Es ist leider immer noch so, dass sich viele Menschen in meinem Umfeld weigern, ihr Leben nach dem Rahmenterminplan der dfl zu richten. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich Scotty jenseits des Großen Wassers in den ehemaligen britischen Kolonien herumtreibt, während sich unser Lieblingsverein von einem Drittligisten das Fußballspielen beibringen lässt?
Andere treiben sich im ehemaligen Jugoslawien herum und schreiben Postkarten. Für die Jüngeren: Postkarten sind Pappstücke mit Fotos vorne drauf, die alte Leute anderen alten Leuten schicken, um sie darüber zu informieren, dass sie es sich an weißen Stränden unter azurblauen Himmeln Hautkrebs einfangen, während man selbst in einem abgedunkelten Keller sitzt, um sich auf einer Diagonalen von zwo Metern anzugucken, wie es der eigene Verein fertig bringt, in diesem Jahr schon in der ersten Runde Finale zu haben.
Wenn man nicht mehr weiterweiß, kommt Rettung stets von den Kindern. „Papa“, frug er Zweitgeborene kurz nach dem ersten Pflichtspiel, „können wir demnächst nur zu den Testspielen gehen?“ Stimmt, die machen doch immer Spaß. In diesem Jahr konnten wir nur jenes in Herne besuchen, da Schwiegermutter in Oberbayern auf der Anwesenheit ihrer Tochter und der Enkel bestand. Von mir war interessanterweise nicht ausdrücklich die Rede gewesen.
Der Ausflug zum Kult-Ground in Herne war außerordentlich nett. Neben meiner Brut war eine alte Freundin samt Mann und Sohn dabei. Am Kassenhäuschen hatten wir uns zusammen angestellt, aber als wir an die Reihe kamen, teilte uns der gar nicht so rüstige Rentner mit den imposanten Tränensäcken in westfälischer Herzlichkeit mit: „Hier nur Vollzahler!“ Meinen Einwand, wir seien alle erwachsen, konterte er: „Abba datt da is ne Frau. Die muss nebenan. Ich hab hier nur Vollzahler.“ Stimmt, in der Guten Alten Zeit zahlten Frauen nur die Hälfte. An der Uni hatte ich Kommilitoninnen, die in diesem Moment vor dem Kassenhäuschen ihren BH verbrannt hätten. Zurecht natürlich.
Auf der historischen Tribüne war die Stimmung locker. Außerdem genossen wir den Luxus, während des Bierholens das Spiel weiter verfolgen zu können, da der Getränkestand in die Tribüne eingearbeitet war. Wäre bei uns in Bochum schon eine feine Sache, da wir alle wissen, dass wir beim Bierholen die Geduld eines sehr alten Baumes brauchen.
Hinter uns würzte ein Fankollege das Spielgeschehen immer wieder mit kenntnisreichen Kommentaren. Als beispielsweise eine gut gemeinte Flanke eines unserer Spieler im Strafraum keinen Abnehmer fand, tönte es aus der Reihe hinter uns: „Wo is Abel?“
Bei aller Lockerheit bleibt aber auch bei einem Testspiel Raum für Verbesserungsvorschläge. Wobei die Äußerung meines mir unbekannten Nebenmannes nicht von jedem unter „konstruktive Kritik“ abgelegt worden wäre: „Andere Vereine haben nur ein Maskottchen, wir so viele. Und die spielen auch noch!“
Wichtig ist es, sich schon früh in der Saison die richtige Strategie zurechtzulegen, wie man mit Rückschlägen umgeht. Meine Kinder sind da gut präpariert. Keine vier Sekunden nach dem Abpfiff des Spiels in der Nähe von Frankfurt sprach der Thronfolger die Worte, die mir seit der Achtzigsten durch den Kopf gingen, die ich aber nicht hatte aussprechen wollen: „Jetzt können sie sich voll auf den Aufstieg konzentrieren.“ Auf meinen missbilligenden Blick entgegnete er: „Ich bin das Phrasenschwein und trinke zur Strafe noch ein bisschen was aus dieser sehr durchsichtigen Flasche!“
Kurz darauf schickte Scotty eine SMS. Er könne sich vorstellen, noch sehr viel länger drüben zu bleiben.