Man soll ja eigentlich immer schön den Ball flach halten, die Schnauze nicht aufreißen, weil es sonst auf dieselbe gibt, keine dicke Lippe riskieren, nicht viel Wind machen und keine heiße Luft produzieren – mit einem Satz: Phrasenschweingebühren im Wert einer Stehplatzkarte!
Aber wer immer den Ball flach erhält, erzielt keine Kopfballtore, und auch wenn es in neunundneunzig von hundert Fällen unangenehm ist, nach einem Spiel gegen die Bayern an das erinnert zu werden, was man vorher krakeelt hat, muss man sich doch immer auf das hundertste Mal vorbereiten, nämlich diesen magischen Moment des „Habbichdochschonvorhergesacht!“
Spiele gegen angeblich überlegene Gegner sollen ja angeblich ganz einfach sein: Kriegt man fünfnull die Hütte voll ist nur das passiert, was eh alle erwarten. Gewinnt man gegen jede Wahrscheinlichkeit, hat man Rückenwind für Monate. Aber so einfach ist es natürlich nicht, weil einfach langweilig wäre, und wann macht es ein Fußballverein seinen Anhängern schon mal leicht? Könnte man das Spiel nämlich so locker angehen wie beschrieben, würden sich in meinem persönlichen Umfeld nicht die Anzeichen nervlicher Zerrüttung immer deutlicher zeigen, je näher das große Spiel rückt.
Claudia wollte neulich eine Einladung zum Leberkäs-Essen ausschlagen, weil sie das zu sehr an den FC Bayern erinnere. Ich aber riet ihr, auf jeden Fall hinzugehen und es so zu sehen, als verspeise sie die Seele ihres Feindes. Die quasi-religiöse Beschäftigung mit Fußball hat ja sowieso was Heidnisches, da kann man es auch konsequent durchziehen.
Aber ich sollte da besser nicht so lässig tun. Ich habe neulich meiner Frau wieder Geld zugesteckt, damit sie für die nächsten zehn Tage ihren fränkischen Akzent auch in Telefonaten mit ihrer Mutter abstellt. Franken, das heiß ja „Glubb“ und auch Greuther Fürth, und die haben mit dem FC Bayern nichts am Tirolerhut, aber es ist das gleiche Bundesland, und das macht mich nervös.
A propos Tirolerhut: Mein Nachbar rasiert sich bis zum zwanzigsten Dezember nur noch trocken, weil ihn der schöne, teure Rasierpinsel, den seine Frau ihm vor ein paar Jahren geschenkt hat, zu sehr an einen Gamsbart erinnert. Es solle nicht der Hauch eines Verdachts aufkommen, er lasse sich „von denen“ einseifen. Auch wenn der Pinsel höchstwahrscheinlich in unterbezahlter Kinderarbeit irgendwo in Asien hergestellt worden ist.
Ach ja, die Kinder: Die bleiben mal wieder ganz cool: „Ein Gegner wie jeder andere auch“, meint der Thronfolger. „Nur trägt einer von denen Schuhe, die aussehen, als könne man damit telefonieren!“ Tatsächlich, denke ich, die Treter der Nummer sieben (Namen vergessen) sehen aus wie die Hörer an den Rufsäulen des Ex-Fernmeldemonopolisten.
Auch Scotty lässt sich von der allgemeinen Aufregung nicht anstecken: „Wir müssen doch nur ins Elfmeterschießen kommen. Den Rest macht unser Schnapper!“ Der, den wir in Block B den Coach nennen, meint, er sähe die Angelegenheit lieber innerhalb der regulären Spielzeit erledigt, er habe an dem Abend noch einen privaten Termin. Bei dem übrigens alles für eine zünftige Siegesfeier vorbereitet sei. Defätistischen Blödsinn wie den Hinweis auf die unterschiedlich hohen Etats der beiden Vereine lässt er nicht gelten: „Geld schießt Tore, aber nicht bei uns. Diesmal haut der Taka das Ding aus sechzig Metern nicht an die Latte, sondern rein. Bayern schlagen und einen Gelsenkirchener zum Heulen bringen! Männer, wir werden einen großen Abend erleben!“
Wenn es klappt, sind Scotty und der Coach die einzigen, die vorher schon an hinterher gedacht haben. Von denen höre ich mir gerne an, was ich jetzt nur tagträume: „Habbich doch vorher schon gesacht!“