Schau mir in den Rachen, Kleine!
04.März 2011

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte großartiger Entdeckungen und Erfindungen. Am Anfang war das Feuer, dann der Faustkeil, später die Fähigkeit, Metall zu verarbeiten, der Buchdruck, die Dampfmaschine, das Penicillin, die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes und die Möglichkeit der Onlinereservierung von Fitnessclubstunden. Und während sich Dieter Normalbediener fragt, was das nächste große Ding sein könnte, ob Laserschwerter endlich Wirklichkeit werden, verständliche Bedienungsanleitungen oder sogar kompetente Gesprächspartner bei der Telekom-Hotline, bin ich seit letzter Woche einen Schritt weiter. Das neueste Kapitel im dicken Buch menschlicher Errungenschaften trägt den Titel: „Zahnspangen mit Vereinswappen“!

Als ich seinerzeit, in der orange-braunen Epoche der Siebziger Jahre, mein Kieferbegradigungsmetall angepasst bekam, waren das Termine wie sie Dustin Hoffmann in „Der Marathon-Mann“ wahrnehmen musste. Der Stacheldraht auf meinen Kaureihen bedeutete unweigerlich das soziale Aus, weil die meisten Kinder aus Stiepel oder Querenburg mit perfekten Beißreihen auf die Welt gekommen waren, während sich der Schöpfer an der Alleestraße nicht so viel Mühe gegeben hatte. Von dem, was in dem Maulzaun an Speiseresten hängenblieb, konnte man sich, trotz guter Pflege, am Ende der Woche mit einem feinen Spachtel noch einmal eine zusätzliche Reste-Mahlzeit zusammenkratzen. Wenn man an einem Schrottplatz vorbei ging, hatte man immer wieder Sorge, es könnte jemand den starken Magneten der Autopresse einschalten, während man gerade nach oben guckte.

Heute ist das alles anders. Heute sind Zahnspangen Statussymbole wie das dicke Auto, die teure Uhr, ein attraktives Au-Pair-Mädchen aus der Ukraine oder die Mitgliedschaft beim VfL Bochum 1848. Während man mich früher unter Androhung von Fernsehverbot, Essensentzug und Schlagerbeschallung zum Kieferorthopäden schleifen musste, zeigte sich der Thronfolger vor einigen Wochen erstaunlich vernünftig. „So eine Zahnspange ist wie ein Aufstieg. Muss einfach sein.“

Dass die Dinger heute farbig sind, hat mich schon überrascht, trägt man die doch vor allem unter dem Gaumen, wo sie nur beim Torjubel sichtbar werden. Dann aber überraschte der Thronfolger mich damit, dass man sich die auch mit Vereinsaufdruck auswählen kann. „Bei meiner Kieferorthopädin kann man wählen zwischen Spangen vom VfL, von Schalke, BVB und Bayern.“ – „Wie, wählen?“ – „Man kann sich das aussuchen.“ – „Wie, aussuchen? Verstehe ich nicht. Es gibt doch nur eine vom VfL.“ Meine Skepsis war berechtigt. Gerüchteweise soll es bei den anderen Modellen schon zu aufwändigen Rückrufaktionen gekommen sein, weil diese zu schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt haben.

Sei es wie es sei, ich frage mich natürlich, wo das alles noch hinführen soll. Künstliche Hüftgelenke mit Vereinswappen, nur erkennbar beim MRT? Spenderlebern mit eingebrannter „1848 – tested in Ostkurve“? Mein Vorschlag: Auspufftöpfe mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden von einem Anhänger des VfL Bochum überfahren!“

Bis dahin heißt es bei uns: „Schau mir in den Rachen, Kleine!“