Jetzt rasten wirklich alle aus. Nachdem schon bei der EM im Sommer die europaweit bekannten Rowdies Joachim Löw und Josef Hickersberger – in ihrer Jugend als beinharte Schläger in den bisweilen zwölfköpfigen Fankurven von TuS Schönau 1896 und ASK Amstetten berüchtigt – nach üblen Rüpeleien an der Seitenlinie auf die Tribüne verbannt worden waren, hat es nun auch endlich Marcel „The Killer“ Koller erwischt. Er hat Gott gezürnt. Gott trug ein gelbes Hemd und eine alberne Frisur, aber es war eben Gott.
In gewöhnlich gut unterrichteten Kreise in der Schweiz kursieren heute noch Fotos von Koller in kettenbehängter Jeans-Kutte, wie er, übrigens damals schon mit einer geschmuggelten Flasche Fiege in der Faust, Jagd auf Schiedsrichter machte. Auch bei Schlägereien im Bochumer Nachtleben ist der Schweizer kein Kind von Traurigkeit, wie die „entfallenen Szenen“ bei Toto und Harry beweisen würden, aber der Verein unterdrückt natürlich deren Veröffentlichung.
Überhaupt die Trainer! Wechseln sich selber immer wieder ein, vergeben Großchancen en masse, sensen im eigenen Strafraum über den Ball, verschulden verhängnisvolle Gegentore, wechseln sich wieder aus und rüpeln an der Seitenlinie weiter! Übelste Beleidigungen gegen den Vierten Offiziellen sind keine Seltenheit. Jogi Löw soll dem Mann von der Uefa sogar ein „Wir wollen hier einfach nur unsere Arbeit machen!“ entgegengeschleudert haben! „The Killer“ soll sich nach einer, in seinen Augen, zweifelhaften Freistoßentscheidung sogar zu einem „das war nie und nimmer ein Foul!“ verstiegen haben. Ja, wo sind wir denn?
Gute Frage. Einige Unbelehrbare glauben immer noch, wir seien hier beim Fußball! Wie blöd kann man sein! Das ist große Oper, das ist Verdi und Carl Orff, Symphonie, Cantate, Oratorium, da gilt: zahlen und freundlich sein, beziehungsweise der Mannschaft ein „Spielt’s Fußball“ mit auf den Weg zu geben und sich dann an der Linie eingraben lassen, mit einem schlichten Holzkreuz drauf, dann ist endlich Ruhe!
Die Spieler doch genauso! Es soll immer noch Kicker geben, die Spaß an ihrem Job haben. Manchmal reißen sie sich nach einem Tor im kindlichen Übermut das Trikot vom Leib und tragen darunter nicht einmal ein Sponsorenleibchen! Zu Recht fliegen solche Subjekte gleich vom Platz.
Und dann dieser Krach aus den Fankurven! Die sollen doch froh sein, dass sie überhaupt noch reindürfen! Aber das kriegen wir auch noch geregelt. Kleiderordnung, Krawattenzwang, Benimm-Kodex, Dezibel-Grenze. In München, da machen sie es richtig, da herrscht Ruhe auf den teuren Plätzen. Da steht dem Kunstgenuss nur die fehlende Kunst entgegen.
Es gibt noch immer so viele Störfaktoren beim Fußball. Die Spieler, die Trainer, die Zuschauer! Ihr lasst euch doch sonst auch ständig verarschen, wieso nicht beim Fußball? Wir kriegen euch noch dazu, Eintritt zu bezahlen, um einen fast leeren Rasen anzustarren, auf dem ein Schiedsrichter und zwei Assistenten das Ballett der Unfehlbarkeit tanzen.
Was stört einen am meisten am Fußball? Richtig, diese scheiß Emotionen!