Endlich wieder siebzehn!
03.April 2009

Du kannst nicht immer siebzehn sein, sang Chris Roberts. Doch, sage ich, und zwar auf Auswärtsfahrten. Fünf Mann hoch waren wir beim Spiel in Gladbach, da aber meine Mitstreiter meinten, sie setzten sich nicht einem nervenaufreibenden Spiel im Abstiegskampf aus, ohne sich von alkoholhaltigem Bier befeuern oder gegebenenfalls trösten zu lassen, nutzten wir nicht das Angebot der vom blauweißesten Verein Deutschlands subventionierten Fanblock-Karten, sondern besorgten uns über einen Mittelsmann vor Ort Karten für die Haupttribüne.

Auf der Hinfahrt quengelt Scotty schon nach wenigen Kilometern: „Ich bin müde, ich hab Hunger, ich hab Durst, der Manni ärgert mich die ganze Zeit und wann sind wir endlich da?“ Es hilft alles nichts: Wir müssen an einer Tankstelle raus und erstmal Rast machen. Klar, so eine 75-Kilometer-Fahrt, die schlaucht. Und macht Durst. Die große Frage: Flaschen- oder Dosenbier? Wir einigen uns auf Flaschen, weil man die auch wirklich überall los wird. Das System beim Dosenpfand hat von uns noch keiner durchschaut. Doch dann stellt sich heraus, dass die Frage auch unerheblich ist, schließlich leeren wir unsere erste Ration gleich an Ort und Stelle, geben die Flaschen zurück und liefern uns einen ersten verbalen Pre-Match-Battle mit Gladbach-Fans, die allerdings nur ihr Auto betanken und jeden Grund kriegen, ihre Klischees über Ruhris zu verfestigen: Sie saufen, sie grölen, sie schwingen schmutzige Reden – auch wenn sie Mitte Vierzig und Familienväter sind.

Von unserem Mittelsmann werden wir in Gladbach mit Mettbrötchen und Schnitzeln versorgt. Auch reißt die Bierversorgung nicht ab. Da ich in den letzten Monaten zwecks Gewichtsreduzierung weitgehend auf Alkohol verzichtet habe, bin ich nach der zweiten Pulle schon sehr gelöst.

Im Stadion stellen wir fest, dass wir zwar schön auf der Haupttribüne sitzen, zum Wasserlassen jedoch die Toilette im heimischen Fanblock, in der Nordkurve, aufsuchen müssen. In vollem Blau-weißen Ornat. Das führt zu gewissen kommunikativen Verwerfungen. „Was sucht DER denn hier?! Und da sind noch zwei!“ Ich sage zu Scotty: „Die reden über uns, als wären wir seltene Tiere!“ – „Sind wir ja auch“, meint Scotty. „Wir sind die Drei-Punkte-Wombats! Wir ernähren uns von den Punkten, die andere Mannschaften zum Überleben bräuchten! Wir saugen sie aus und lassen nur leblose Hüllen zurück, die in der ersten Liga nichts zu suchen haben!“

Draußen frage ich einen Ordner, ob es nicht einen alternativen Abort für uns gibt, aber als er das Vereinswappen auf meinem Parka erblickt, macht er ein Gesicht, als hätte ich gerade dazu aufgerufen, Im Mittelkreis Neugeborene zu opfern.

Während des ganzen Spiels werden wir immer wieder angepöbelt. Unter anderem von einem Achtjährigen, der vor uns neben seinem breitschultrigen Vater und seiner Mutter sitzt, auf deren Fingernägeln der komplette Text des Grundgesetzes Platz hätte. „Scheiß VfL!“, brummt der Junge und kommt sich mutig vor. „Jetzt beleidigen sie schon ihren eigenen Verein!“, meint Scotty, aber das kapiert der Junge nicht.

In der zweiten Halbzeit suche ich noch einmal die feindliche Toilette auf und kriege bei der Rückkehr auf meinen Platz ein Stück feuchte Brezel ins Gesicht geschmissen. Wir gewinnen das Spiel mit 1:0, sind aber noch nicht so richtig erleichtert. Nach dem Schlusspfiff warten wir sehr lange und bewegen uns dann quer über die Haupttribüne zu einem anderen Ausgang. Angeblich soll ich noch gegrölt haben „Bundesliga Zwei – Gladbach ist dabei!“, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Letztlich ist mein Spitzname „Gandhi“.

Draußen fällt mir mein Mobiltelefon hin, das seitdem einen Sprung hat. Irgendwie kommt von überall her Bier. Plötzlich sitzen wir im Auto und fahren am Bochumer Mannschaftsbus vorbei. Ich lasse die Scheibe herunter, lehne mich raus, recke mit beiden Händen meinen Schal in die sieggeschwängerte Nachtluft und schreie irgendwas, das ich selbst nicht verstehe. Scotty meint später, ich hätte einen unserer Spieler dazu aufgefordert, ein Kind mit mir zu zeugen. Leider durchaus vorstellbar, letztlich aber nur ein Gerücht. Genauso wie jenes, wir hätten angeblich noch bei einem hohen Würdenträger des gegnerischen Vereins in die Auffahrt uriniert. Kann ich mir nicht vorstellen. So was macht man doch höchstens mit siebzehn!