Nein, ich habe keine Bayernkarten!
11.November 2011

Wie jeder Mann über vierzig werde ich ja manchmal nachts wach. Manchmal sehe ich blaue Mäuse an meinem Fußende sitzen, eher selten Keith Richards und eigentlich nie Elisabeth Flickenschildt. Bis auf einmal, aber das ist eine ganz andere, sehr merkwürdige Geschichte.

Zum Glück wache ich auch nur selten schreiend auf. Normalerweise. In den letzten zwei Wochen aber fast jede Nacht. Und zwar mit den Worten: „Nein, ich habe keine Bayernkarten!“

Wir sollten öfter solche Spiele haben. Die Menschen sind einfach zu jedem, der mit dem VfL zu tun hat und von dem sie vermuten, er könne Eintrittskarten besorgen, sehr viel freundlicher. Der Kollege vom Ticketing meinte gar, Facebook habe bei ihm nachgefragt, wieso er plötzlich so viele Freundschaftsanfragen habe.

Sogar meine Omma wurde in ihrer Seniorenresidenz bedrängt. Von dem Angebot, zwei Jahre Botengänge zu erledigen über Nacktputzen (seitens eines fast neunzigjährigen Ex-Beamten) bis hin zu der Frage, ob Omma sich nicht für eine größere Wohnung interessiere, war alles dabei. Derzeit sei zwar nichts frei und alle Bewohner erfreuten sich mehr oder weniger guter Gesundheit, aber ab einem bestimmten Alter gehe es ja manchmal überraschend schnell. Nein, nein, nachzuweisen sei da nichts, damit kenne man sich aus.

Skurril war folgende Begegnung am Rande eines E-Jugend-Spiels des Thronfolgers: „Mein Bruder sagt, Sie können Karten besorgen!“ – „Postkarten? Klar, kein Problem.“ – „Ey kein Scheiß jetzt! Bayernkarten natürlich! Mein Bruder sagt, er kann viel Geld bezahlen.“ – „Danke, Geld habe ich selbst. Und Bayernkarten sind aus.“ Der freundliche Schwererziehbare dachte einen Moment nach. „Mein Bruder hat gesagt, für zwei Plätze Haupttribüne könnte er meine Schwester vorbeischicken. Die sieht aus wie sechzehn!“

Auch der Brief eines Typen, der mich im Alter von sechs Jahren an der Alleestraße öfter mal schwer vertrimmt hat und der sich heute als mein drittbester Freund ausgibt, blieb unbeantwortet, obwohl er nicht uninteressant war. Er würde sehr gern zum Spiel kommen, und ich sollte mich auch davon irritieren lassen, dass als Absender „JVA Kassel“ auf dem Umschlag stehe. Er habe zwar derzeit nicht mal Hofgang, aber das Spiel wolle er sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Ach ja, und dann der Schwarzmarkt. Ist natürlich böse und führt eventuell wieder dazu, dass viel zu viele Bazen auf der Süd hocken und nicht verstehen können, dass man sie nicht mag. Aber irgendwie (und das flüstern wir jetzt mal, deshalb wird es kleiner geschrieben), irgendwie ist es doch auch geil, wenn Leute ein paar hundert Ocken für ein VfL-Spiel latzen wollen, oder?

Und das Tolle ist: Beim Viertelfinale wird es noch schlimmer!