Wo man singt
12.Februar 2010

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, wusste im achtzehnten Jahrhundert bereits Johann Gottfried Seume, auch wenn sein Diktum böse Menschen hätten keine Lieder bei jedem Auswärtsspiel widerlegt wird.

Fangesänge sind bekanntlich das Sambal Olek auf dem Chop Suey eines Fußballspiels. Die eigene Mannschaft wird gefeiert, der Gegner zum Teil aufs übelste beschimpft. Und dann muss man seinen Kindern wieder erklären, warum man im Stadion Wörter benutzen darf, die zu Hause Tabu sind. Die Anhänger der Anderen schlafen prinzipiell unter Brücken, der gegnerische Torwart ist immer das Produkt einer inzestuösen Beziehung zwischen Bruder und Schwester und hat, wie im Fall Tim Wiese, allenfalls die Haare schön.

Aber auch die eigenen Spieler müssen sich einiges anhören. Das kann manchmal ganz schön happig sein – wie etwa Andy Goram, Torhüter bei den Glasgow Rangers erfahren musste. Die Fans hatten ihn stets mit dem Gesang „There’s only one Andy Goram“ gefeiert (auf die Melodie des alten deutschen Volksliedes „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“). Dann wurde beim Keeper Schizophrenie diagnostiziert, worauf die Anhänger den Gesang in „There’s only two Andy Gorams“ änderten. Und den Mann zum größten Rangers-Torwart aller Zeiten wählten.

Spieler, die gut zu singende Namen haben, sind, was den Kult-Faktor angeht, natürlich im Vorteil. Wenig überraschend liegt hier mal wieder ein legendärer Bochumer Spieler ganz weit vorne: „Heinz-Werner Eggeling – scha-la-la-la-la!“ scholl es in einst durchs Ruhrstadion. Na gut, bisweilen auch verballhornt zu „Heinz Werner schwing dein Ding!“, aber schon der Originaltitel „Brown Girl in the Ring“ von Boney M ist härtestes Siebziger-Jahre-Dada: „She looks like a sugar in a Plum. Plum, Plum!“

Da kann man sich natürlich schon mal verhören. Wie der Sportkamerad Christoph Biermann, der auf dem Platz den Spieler Leberweiß vermisste, obwohl er doch auf den Rängen ausdauernd besungen wurde. Eigentlich erklang da aber: „Olé Blau-Weiß!“

Am schönsten sind Fangesänge, wenn ganz spontan Humor einfließt. So skandierten die Fans von Union Berlin, als sich vor einem Spiel ein Nebel der besonders undurchsichtigen Art über die Alte Försterei legte: „Wir woll’n die Manschaft seh’n!“

Des weiteren muss man neidlos anerkennen, wenn die gegnerischen Fans mal einigermaßen schlagfertig reagieren, wie die Leverkusener letzte Woche bei uns. „Ihr werdet nie deutscher Meister“ las die Ostkurve ihnen aus der Zukunft, worauf man sich mit einem schmackigen „Nie abgestiegen! Wir sind noch nie abgestiegen!“ revanchierte. Doch nur weil’s witzig ist, muss es nicht wahr sein. Wie jeder, aber wirklich jeder weiß, konnte sich Bayer 04 1956 unter Trainer Sepp Kretschmann nicht in der Oberliga West halten und stieg 1972/73 aus der Regionalliga West ab. Manchmal macht es Spaß, Korinthen zu kacken.

Und zum Schluss noch eine Anregung: Vielleicht wäre es ganz schön nach dem nächsten Heimspiel, das so viel Freude wie jenes gegen Leverkusen bereitet (über das in den einschlägigen Medien von Sky über Sportschau bis Sportstudio und BamS viel Schwachsinn, was unseren VfL angeht, gesagt und geschrieben worden ist), am Ende darauf verzichten, noch einmal den Gegner herabzusetzen beziehungsweise abwesenden Vereinen, die man eigentlich nicht leiden kann („Deutscher Meister wird nur der FCB!“ Ernsthaft?) zu huldigen, einfach nur das tun, was in letzter Zeit in Bochum wieder sehr viel leichter fällt: die eigene Mannschaft feiern. Nur sonne Idee.