Es konnte eigentlich nicht schief gehen, auch wenn ich auf ein gutes Gefühl vor dem Spiel nichts mehr gebe. Aber am Mittag des Stuttgart-Spiels hatte ich schon einen Kick gesehen, der die Blaupause abgab für das Auftreten unseres VfL. Die F1-Jugend von Arminia Bochum 1926 erkämpfte sich mit bundesligatauglichem Einsatz ein hochverdientes 1:1 im Freundschaftsspiel gegen Wattenscheid 09.
Kritische Stimmen mögen einwenden: So ein Tanz wegen eines Unentschiedens in einem F-Jugend-Freundschaftsspiel? Das sind Leute, die interessieren sich nicht für Fußball. Und haben vor allem keine Kinder. Wer fast ein ganzes Jahr hilflos an Spielfeldrändern steht und zusehen muss, wie das eigen Fleisch und Blut sich eine Packung nach der anderen abholt, der muss sich bisweilen schwer zusammenreißen, bei Spielen, die auf Messers Schneide balancieren, nicht aktiv einzugreifen. Versucht mal ruhig zu bleiben, wenn dem eigenen Sohn frei vor dem Tor die Pinne weggezogen werden, ohne dass der Verteidiger auch nur die Ahnung des Hauchs einer Chance hat, an den Ball zu kommen! Das war ein Elfer, den sogar der VfL bekommen hätte, und der kriegt bekanntlich nur einen, wenn der Schiri sich vertut. Da können gegnerische Abwehrspieler den Ball auf der Linie fangen, beziehungsweise unsere Angreifer mit dem Baseballschläger von den Beinen holen, und es geht weiter mit einer Gelben Karte wegen Schwalbe.
Und dann siehst du sie rennen, die achtjährigen Helden, sich auflehnen gegen einen spielerisch überlegenen Gegner, der sich mit pervers kluger Raumaufteilung und kurzen Pässen immer wieder hochkarätige Chancen erspielt, die aber von einer aufopferungsvollen Abwehr in kurzen Sport- und langen Unterhosen ohne Rücksicht auf die eigene körperliche Unversehrtheit entschärft werden. Ein gefühlter Sieg der alten Tradition der brennenden Grasnarbe gegen den modernen Konzeptfußball! Bei fünf Grad Celsius und Nieselregen! Und die kriegen nicht mal Geld dafür, sondern nur Schokonikoläuse vom Trainer!
Und eigentlich haben sie gewonnen, denn hinterher gab es, wie nicht selten bei Jugendspielen, noch ein Elfmeterschießen, bei dem Nick, der Keeper in Rudi-Kargus-Manier über sich hinauswuchs und vier Dinger killte. Schade nur, dass moderne Kunstrasenplätze nicht so richtig schlammig werden. Die Trikots hätte man erst fotografieren und dann wegschmeißen müssen. Dafür rieselt in der Kabine ein Kilo schwarzes Granulat aus den Schuhen Größe 35.
Dann trägst du also das Kind auf den Schultern nach Hause, gibst ihm was Trockenes zum Anziehen und ein Belohnungs-Bierchen, das verdächtig nach Apfelschorle schmeckt, aber in einem Fiege-Glas daherkommt und denkst: Das ist schon ein geiler Sport!
Am späten Nachmittag dann noch eine Szene, die einen schönen Tag toll abrundete: Cossi guckt ja Fußball immer mit Knopf im Ohr, weil er nicht leben kann, ohne zu wissen, ob die Zahnlosen aus Herne West oder die Gelbsüchtigen aus Langendreer Ost vielleicht einen drauf kriegen. Und als im Fernsehen Christian Fuchs noch nicht mal angelaufen war, sprang der entfesselte Kumpel schon bis unter die Zimmerdecke und schrie in Herbert-Zimmermann-Duktus: „Tor! Tor! Tor!“. Scotty, die Blagen und ich hatten gerade noch Zeit, uns zu fragen was der Kollege geraucht hatte („Freistoßtor? Wir? In diesem Leben?“), da war es dann auch uns klar, dass die Lizenzspieler des VfL es der F-Jugend von Arminia Bochum nachgemacht hatte.
Von Kindern lernen heißt eben punkten lernen.