Sie sind hinter mir her!
28.Oktober 2008

Vielleicht läuft ja da eine Kampagne gegen mich, vielleicht hockt irgendwo einer, der sich sagt, wir wollen doch mal sehen, wie viel Tore wir den Goosen in dieser Saison verpassen lassen können.

Es passiert ja bisweilen, dass man was nicht mitkriegt, etwa weil man auf dem Örtchen war, welches hier in Bochum noch immer als „Toilette“ bezeichnet wird oder weil man Bier holen war oder Brezel für die Kinder. Noch nie aber habe ich aus einem derart grotesken Grund ein Tor verpasst wie gegen Gladbach.

Der ganze Tag war auf Kante genäht. Tagsüber durfte ich auf der Buchmesse in Frankfurt Ungläubigen predigen, dass heißt mich gegenüber Journalisten und auch richtigen Menschen über die Vorzüge, Anhänger des VfL Bochum zu sein, auslassen. Dass ich dabei stets unaufgefordert Mitgliedsanträge austeile, wird mir als liebenswerte Schrulle angerechnet.

Um es nicht zu gemütlich werden zu lassen, schenkte mir die Bahn auf der Rückfahrt noch fast eine Dreiviertelstunde zusätzlicher Reisezeit, so dass ich erst gegen viertel vor sieben zu Hause war. Die Kinder befanden sich, allerdings schon in Stadionklamotten auf einem Kindergeburtstag, und meine angeheiratete Mitbewohnerin war schon unterwegs, um sie abzuholen. Ich warf mich in Stadiongarberobe und machte mich in aller Ruhe auf den Weg zu Stadion. Die Kinder sollte ich an der Tankstelle direkt gegenüber in Empfang nehmen.

Während ich dort wartete, durfte ich mal wieder feststellen, dass Biersaufen nicht gerade den Teng verschönert. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mittlerweile so spießig geworden bin, mich zu fragen, wieso man zum Fußball geht, wenn man sich schon vor dem Spiel blindsäuft.

Jedenfalls stand da ein junger Mann, der gerade noch lauthals über eine Bemerkung seines Kollegen gelacht hatte, und den Oberkörper rhythmisch vor und zurück bewegte. Schließlich beugte er sich, wie um richtig Schwung zu holen, extrem ins Hohlkreuz, ließ den Rumpf wieder nach vorne schnellen – und reiherte in einem perfekten Sinus-Bogen mitten auf die Castroper Straße. Sehr hohe B-Note für den künstlerischen Ausdruck. Und klar, den schlechten Geschmack kann man nur mit einem tiefen Zug aus der Dose wieder wegkriegen.

Kurz darauf traf der Nachwuchs ein, das Spiel ging so dahin, wir lagen bekanntlich nulleins hinten, der Ausgleich war aber nur noch eine Frage der Zeit. Scotty und der Bootsmann, meine direkten Sitznachbarn, verzogen sich zum Entsaften, und plötzlich drängelte sich ein schmaler Typ Mitte fünfzig an mir vorbei und ließ sich auf Scottys Platz fallen. Ich wandte mich ihm zu und machte ihm klar, dass beide Plätze besetzt seien, er aber murmelte etwas, das ich nicht verstand, weshalb ich nochmal nachlegte und sagte, die beiden Kollegen kämen gleich wieder, und plötzlich sprang der Mann auf, aber nicht, um sich zu verziehen, sonder um, wie fast alle anderen um mich herum, unseren Ausgleich zu bejubeln. Was für ein Dreck! Ein Tor ist stets ein singulärer Moment im Leben, der kommt nie wieder, und diesen hier hatte ich jetzt verpasst.

Wie geht noch der alte Spruch? Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.