Ich kenne mich mit dem Spiel nicht mehr aus. Wenn zwei über Fußball reden, kommen drei Meinungen heraus. Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners. Wir spielen am besten, wenn der Gegner nicht da ist. Unser größter Gegner sitzt in der eigenen Kabine. Fußballer sind schöpferische Wesen. Die erschließen sich ständig neue Gebiete, auf denen sie Fehler machen können. Alle Fußballer sind Sausäcke.
Jetzt rasten wirklich alle aus. Nachdem schon bei der EM im Sommer die europaweit bekannten Rowdies Joachim Löw und Josef Hickersberger – in ihrer Jugend als beinharte Schläger in den bisweilen zwölfköpfigen Fankurven von TuS Schönau 1896 und ASK Amstetten berüchtigt – nach üblen Rüpeleien an der Seitenlinie auf die Tribüne verbannt worden waren, hat es nun auch endlich Marcel „The Killer“ Koller erwischt. Er hat Gott gezürnt. Gott trug ein gelbes Hemd und eine alberne Frisur, aber es war eben Gott.
Vielleicht läuft ja da eine Kampagne gegen mich, vielleicht hockt irgendwo einer, der sich sagt, wir wollen doch mal sehen, wie viel Tore wir den Goosen in dieser Saison verpassen lassen können.
Es passiert ja bisweilen, dass man was nicht mitkriegt, etwa weil man auf dem Örtchen war, welches hier in Bochum noch immer als „Toilette“ bezeichnet wird oder weil man Bier holen war oder Brezel für die Kinder. Noch nie aber habe ich aus einem derart grotesken Grund ein Tor verpasst wie gegen Gladbach.
Was haben Thomas Zdebel und ich gemeinsam? Ich meine, mal abgesehen von der Physis, dem Augenaufschlag, der markanten Männlichkeit und der erotischen Ausstrahlung. Nun, wir beide haben das 3:3 in München verpasst. Nicht das ganze Spiel, welches der Capitano vor Ort verfolgte, während meine Wenigkeit das Spektakel auf dem heimischen Sofa zusammen mit zwei eigenen und einem geliehenen Kind verfolgte. Aber genau in dem Moment, wo Denis „Hrubesch“ Grote den Ausgleich köpfte, waren wir gerade woanders.
Samstag, 1.November 2008: Gegen halb drei laufe ich in der mit hoher Wahrscheinlichkeit schärfsten Fußballkneipe Deutschlands ein, dem „Stadion an der Schleißheimer Straße“ in München. Allein die Details der liebevollen Einrichtung aufzuzählen, würde ein Werk dicker als das Telefonbuch von New York ergeben. Die Hymnen auf die fußballbekloppten Wirte und ihr zauberhaftes Servicepersonal würden noch mal genauso ausfallen.
Wenn Fußballprofis ihren von Beratern, Pressesprechern und Mentaltrainern geschützten Bereich verlassen und in das eintreten, was Hans-Günther Normalfan gemeinhin als das wirkliche Leben bezeichnet, sind sie sich oft nicht darüber im Klaren, dass sie selbst hier in einem geschützten Bereich befinden. In einer Art vorauseilendem Gehorsam versucht man es den jungen Männern draußen in der Welt so angenehm wie möglich zu machen, ohne dass sie merken, wie die Realität für sie zurecht gebogen wird.
Manchmal beneide ich Bielefeld. Da liegt es im verträumten Ostwestfalen und hat weitgehend seine Ruhe, denn immerhin sind es nach Paderborn etwa fünfzig Kilometer, nach Münster so um die siebzig, nach Hannover über hundert und nach Bremen schon fast zweihundert. Zu konkurrierenden Fußballvereinen kann man also Abstand halten.
Wie anders bei uns inne Gegend. Hier blühen die Rivalitäten in wenigen Kilometern Umkreis, hier gehen Freundschaften auseinander, weil man zu unterschiedlichen Vereinen hält – und manchmal geht der Riss mitten durch die Familie.
Wie viele Museen, Burgen und Schlösser muss man gesehen haben, bevor man weiß, dass Ritterrüstungen keine Tore schießen und Picasso keine Ahnung von Fußball hatte? Mir kann man es nicht recht machen im Urlaub. Am Strand rumliegen will ich nicht, in sengender Hitze das Kulturangebot europäischer Metropolen abklappern ist auch blöd, und was brauche ich gute Bergluft, wenn ich zu Hause ab und an die Heizkörper entlüften kann! Eigentlich will ich im Urlaub nur den ganzen Tag rumliegen, bisschen lesen, Nahrung, die ich nicht selbst erlegen muss und abends fünf bis sechs Teile „24“ oder was anderes mit viel Bumm-Bumm.
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