Glubb der Verwandten
26.Februar 2010

Ich lebe ja in einer weitgehend glücklichen ruhrisch-fränkischen Mischehe, bin dadurch Onkel von drei Neffen und einer Nichte in Nürnberg geworden, weshalb Spiele gegen unseren heutigen Gegner für mich immer etwas schwierig sind. Der 1.FC Nürnberg ist für mich der Glubb der Verwandten.

Meine Beziehungen nach Franken standen allerdings von Anfang an unter einem guten Stern. Das erste, was die Großmutter meiner Frau (eine alte, fränkische Bäuerin, die noch genau wusste, dass man Männer vor allem nach ihrem Äußeren zu beurteilen hat), zu mir sagte, als ich ihr unter die Augen kam, war: „A scheener Mo!“ Auf deutsch: Ein schöner Mann. Klar, damals hatte ich gut vierzig Kilo mehr auf den Rippen und sah aus, als könnte ich den Pflug zur Not alleine ziehen.

Meine seit einiger Zeit zur Frau erblühende Nichte sagt von sich mittlerweile, sie sei „des schärfste Gerät im Stadion“ – physisches Selbstbewusstsein gepaart mit Intelligenz und fußballerischem Sachverstand. Gäbe es diese Mädchen nicht, müsste man sie züchten.

Der jüngste Neffe zählt zehn Lenze und ist schon Pokalsieger. Der älteste ist achtzehn und hält das alles für eine Narretei, interessiert er sich doch hauptsächlich für die Autos der Spieler.

Und der vierte im Bunde verdingt sich tatsächlich als Schiedsrichter, und das bringt mich in die paradoxe Situation, dass ich für diese an einem Fußballspiel beteiligte Personengruppe bisweilen so etwas wie Verständnis aufbringe.

Meine Schwiegermutter geht da einen Schritt weiter. Für sie sind Schiris mittlerweile eine verfolgte ethnische Gruppe. So stand sie einmal bei einem Kreisligaspiel im Nürnberger Raum an der Seitenlinie, während ihr Enkel versuchte, immer auf Ballhöhe zu bleiben. Neben ihr stand einer dieser in ganz Deutschland anzutreffenden Rentner, die zwischen Erwerbsleben und Hospiz noch mal richtig Unruhe stiften wollen, und blökte lautstark gegen die Entscheidungen des Unparteiischen. Als er sich zu einem „Des is a ganz a blöde Sau, der Schiri!“, verstieg, musste er kurz darauf feststellen, dass man so etwas besser nicht sagt. Jedenfalls nicht, wenn die Großmutter des Schiris neben einem steht. Die Platzwunde am Kopf hätte ihn beinahe zu einer Anzeige getrieben, aber dann war es ihm wohl doch zu blöd, an die große Glocke zu hängen, dass er sich auf einem Fußballplatz unter den Augen lauter Geschlechtsgenossen von einer Frau hat vermöbeln lassen.

Ich unterstütze die Karriere meines Neffen natürlich nach Kräften. Zum einen bin ich scharf auf Eintrittskarten für die WM 2030, zum anderen werde ich ihn, wenn er in ein paar Jahren ein Spiel unseres VfL gegen die Bayern pfeift, daran erinnern, wer ihm seine ersten Kondome gekauft hat.

Ach ja, und noch was: Ich möchte zwar, dass wir heute gewinnen, aber ich will nicht, dass der Glubb absteigt. Gratis-Übernachtungsmöglichkeiten bei Auswärtsspielen sind rar.