Stadion-Couture
23.Oktober 2009

Manchmal beschleicht mich schon der Gedanke, die Erziehung des Nachwuchses in Sachen Fußball könnte ein wenig ZU erfolgreich verlaufen. Am Vormittag unseres Spiels in der Ostzone unserer Heimatgegend, weigerte sich der Zweitgeborene unter Tränen, das von seiner Mutter herausgelegte Oberteil anzuziehen. Weil es schwarz-gelb sei. Nein, nein, das sei kein Schwarz, gab Muttern zurück, die in ihrem kleinen fränkischen Dorf eher fußballfern sozialisiert worden ist, das sei eindeutig ein sehr dunkles Blau. Außerdem ist auch noch Weiß darin. Nix zu machen. Dunkelblau ist zu nah dran. Na gut, an Spieltagen ist eine solche nervliche Zerrüttung zu tolerieren, aber langfristig sollte man ein Auge drauf haben.

Fußball und Fashion – immer ein Problem. Kaum versucht man mal als Verein, ein wenig Farbe ins Spiel zu bringen (wie der VfL auf Schalke), da wird hinterher mehr über die Trikots in der Farbe einer abgestürzten Volksaktie geredet als über Passgenauigkeit und Laufbereitschaft.

Legendär ist ja mittlerweile auf youtube der Clip aus dem Aktuellen Sportstudio aus den glorreichen, goldenen, ach was: orangefarbenen Siebzigern, wo Journalistenlegende Hajo Friedrichs Mode in den Fußball bringen will. Zuerst zeigt er einige aus heutiger Sicht wunderbar schlicht gehaltene, klassische Trikots, die ihm aber viel zu langweilig sind. Im Hintergrund läuft schon betäubend flache Fahrstuhlmusik, zu der plötzlich komplett entmenschte, barfüßige (!) Wesen unbeholfene Bewegungen vollführen, die wohl an Tanz erinnern sollen, aber mehr nach Gehbehinderung aussehen. Diese Wesen tragen Trikots, gegen die das Faber-Regenbogen-Leibchen, in dem wir in den Neunzigern Europa aufgemischt haben, so langweilig aussieht wie das, was bei C&A auf dem Grabbeltisch liegen bleibt, selbst wenn es verschenkt werden soll. Irgendein verwirrter Textildesigner, dessen Gehirnzellen qua kleiner bunter Pillen den Geist aufgegeben hatten, hatte sich in einen LSD-induzierten Farbrausch gestürzt, und Hajo Friedrichs, assistiert von Günther Netzer, hielt das für die Zukunft der Bundesliga-Fashion. Man sieht es sich an und denkt: Scheußlich, aber so waren sie, die Jahre unserer Kindheit.

Die Frage, was man im Stadion anzieht, beschäftigt nahezu jeden Fan. Eingefleischte Trikotsammler jagen täglich bei eBay textile Preziosen ihrer Vereine, möglichst noch mit dem Spielschweiß des Innenverteidigers getränkt, und probieren zu jedem Match eine neue Kombination aus, um irgendwann genau jene Zusammenstellung zu finden, die eine beispiellose Siegesserie des eigenen Clubs ermöglicht. Trainingslehre? Taktik? Laktatwerte? Blödsinn! Gegen Dortmund hatten einfach zu viele Leute die falschen Klamotten an!

Und dann führt man plötzlich Gespräche wie jenes, das mir neulich von einem Bekannten aufgedrängt wurde, der sich darüber beschwerte, dass die hellblaue Sweatjacke aus der letzten Saison nicht zum Blau der neuen Trikots passe, die aktuelle Jacke ihm aber fürs Stadion zu wenig Blau enthalte. Außerdem habe er festgestellt, dass Jerseys mit Rundhalsausschnitt bei ihm einfach nicht aussehen. Er denke schon darüber nach, sich schriftlich an den Verein zu wenden.

Mein Zweitgeborener hat dafür nur Spott übrig: „Was beschwerst du dich“, raunze er den Bekannten an. „Wenigstens ist kein Schwarz drin und kein Gelb.“ Ich nehme alles zurück: Mann kann gar nicht zu erfolgreich sein bei der Erziehung seiner Kinder.