Rasselbande auf Klassenfahrt
18.März 2011

Wer glaubt, der Mensch, vor allem aber der Mann reife im Alter, schlage nicht mehr so über die Stränge und verzichtet auf übergroße Albernheiten zu Gunsten dezenter Zurückhaltung und Ernsthaftigkeit in Wort und Tat, der hat noch keine Auswärtsfahrt in einem Sonderzug mitgemacht. In diesem Fall legte das Ding am alten Bahnhof Hattingen ab, an Bord lauter Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise um den Verein verdient machen und deshalb auch noch Freunde mitbringen durften.

Mit dabei: der Stämmige von der Blau-Weißen Brille, der gleich mal klar macht, wohin die Reise geht: „Meine Frau hat schon wieder gesagt: Viel Spass und trink nicht so viel! Darauf ich: Ja watt denn nu?“

Schon das Ambiente des Sonderzuges gemahnte an Klassenfahrten in den Achtzigern, denn genau in der Zeit sind diese Wagen wohl zum letzten Mal im Einsatz gewesen. Beim Wasserlassen kann man noch schön auf die unter dem Waggon dahineilenden Schwellen blicken und die Gepäcklablage auf dem Gang, über den Abteiltüren, eignet sich hervorragend als Gehänge für leere Pilstulpen. In genau solchen Zügen sind wir als Sechzehnjährige über die Zonengrenze gerollt, sechs Stunden bis Berlin inklusive zärtlichen Kontakts mit sächselnden Grenzern – „Gänsefleisch mal das Ohr frei machen!“

Auf der Hinfahrt überwiegt die Skepsis. Es fallen Begriffe wie „laufstark“ und „einsatzfreudig“ – und damit ist der Gegner gemeint! Zwölfmal in Folge nicht verloren, aber nicht jeder traut dem Braten. Es belastet auch den gemeinen Fan, wenn sich dein Verein keinen Fehler mehr erlauben darf. „Noch ein Jahr zweite Liga“, brummelt Scotty, übrigens völlig nüchtern, „dat is wie ein zweiter Abstieg.“ Gut, als VfLer stehst du dein Leben lang mit dem Rücken an der Wand, aber das heißt nicht, dass du anfängst, Spaß daran zu haben. Vielleicht übertreibst du es dann manchmal mit der Skepsis und dem Misstrauen, aber das kommt nicht daher, dass du so irrsinnig viel erwartest, sondern dass speist sich aus nackter Angst und daraus, dass der Verein dir so viel bedeutet.

Dann sagt noch einer „Japan“, und es wird ganz still im Abteil. Klar, Fußball ist vergleichsweise unwichtig, aber bestünde das Leben ausschließlich aus wirklich wichtigen Dingen, wäre es nicht auszuhalten. Bist du also ignorant, wenn du in so einer Situation mittags um zwölf dein erstes Bier trinkst? Oder nur ein Mensch?

Der Transfer zum Stadion klappt reibungslos, überhaupt ist diese ganze Fahrt so ausnehmend perfekt organisiert bis hin zu der Betreuung der Blagen im vorderen Waggon, wo die meinigen mich mit der Frage überraschen, ob der Tobi nicht ihr neuer Papa werden könne – und gleich darauf in schallendes Gelächter ausbrechen. „Hast du sein Gesicht gesehen?“, brüllt der Thronfolger. „Er ist ganz blass geworden!“ Es ist nicht nur schön, wenn der Nachwuchs zu früh das Humorverständnis des Vaters erbt.

Kurz vor dem Anpfiff wirst du mit ein paar Schweigesekunden wieder auf das gestoßen, was in Japan passiert und man fragt sich, warum es immer noch einzelne gibt, die nicht mal in so einem Moment die Schnauze halten können, hüben wie drüben.

Vielleicht fallen deshalb die emotionalen Ausbrüche während des Spiels noch etwas stärker aus, kleinere Verletzungen eingeschlossen. Als Scotty nach dem ersten Elfer, den Andi, der Hexer entschärft, dem Stämmigen um den Hals fällt, kann er nur noch sagen „Ich falle!“, und noch während der andere sagt: „Dann lass mich doch los!“, sinken sie in Zeitlupe auf die Reihe vor uns.

Auf der Rückfahrt ist alles eitel Sonnenschein, Gelächter und Gesang. Eine Rasselbande mittleren Alters auf Klassenfahrt. Und zu Hause guckst du Nachrichten und denkst: Ja, diese Fahrt und das ganze Spiel waren unwichtig. Aber wir freuen uns, dass wir bei beidem dabei waren.