Letzte Nacht habe ich noch mal davon geträumt, wie wir das Pokalfinale gewonnen haben, von wegen 68, 88, 2008. 3:2 in der letzten Minute der Verlängerung, durch ein Kopfballtor von Jan Lastuwka. Eines der Bierchen zum pfingstlichen Stockbrotgrillen muss Schlagseite gehabt haben.
Der Fußballfan lebt ja gern im Konjunktiv, und diese Saison bot dazu viele Gelegenheiten: In Hannover, Stuttgart, Dortmund und Gelsenkirchen hätten wir einen Punkt holen, in Leverkusen und gegen Nürnberg gewinnen müssen, ebenso wie in den Heimspielen gegen Cottbus, den BVB, Hertha und den MSV. Dann hätten wir achtzehn Punkte mehr, plus drei gegen Rostock, und wir würden an die Tür der Champions League klopfen. Und, Hand aufs Herz, ganz Fußballdeutschland weiß, dass wir genau da hin gehören!
Herrlich! Kampfbetonter Fußball voller Leidenschaft, Tore in letzter Minute, Einsatz bis zum letzten Saisonspiel, bescheidene finanzielle Mittel und spielerische Defizite werden wettgemacht durch Feuer in den Waden.
Doch genug von Energie Cottbus – wie sieht es bei uns aus?
Es ist ja immer schön, wenn man zitiert wird. Der Zitierende gibt damit im günstigsten Falle zu, dass er das Zitierte besonders amüsant oder treffend findet. Ich jedenfalls freue mich immer, wenn mir mal wieder jemand auf die Schulter schlägt und sagt: „Du hast ja so recht, mit dem, was du da geschrieben hast! Ich wünschte, ich könnte das so ausdrücken!“ Die meisten können es auch, tun es aber nicht. Deshalb habe ich noch immer ausreichend Arbeit.
Der Ausflug nach München begann für mich mit einem zauberhaften VfL-Stammtisch, setzte sich fort mit einem deprimierenden Spiel in einem umgekippten Autoreifen und endete mit wässrigem Durchfall.
Am Samstag hatte ich die Freude, im „Vereinsheim“ in Schwabing aufzutreten. Knapp 140 Leute drängelten sich in der engen Kneipe – 120 davon in Blau-Weiß. Ich bin ja nach sechzehn Jahren in dem Job schon einiges gewöhnt, aber mit Sprechchören begrüßt zu werden, das hat schon was. Auch fern der Heimat greifen zudem die lokalen Rivalitäten: In der Halbzeit lässt das Publikum es sich nicht nehmen, Schmähgesänge auf die Lüdenscheider Nachbarschaft anzustimmen. Heimspiel in München. Als ich sehr viel später in der Nacht in Richtung Unterkunft taumele, höre ich von Ferne immer noch „Vau-eff-ehell!“ durch die Nacht schallen. Die Schwabinger haben sich sicherheitshalber verkrochen. Mit Fußballleidenschaft haben sie es hier nicht so.
Selten bin ich mit derartig gemischten Gefühlen zu einem Fußballspiel gefahren. Der Nürnberger Zweig unserer Familie steckt mitten im Abstiegskampf, und jetzt kommen wir daher und wollen ihnen noch mal drei Punkte abknöpfen.
Meine pubertierende Nichte hat die Fesseln ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation noch nicht abgestreift, will heißen sie interessiert sich für Fußballer nicht zuletzt romantisch-erotischen Gesichtspunkten. Schon seit längerem ist sie in den Nürnberger Abwehrspieler Javier Pinola verknallt. Ein Blick ins Panini-Sammelalbum beweist uns, dass Äußerlichkeiten für sie keine große Rolle spielen. An ihrer Zimmertür hängt außerdem ein Hochzeitsbild des von ihr Verehrten. Das aber ist kein Masochismus, sondern eher Voodoo: Das Gesicht von Pinolas Angetrauter ist durchgestrichen, und daneben steht das Wort „Böse“!
Die Kinder sind es ja immer wieder, die einen in die Schranken weisen. Als ich neulich mit dem Thronfolger eine leidenschaftliche Partie Tipp-Kick spielte, und er einen Freistoß an der Strafraumkante herausholte, postierte ich zwei Abwehrspieler und den Keeper auf der Torlinie, aber der Ball ging trotzdem rein. „Wie hast du das denn gemacht?“, wollte ich wissen. Der Junge sah mich an und sagte keck: „Mit Verstand!“
Künstler machen ja manchmal so Phasen durch. Die blaue Periode, der pinke Abschnitt oder die Jahre in denen einer nur Butterbrote malt. Der VfL hatte in der letzten Saison seine griechische Phase. Bekanntlich wechselte Theofanis Gekas für eine Extraportion Kopfschmerztabletten in einen Kölner Vorort, doch wer nun glaubt, er sei hier vergessen, der irrt. Kinder haben ein gutes Gedächtnis (meine jedenfalls) und es fällt ihnen immer wieder etwas Tolles ein, um einen verdienten Spieler zu ehren.
Meine Leidenschaft für Fußball wäre schon als Kind nicht komplett gewesen ohne das Sammeln von Fußballbildern der Firma Panini. Ständig erbettelte ich damals von Verwandten Kleingeld, um mich an der Bude mit die Tütchen eindecken zu können, nur um dann festzustellen, dass die Bilder des Heimatvereins offenbar verstärkt in Frankfurt verkauft wurden, während einem hier pausenlos die uninteressanten Gesichter der dortigen „Eintracht“ entgegen fielen.
Eine Möglichkeit an Bilder zu kommen, die man noch brauchte, um sein Album voll zu kleben, war das Tauschen. Man zeigte sich gegenseitig, was man hatte, mit dem Daumen immer ein Bild vom Stapel in der linken Hand wischend und der Gegenüber sagte dann: „Habbich, Habbich, Habbinich, Habbich“, und die „Habbinichs“ wurden rausgezogen. Wenn man mit dem Stapel durch war, ging das Verhandeln los. Ein Jupp Kaczor ging dann nicht unter drei Bayern weg.
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