Kellergeister
12.Dezember 2008

Du weißt, dass du in der Erziehung etwas richtig gemacht hast, wenn dein Verein mit dem Rücken zur Wand steht, deine Kinder aber trotzdem jeden Abend um achtzehn Uhr achtundvierzig „Unsere Heimat, unsere Liebe“ singen. Menschen, deren Vereine weiter vorne in der Tabelle stehen, bringen dafür kaum Verständnis auf, sprechen gar davon, dass man die Kinder traumatisiere, sie nicht vor den schmerzhaften Enttäuschungen, die ein Stadionbesuch in diesen Zeiten bereithalte, bewahre, und als mein Verein weiter vorne in er Tabelle stand, habe ich auch so über die Kellerkinder hinter uns geredet. Heute hoffe ich, dass meine Kinder an den Krisen, die wir durchleben, wachsen, und dass sie sich später, auf dem Arbeitsmarkt, als teamfähiger und psychisch belastbarer erweisen als etwa Anhänger des FC Bayern, die anfangen ihre Frauen zu verprügeln, wenn sie auf Platz drei abrutschen.

Wobei ich sagen muss, dass es bei mir nicht so richtig geklappt hat. Ich fühle mich Krisen immer noch hilflos ausgeliefert und betäube mich mit amerikanischen Fernsehserien, in denen garantiert kein Fußball vorkommt. Außerdem kommt man plötzlich auf so merkwürdige Ideen, wie etwa, dass es eine gute Idee sein könnte, mal wieder einen richtig ernsten Roman zu schreiben, in dem der Held am Ende von einer durchdrehenden Ehefrau mit den Worten „Ich kann dieses ewige Geheule über deinen Verein nicht mehr ertragen!“ die Kellertreppe hinuntergestoßen wird.

Mir fehlt einfach jede Gelassenheit. Wörter etwa, die ansonsten wirkungslos an mir vorbeiziehen, stürzen mich nun in tiefe Depressionen. Keller zum Beispiel. Ist ja auch in diesem Text schon zweimal vorgekommen. Jedes Mal musste ich eine Pause machen und einen Schluck aus der Büroflasche nehmen, von der ich immer behaupte, es gebe sie gar nicht.

Man kann sich bemühen, solche neuralgischen Wörter zu vermeiden, aber das nützt nichts, wenn das Umfeld nicht mitdenkt. Erst neulich sagte meine Frau zu mir: „Hold doch mal die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck aus dem Keller!“ Ich zögerte. Sie wollte wissen, was los sei. Ich: „Ich kann nicht da runter!“ – „Wieso?“ – „Ich habe Angst, wenn ich einmal da unten bin, komme ich nie wieder hoch!“ Ich bin dann doch gegangen, habe mich dann aber in der Kiste vergriffen und ein Buch über Werbung in den Siebziger Jahren herausgezogen und das ausgerechnet an der Stelle aufgeschlagen, wo es um diesen ohnehin ekligen Perlwein namens „Kellergeister“ ging.

Für komplett bescheuert hält mich meine Frau, seit ich fluchend aus dem Raum lief, als es in einer Fernseh-Reportage über die Bezwingung der Eiger-Nordwand hieß: „...und dann machten sie sich an den Abstieg.“ Eine Einladung zum Essen bei Freunden am letzten Wochenende habe ich ebenfalls abgelehnt: „Tut mir leid, aber ihr wohnt in einer Sackgasse. Da traue ich mich eventuell im Juni wieder hinein.“

Aber wenigstens funktionieren noch die Reflexe der Kinder. Meine dürfen sich in der Vorweihnachtszeit immer wünschen, welche beiden Panini-Bilder sie am nächsten Morgen im Adventskalender vorfinden möchten, und der Jüngere sagte erst vor ein paar Tagen: „Die zwei fehlenden Schalker wünsche ich mir erst am Vierundzwanzigsten. Die will ich nämlich erst als letzte voll haben.“

Das ist schön, aber das Grauen lauert ja immer schon an der nächsten Ecke: „Wo ist eigentlich dein Bruder?“ – „Der ist im Keller und sucht seinen Fahrradhelm!“

Bitte, liebes Christkind, mach dass das alles schnell vorbeigeht!