Denkt man darüber nach, den zehnjährigen Nachwuchs die Familienkutsche 130 Kilometer nach Hause steuern zu lassen, dann hat man ein nervenaufreibendes Auswärtsspiel gesehen.
Fünf Stunden zuvor: Treffpunkt Finanzamt Bochum-Mitte, um nach Niedersachsen aufzubrechen. Wieso am Finanzamt? Weil Scottys Mutter gleich nebenan wohnt und er noch seinen Muttertagspflichten nachkommen musste. „Kaiserwetter!“, konstatiert der vorbildliche Sohn, wird aber gleich von Thor korrigiert: „Heldenwetter, mein Freund! Heute werden Helden geboren!“ – „Ich habe geträumt, der Maltritz machte heute ne Bude!“, murmelt Miss Kitty nachdenklich, während sie, wie üblich, vor Nervosität Unkraut aus den Fugen der Parkplatzbeflasterung rupft. Scotty fragt, ob sie sich wieder am Medikamentenschrank in der Praxis ihres Mannes bedient habe. „Du sollst doch nicht immer die abgelaufenen Packungen wegfuttern!“
Dann wird noch ein Video für den Coach gemacht, der privat heute keinen Ausgang bekommen hat, nächste Woche aber fünfzig wird, nur weiß keiner, zum wievielten Mal. Lautstark hallt es über die Castroper: „Glück auf! Glück auf! Glück auf, auf, auf! Jawoll, meine Herrn, so haben wir es gern, Jawoll! Jawoll! Jawoll!“ Im Umkreis von achthundert Metern schläft jetzt keiner mehr.
Aus einer Plastiktüte bedient man sich mit Fahrbier. Ich lehne dankend ab: Mit der Pulle am Lenkrad mag das Fahren noch leichter fallen, man gibt aber nicht gerade ein gutes Bild für den Nachwuchs auf der Rückbank ab. Als wir losfahren wollen, fällt dem Thronfolger auf, dass zwei leere Pullen am Straßenrand zurückbleiben. Leere Flaschen sind immer ein deprimierendes Bild, einsam am Bordstein zurückgelassen, sind sie schon fast ein schlechtes Omen. Also klemmt sich der Thronfolger die beiden, und wir halten an der nächsten Bude an, also nach etwa achtzig Metern. Die Kinder machen Pfandbeute.
Die Hinfahrt verläuft ruhig – sieht man mal davon ab, dass der Lieblingssong des Zweitgeborenen „Walking in a Hurricane“ von John Fogerty ist, und Kinder Wiederholungen in ohrenbetäubender Lautstärke prima finden. Kurz hinter Münster lässt er sich auf AC/DC runterhandeln. Manchmal beschleicht einen schon das Gefühl, einiges richtig gemacht zu haben.
Dass dies kein normales Spiel wird (gibt es überhaupt „normale“ Spiele? Und wenn, interessieren die irgendwen?), ist nach wenigen Minuten klar, als der Bochumer Junge Kevin Vogt vom Platz getragen werden muss. Auch dass der höchste Würdenträger des Vereins, immerhin ein ehemaliger Oberbürgermeister, der üblicherweise tief in sich ruht, immer wieder kurz davor ist, selbst ins Spielgeschehen einzugreifen, unterstreicht das Außergewöhnliche der Situation.
Als erfahrener VfLer ist man ja geneigt, nach einem Ausgleichstor des Gegners acht Minuten vor Schluss mit dem Spiel abzuschließen, aber wir haben viel gelernt in dieser Spielzeit, nicht zuletzt, dass diese Mannschaft auch unter der Dusche noch ein Tor machen kann. Und wer macht’s? Der Malte macht’s! Meine Kinder möchten ihn als Vater. Behaupten dann, es sei nur ein Witz gewesen. Bleibe misstrauisch. Der Mahir macht’s auch noch, und ich hab endlich mal wieder ein Kilo abgenommen.
Nach dem Spiel Versammlung am Bierstand hinter der Geschäftsstelle. Scotty und die anderen sehen zwei Jahre älter aus als heute Morgen. Der Cherusker meint, mit nem Becher in der Hand: „Ey, wir hamm nich reingespuckt, echt nich, ey!“ Man hört’s. Es ist der Klang des Sieges in letzter Minute, der aus ihm spricht, ein süßer Klang, auch wenn der Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten ein wenig verschwimmt.
Und zum Abschluss wollen wir alle wissen, auf welchen Medikamenten Miss Kitty diesen Malte-Traum hatte.