Wenn man wegen des Tabellenstandes seines Vereins mal wieder vom Komasaufen übers Klebstoffschnüffeln direkt zum Heroinspritzen übergegangen ist, greift man nach allem, was einem im Leben an halbwegs Positivem unterkommt und klammert sich daran fest. Wie so oft naht dann Rettung aus Richtung der Kinder.
Habe ich schon erwähnt, dass die meinigen sich von morgens bis abends mit nichts anderem mehr beschäftigen als Fußball? Irgendwie stecken die den Tabellenstand etwas besser weg als ihr Vater, da in ihren jungen Jahren für sie noch alles voller Wunder ist, sogar ein 1:2 bei Null Grad gegen Köln. Na gut, als ich kürzlich den Zweitgeborenen etwas zu lange an einem Edding habe riechen sehen, zog kurz Sorge durch mich hindurch. Dann aber wandte er sich wieder zusammen mit seinem Bruder der aktuellen Droge zu, und die heißt „Fußballquartette“. Die werden mittlerweile ganz legal gedealt, weil die Drogenbeauftragte der Bundesregierung das Suchtpotential bisher nicht erkannt hat.
Kinder sind in der Lage, Unmengen an Zahlen und Daten zu verarbeiten und haben die auch noch permanent präsent. Da einige der Quartette älteren Datums sind, findet sich auf ihrer internen Festplatte auch so unnützes Zeug wie Größe, Gewicht, Kopf- und Genitalumfang sowie Anzahl der Bundesligatore von Doris van Hout. Wobei man in letzterer Kategorie wahrscheinlich sogar gegen so ziemlich jede Torhüterkarte verliert.
Da es zur aktuellen Spielzeit von unserem Verein kein Quartett gibt, mussten wir uns selbst eines basteln. Da wurden dann die entsprechenden Seiten aus dem Kickert-Saisonheft kopiert, die Spielerinformationen ausgeschnitten und auf Pappkarten geklebt. Verwirrte Menschen in unserem persönlichem Umfeld schenkten uns dann, in der Absicht uns zu ärgern, ein Schalke-Quartett und weil es dann schon nicht mehr drauf ankam und man den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen, legte Vattern noch eines vom BVB und von der Nationalmannschaft oben drauf.
Diese Quartette einfach der Reihe nach ab zu spielen, wäre zu simpel, also sind der Thronfolger und der Zweitgeborene (manchmal nenne ich sie auch „William“ und „Harry“, glücklicherweise läuft aber keiner von ihnen mit Hakenkreuzbinde herum) dazu übergegangen, alle Quartette zu einem riesigen Monster-Spiel zusammenzulegen. Stundenlang verschwinden sie dann in ihrem Zimmer und müssen intravenös ernährt werden, weil sie an Essen und Trinken dann so viel Interesse haben wie ein Vollzeithacker, der nur zum Spaß in den Computer des Pentagon eindringt.
Durch die Quartette sind meine Kinder Zahlenfetischisten geworden. Jede Zahl wird irgendwie einem Fußballthema zugeordnet. Uhrzeiten zum Beispiel. 14:24 Uhr heißt dann: Klimowizc Uhr Bönig. Muttern steigt dann aus, füllt Pattex in eine Plastiktüte und verschwindet für eine Viertelstunde auf dem Gästeklo.
Manchmal wird es noch merkwürdiger: Da fahre ich den Thronfolger eines Samstagmorgens zu einem Kindergeburtstag und mit einem Blick auf die Digitaluhr im Auto sagt der Junge: „Papa, du gewinnst gerade gegen Sestak!“ – „Ich weiß. Aber wieso?“ – „Es ist 9:42 Uhr. Sestak hat die Rückennummer neun, und du bist 42 Jahre alt!“
Es ist grotesk, aber es tut einfach gut, ab und zu mal zu gewinnen.