Die schöne Sonne
18.August 2009

Manchmal wäre man ganz gern wieder acht Jahre alt. Dann hätte man immer jemanden, der einen zu den Auswärtsspielen fährt, man könnte sich einfach an einem vollen Stadion und den merkwürdigen Fremdfans darin berauschen und darüber das Spiel vergessen und hätte auch nach einem null zu drei noch den Blick für das Schöne im Leben.

Ja, ich musste meinen sechsjährigen Sohn beneiden, als wir uns auf Schalke im Schneckentempo in den Stau auf der Kurt-Schumacher-Straße schoben und der Zweitgeborene sagte: "Guck mal Papa! Die Sonne sieht aber toll aus!" Tatsächlich: Dunkelorange wie frisch abgestochener Stahl hing der Glutball über Gelsenkirchen und schien warm auf zufriedene Königsblaue, die "Spitzenreiter! Spitzenreiter!" grölten.

Scotty durchwühlte das Handschuhfach und rief: "Du hattest doch sonst immer Schnaps hier drin! Nach diesem Spiel brauche ich Schnaps! Strohrum! 150%!" – "Findest du dein Verhalten wirklich angemessen?" – "Nee, du hast recht. Schnaps reicht nicht. Kuck mal, der Typ da vorne, der sieht total abgerissen aus! Vielleicht können wir dem sein Heroin klauen!"

"Papa, was ist Heroin?" – "Heroin, mein Junge. So genau weiß ich das auch nicht, aber vielleicht fragst du mal den Vater von diesem einen Schulkameraden von dir, diesem kleinen blonden, der scheint sich damit auszukennen!" – "Oder aber", griff Scotty in meinen tölpelhaften Versuch schwarzhumoriger Erziehung ein, "wir fahren zum Auswärtsspiel nach Berlin, da gibt es genug." – "Ach", sprach darauf der Thronfolger, "ich weiß nicht, ob das mit den Auswärtsspielen so eine gute Idee ist." Und er starrte mit seinen acht Jahren aus dem Fenster wie ein Mann, der schon von zu vielen Geliebten enttäuscht worden ist.

In solchen Momenten tut es gut, sich an bessere Zeiten zu erinnern. Wie damals, als Paul Holz mal eine Ecke direkt verwandelt hat. Oder Andrzej Iwans Freistoß, der, mit dem Außenrist getreten, eine Flugbahn beschrieb, die so von der Natur nicht vorgesehen war. Oder wie Pädda Madsen die auf dem Rücken liegende und mit allen vieren strampelnde Schildkröte Oliver Kahn umrundete, um lässig zum 1:0-Siegtreffer einzuschieben.

Es gibt Statistiken, da macht uns keiner was vor. Laut der impire-Datenbank, welche die Kollegen vom dsf dankenswerterweise für mich durchforstet haben, steht fest, dass seit unserem Aufstieg 1971 keine Mannschaft in der Bundesliga häufiger 3:3 gespielt hat als wir – schlanke 22 Mal! Betrachtet man den gesamten Zeitraum ab Beginn der Bundesliga 1963 liegen nur der VfB Stuttgart mit 31 und die Bayern mit 25 Drei-Drei-Krachern vor uns!

Natürlich möchte auch ich, wie alle VfL-Fans, dass wir in dieser Statistik möglichst schnell noch weiter nach vorne kommen, und von dieser Mission ist auch die ganze Mannschaft beseelt. Den Gegner dabei aber mit drei Toren in Vorleistung treten zu lassen ist nicht ganz ungefährlich, wie wir gesehen haben.

"Weisse" brachte Scotty dann den Tag auf den Punkt, "ich hätte heute lieber einen akuten Anfall von Schweinegrippe gehabt, als dieses Spiel zu sehen."

"Ach Scotty", tröstete der Zweitgeborene, "dafür sieht die Sonne doch so schön aus!"