Nenn mich Ata!
16.September 2009

Kinder haben ein Faible für Rekorde und Höchstleistungen. "Papa, stimmt es, dass du mal schneller gelaufen bist als Usain Bolt?", ist im Hause Goosen ein beliebter Schnack. Genau wie die Antwort: "Ja, als ich hinter eurer Mutter her war!" – "Kannst du das noch mal vormachen?" – "Ach, wie sagten schon die Missfits: Auch der Löwe läuft nicht mehr weiter, wenn die Gazelle erlegt ist!"

Besonders lassen sie sich natürlich von fußballerischen Großtaten beeindrucken. Auch wenn sie mir durchaus nicht alles glauben. Die Usain-Bolt-Geschichte haben sie noch gekauft, weil sie sich schon mit sechs beziehungsweise acht Jahren vorstellen können, dass man für tolle Frauen sehr schnell rennen kann. Die Story, wie ich mal bei einem Freizeit-Kick den Ball aus dem Stand über den Torwart und drei Gegenspieler ins vierzig Meter entfernte Tor gelupft habe, stößt bei ihnen jedoch auf Skepsis: "War das nicht die Zeit, in der du wegen deines Bauchs deine Füße gar nicht gesehen hast?"

In einem Buch über große deutsche Fußballer beeindruckte sie die Seite über Gerd Müller besonders. Da sprachen die nackten Zahlen für sich, all die vielen Tore und Rekorde, die Titel und Trophäen. Und als Vattern erzählte, dass ihm eben jener Gerd Müller mal auf den Hinterkopf gehauen hat, haben sie sich hinters Sofa gestellt und minutenlang eben jene Stelle abgetastet.

Als Anhänger des VfL Bochum 1848 wissen sie aber auch, dass erste Plätze oft überbewertet werden. Manchmal ist der neunte der Edelste unter den Edlen, wie etwa der Mann, nach dem in Bochum schon längst eine Straße benannt sein müsste: Ata, der Einzige. Mit 518 Bundesligaspielen belegt er eben diesen neunten Platz in der Liste der Rekord-Bundesligaspieler. Und er und seine Kollegen konnten damals nicht absteigen.

"Wie, die konnten nicht absteigen?!", riefen die Kinder, als ich ihnen erst die Sache mit den Bienchen und den Blümchen erklärte und dann die wirklich wichtigen Dinge im Leben eines VfLers. "Na ja", sagte ich, "Abstieg war bei denen nicht eingebaut". – "Aber bei denen heute schon?" – "Nein, das sieht nur manchmal so aus."

Natürlich wollten sie dann wissen, wieso der Michael Ata heißt. Ich übte mich also in der uralten Kunst der mündlichen Überlieferung, wonach der Prophet der Vereinstreue und des unbändigen Einsatzes schon als Kind so verdreckt vom Fußballplatz nach Hause kam, dass seine Mutter zu ihm sagte: Dich kriegt man nur mit Ata wieder sauber.

Die Geschichte hinterließ einen tiefen Eindruck. Etwa eine Woche später kam der Zweitgeborene völlig verdreckt vom Training der Minikicker von Arminia Bochum. Allerdings war sein Trikot nicht schlammverkrustet wie das der alten Recken früher, nein, heute sind sie ja im Gesicht schwarz wie Hauer Jupp auf Consolidation, weil die modernen Kunstrasenplätze mit diesem schwarzen Granulat angereichert sind. "Gut", sagte meine Frau, die ihren lästigen süddeutschen Dialekt mittlerweile fast abgelegt hat "du siehst getz aus wie Oppa Goosen nach die Schicht, aber was mach ich jetzt mit dir?" Familienbedingt ist der Bengel jedoch nur selten um eine Antwort verlegen: "Ach Mama, nenn mich Ata!"

Und zusammen vergossen wir 518 Tränen der Freude.