Vor dem Spiel gegen Cottbus habe ich hier einen Elfmeter für den VfL herbeigeschrieben. Ich war schon immer von meinen zahlreichen Talenten überzeugt (oft als einziger), aber von dem Talent, die Zukunft zu verändern habe ich trotz jahrelangen Star-Trek-Konsums nichts geahnt. Und jetzt kommen die Bayern…
Selbsternannte Experten sitzen gern im Fernsehen und delirieren darüber, dass eine Mannschaft wie der VfL Bochum „normalerweise“ von den Bayern fünf, sechs Tore eingeschenkt bekommt und mit einer demütigenden Niederlage vom Feld geschickt wird. Wie so vieles, was in der Glotze so dahergeredet wird, ist auch das Unsinn. Beziehungsweise: Es kommt auf den Blickwinkel an.
Vor einiger Zeit schenkte mir ein Freund eine große Kiste mit allerlei VfL-Devotionalien, unter anderem alte Zeitungsartikel aus den Siebzigern. Da war zum Beispiel die Hinrunde der Saison 1974/75 komplett dokumentiert. Speziell das Heimspiel gegen Bayern München war da sehr interessant. Nachdem wir gegen die nicht ganz untalentierte Truppe aus dem Alpenvorland in den ersten Jahren unserer Bundesliga-Zugehörigkeit keinen einzigen Punkt hatten einfahren können, war eine Niederlage im Spiel im November 74 praktisch beschlossene Sache. Die WAZ fragte besorgt: „Gegen die halbe Nationalmannschaft – Wie soll der VfL da Favorit sein?“
Einmal umgeblättert in diesem Album historischer Ausschnitte, schrieen einem balkenhohe Lettern dann entgegen: „3:0 – Bochum fegte die Bayern vom Platz!“ BILD formulierte es noch ein bisschen schöner: „3:0! Und die Bayern wurden ausgelacht!“ Auch schön: „Sie guckten wie die Osterhasen“ oder „Bochum im Stile einer Klassemannschaft“ und „VfL Bochum führte die Bayern vor!“ Da macht das Abtippen richtig Spaß.
In der Saison darauf legte der VfL übrigens ein 3:1 im Heimspiel nach. Wieder eine Spielzeit später dann dieses Jahrhundertspiel, in dem wir sehr lange 4:0 geführt haben, über dessen Ausgang aber nichts bekannt ist, das aber so etwas wie eine Serie einläutete: die nächsten drei Spiele gegen Bayern hat der VfL nicht verloren: Zweimal 1:1, ein 2:1-Sieg.
Wir müssen nur die nächsten sieben Spiele überspringen, um in der Rückrunde 1981/82 einen weiteren 3:1-Heimsieg zu finden, gefolgt von nicht weniger als fünf weiteren Heimspielen, in denen für den Rekordmeister in Bochum allenfalls ein torloses Remis zu holen war. Sechs Jahre zu Hause gegen Bayern nicht verloren! Lest euch das durch, Jungs! Es geht! Wen interessiert es, dass es zwischendurch ab und an auswärts mal eine 5:1- oder 6:1-Packung gab!
In der Saison 91/92 dann das historische Spiel: Der Zwonull-Sieg im Olympiastadion. Heiko Bonan und Frank Benatelli lassen sich noch heute gern morgens um drei wecken, um ihre Tore aus dem Gedächtnis fotorealistisch nachzuzeichnen.
Auch nicht verkehrt: der 1:0-Triumph im Heimspiel 2004. Das Foto, wie Pädda Madsen den wie eine Schildkröte in Not auf dem Rücken liegenden, mit allen vieren strampelnden Oliver Kahn umrundet, um gelassen einzuschieben, hat mein Freund Scotty damals auf T-Shirts drucken lassen.
Und dass auch ein 1:3-Rückstand gegen die Bayern noch keine Niederlage bedeuten muss, haben wir erst vor ein paar Monaten in diesem faltigen Fahrradschlauch in Fröttmaning bewiesen.
Von den zweiunddreißig Begegnungen in unserem Stadion konnte der FC Bayern gerade mal achtzehn für sich entscheiden. Sieben Unentschieden gesellen sich zu sieben großartigen Siegen. Zu Hause sind wir für die Bayern also praktisch Angstgegner.
Ein Elfer muss es diesmal übrigens nicht sein. Ich nehme auch ein Tor aus klarer Abseitsposition in der dritten Minute der Nachspielzeit.