besuchen. Die britischen Zuschauer stehen vor dem Spiel gesittet in der Kassenschlange, bedenken das Vorprogramm mit höflichem Applaus – und rasten völlig aus, als es heißt: „Und hier die Spieler!“ Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich entweder im Stadion oder im heimischen Fernsehzimmer Familienväter in ihren Vierzigern sehe, wie sie sich kurz nach dem Anpfiff in grunzende, sabbernde Urmenschen zurückverwandeln, bei denen es schwer fällt, sich vorzustellen, sie stammten vom Affen ab, da Affen sich meist sehr viel zivilisierter benehmen.
Und ich dachte schon, ich müsste es selber machen. Einige Mitglieder des VfL hatten das auch gefordert. Nun gut, die sind sechs und acht Jahre alt und erwarten von mir, dass ich ihre Ausbildung bezahle sowie warmes Essen, Kleidung und Dauerkarten finanziere, also kann man dieses Votum nicht repräsentativ nennen. Trotzdem ist es schön, wenn man gefragt wird.
Manchmal beschleicht mich schon der Gedanke, die Erziehung des Nachwuchses in Sachen Fußball könnte ein wenig ZU erfolgreich verlaufen. Am Vormittag unseres Spiels in der Ostzone unserer Heimatgegend, weigerte sich der Zweitgeborene unter Tränen, das von seiner Mutter herausgelegte Oberteil anzuziehen. Weil es schwarz-gelb sei. Nein, nein, das sei kein Schwarz, gab Muttern zurück, die in ihrem kleinen fränkischen Dorf eher fußballfern sozialisiert worden ist, das sei eindeutig ein sehr dunkles Blau. Außerdem ist auch noch Weiß darin. Nix zu machen. Dunkelblau ist zu nah dran. Na gut, an Spieltagen ist eine solche nervliche Zerrüttung zu tolerieren, aber langfristig sollte man ein Auge drauf haben.
Kinder haben ein Faible für Rekorde und Höchstleistungen. "Papa, stimmt es, dass du mal schneller gelaufen bist als Usain Bolt?", ist im Hause Goosen ein beliebter Schnack. Genau wie die Antwort: "Ja, als ich hinter eurer Mutter her war!" – "Kannst du das noch mal vormachen?" – "Ach, wie sagten schon die Missfits: Auch der Löwe läuft nicht mehr weiter, wenn die Gazelle erlegt ist!"
Besonders lassen sie sich natürlich von fußballerischen Großtaten beeindrucken. Auch wenn sie mir durchaus nicht alles glauben. Die Usain-Bolt-Geschichte haben sie noch gekauft, weil sie sich schon mit sechs beziehungsweise acht Jahren vorstellen können, dass man für tolle Frauen sehr schnell rennen kann. Die Story, wie ich mal bei einem Freizeit-Kick den Ball aus dem Stand über den Torwart und drei Gegenspieler ins vierzig Meter entfernte Tor gelupft habe, stößt bei ihnen jedoch auf Skepsis: "War das nicht die Zeit, in der du wegen deines Bauchs deine Füße gar nicht gesehen hast?"
Manchmal wäre man ganz gern wieder acht Jahre alt. Dann hätte man immer jemanden, der einen zu den Auswärtsspielen fährt, man könnte sich einfach an einem vollen Stadion und den merkwürdigen Fremdfans darin berauschen und darüber das Spiel vergessen und hätte auch nach einem null zu drei noch den Blick für das Schöne im Leben.
Ja, ich musste meinen sechsjährigen Sohn beneiden, als wir uns auf Schalke im Schneckentempo in den Stau auf der Kurt-Schumacher-Straße schoben und der Zweitgeborene sagte: "Guck mal Papa! Die Sonne sieht aber toll aus!" Tatsächlich: Dunkelorange wie frisch abgestochener Stahl hing der Glutball über Gelsenkirchen und schien warm auf zufriedene Königsblaue, die "Spitzenreiter! Spitzenreiter!" grölten.
Wenn man im Sommerurlaub historische Romane liest, kann es schon mal sein, dass man ein unangebrachtes Gefallen an überholten Strategien zur Konfliktlösung findet. Will sagen: Nachdem ich mir Robert Harris’ „Imperium“ zu Gemüte geführt hatte, tagträumte ich bisweilen davon, unliebsame Zeitgenossen nur mit einem Strohhalm bewaffnet in ein mit Sand gefülltes Rund voller hungriger Raubtiere zu werfen. In den Staub mit den Feinden Roms!
Und Kandidaten für diese Art der Bestrafung gibt es in diesen Tagen genug – jedenfalls wenn man Anhänger des VfL Bochum ist. Wie viele „Experten“ haben sich nicht entblödet, uns glatt auf Platz 18 zu tippen! Wie originell!
Die Dominas in Bochum sind derzeit praktisch arbeitslos. Wer Gefallen daran findet, sich organisiert quälen zu lassen, der geht einfach ins Stadion.
So darf man eine humorvolle Kolumne, noch dazu die letzte in dieser Saison, eigentlich nicht beginnen. Trotz allem muss man doch positiv nach vorne schauen, denn es ist nicht vorbei, bevor es vorbei ist, auch wenn es bedenklich stimmt, dass einem plötzlich Lenny-Kravitz-Zeilen durch den Kopf gehen.
Du weißt, dass die Angst dich am Arsch hat, wenn du schon vor dem Frühstück am Computer sitzt und nachschaust, wie viele Punkte man in den letzten Jahren brauchte, um nicht abzusteigen. Da ist ja immer von diesen ominösen vierzig Punkten die Rede, tatsächlich reichen aber meistens vierunddreißig bis sechsunddreißig. Solche Zahlenspiele sind entwürdigend, aber das ist Deutschland sucht den Superstar auch.
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