Musse hamm!
22.Januar 2010

Gibts etwas nervtötenderes als die Winterpause? Klar, die Sommerpause, weil sie noch länger ist. Endlose Tage ohne Bundesligafußball. Leben ohne Inhalt, ohne Sinn. Was tun?

Nun, zum Beispiel weicht man auf Randsportarten aus. Zwischen den Jahren verfiel ich mit den Kurzen tatsächlich dem Darts-Fieber, und wir lieferten uns der Pfeile-WM auf dsf aus. Was viele nicht mehr wissen: Als sich meine Hallenhandball-Karriere im neunzehnten Lebensjahr dem Ende zuneigte, verfiel ich aufs Pfeilewerfen, ja, ich darf sogar sagen, ich war Gründungsmitglied des zweiten Bochumer Dartsclub, der im Keller eines Schulkollegen aus der Taufe gehoben wurde, am Tag, als ich meine erste ONEHUNDREDANDEIIIIIIIITHIIIIIIIIIEEE schmiss. Für meine Kinder stand ich plötzlich nur eine Stufe unter Phil „The Power“ Taylor, Simon „The Wizard“ Whitlock oder Ronnie „The Rocket“ Baxter. Ein Kampfname läge bei mir schon nahe: Frank „The Tank“. Die Bewunderung des Nachwuchses kühlte allerdings wieder ab, als ich im Keller eine Scheibe montierte und die ersten geworfenen Pfeile die Streuung einer defekten Pumpgun zeigten.

Wenn man schon keinen Fußball gucken kann, dann kann man wenigstens über ihn lesen. Es ist ja mittlerweile durchgesickert, dass sich unter den Anhängern unseres VfL mehr Schreib- und Lesekundige befinden als unter den Fans anderer Vereine. Einer davon ist Oliver Birkner, der als Kicker-Korrespondent in Italien lebt und überhaupt den Ruhm des VfL schon in die hintersten Winkel der Welt getragen hat. Für unser Spiel an diesem Wochenende nicht ganz uninteressant: Birkner wurde in Gelsenkirchen geboren, fand aber früh auf den rechten Weg.

In „Ihr werdet es schon sehn – Florenz, Bogota, Manchester: Hauptsache VfL“ erzählt uns Olli, wie er quasi das Stalking erfand, indem er als Blag quasi täglich bei Walter Oswald, der bei ihm umme Ecke wohnte, anklingelte, um ihm Tipps fürs nächste Spiel zu geben.

Später verschlug es Birkner aus privaten und beruflichen Gründen nach Glasgow, Bologna, Manchester und sogar bis nach Kolumbien – und der VfL immer dabei. Bisweilen unterliefen ihm etwa tragische Fehler in der Urlaubsplanung, so dass er den Aufstiegskrimi 2002 am Computer eines Hotels in der Dominikanischen Republik erlebte, belagert von verärgerten Touristen, die nur wieder ihre bescheuerten Mails über komische Fische an die Heimat absetzen wollten.

Ahnungslose Engländer macht er bei einem Spiel in Berlin zu VfL-Fans. In einer vollen Kneipe in Manchester manipuliert er die Stimmung so effektiv, dass im Pub-TV die Zweitliga-Begegnung Wolverhampton gegen Sunderland sausen lässt, zu gunsten eines Kicks der Bochumer in der Gelsenkirchener Turnhalle: „Die etwas pompöse Ansage, dass die Bedeutung von Schalke gegen Bochum durchaus den Vergleich ManCity-ManUnited standhält, brachte endgültig Peffer in die Sendersuche.“ Die Einschätzung der Tommies „You are pretty shit!“ kontert er bei der Gelegenheit mit einem Spruch, der gute Chancen hat, zum geflügelten Wort zu werden: „Sind aber viele wichtige Spieler verletzt!“

Birkner macht in seinem Buch keine Gefangenen. Es geht bisweilen nicht undeftig zur Sache, schmutzige Wörter liegen in der Luft und hinterher hat man große Lust auf mindestens sechs Bier und etwas Geschlechtsverkehr. Dieses Werk fällt also für VfL-Fans in die Kategorie: „Musse hamm!“

Und mit dem Lesen muss man auch gar nicht bis zur nächsten Winterpause warten.