Was haben Thomas Zdebel und ich gemeinsam? Ich meine, mal abgesehen von der Physis, dem Augenaufschlag, der markanten Männlichkeit und der erotischen Ausstrahlung. Nun, wir beide haben das 3:3 in München verpasst. Nicht das ganze Spiel, welches der Capitano vor Ort verfolgte, während meine Wenigkeit das Spektakel auf dem heimischen Sofa zusammen mit zwei eigenen und einem geliehenen Kind verfolgte. Aber genau in dem Moment, wo Denis „Hrubesch“ Grote den Ausgleich köpfte, waren wir gerade woanders.
Thomas Zdebel war laut Zeitungsmeldung gerade draußen, um für sich und seinen Sohn Atzung für die letzten zehn Minuten zu besorgen. Dummerweise hatte er, als er zu seinem Platz auf der Pressetribüne zurückwollte, die falsche Karte einstecken, da er eigentlich auf dem Oberrang platziert worden war. Mit der typisch bajuwarischen Haltung „Dös is a Fremda, der hot sei drei Punkte scho abgliefert, wos is der mehr als wie eine Amöbe?“ wurde er am Betreten der Tribüne so lange gehindert, dass er zwei Tore verpasste und glaubte durch ein instabiles Wurmloch in eine Zeitfalte gefallen, beziehungsweise in ein Paralleluniversum geraten zu sein, in dem der VfL im Moritz-Fiege-Park um die Meisterschaft spielt, während der Underdog aus dem Alpenvorland um seine Existenz fürchtet, weil center.tv angekündigt hat, sein Engagement zu halbieren.
Mich hat kein allzu beflissener Ordner behindert, das habe ich selbst getan. Nach dem 3:2 Durch Diego Dabrowski dachte ich, es sei an der Zeit, das ganze Mineralwasser, welches ich aus Gründen der Gewohnheit seit Anpfiff aus diversen Bierflaschen genuckelt hatte, ablaufen zu lassen, um unbeschwert den Endspurt erleben zu können. Auf unserem, mit einer hübschen Dschungeltapete verzierten Gästeabort hörte ich dann die drei versammelten Kinder in infernalischen Jubel ausbrechen, ganz so als sei verkündet worden, Klassenarbeiten würden ab sofort nur noch im Fach „Fußballfakten“ geschrieben. Nun kenne ich solch ein Gebaren. Unzählige Male schon hatte man sich verabredet, irgend einen Unsinn anzustellen, wenn Papa draußen war: „Den foppen wir jetzt mal so richtig, der tut doch immer so schlau, dabei repariert Mama doch bei uns die Wasserhähne.“
Unter dem Jubel der Massen schüttelte ich ab, wusch mir in aller Ruhe die Hände und schlenderte ins Wohnzimmer zurück – wo die Bagage auf dem Sofa herumhüpfte wie Fatih Terim an der Seitenlinie. Mann, die spielen das heute aber glaubhaft, dachte ich und überlegte schon, ob man diese offenbar angeborenen schauspielerischen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen könnte, in Werbespots für Bier und Unterhaltungselektronik oder andere Produkte, die Papa gern umsonst bekommen würde.
Mit einem Blick auf den Bildschirm musste ich feststellen, dass sie die Bochumer Spieler sogar mitmachten, um die Verarsche noch perfekter zu machen. Und da begriff ich.
Ich weiß nicht, was Thomas Zdebel sich nach dem Spiel von seinem Sohn abhören musste, mein Zweitgeborener jedenfalls kam später mit der ganze Autorität seiner fünf Lebensjahre zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, strich mir übers kahle Haupt und sagte: „Papa, wenn du länger auf dem Klo geblieben wärest, hätten wir bestimmt noch gewonnen.“
Ja, klar, und wenn die Mama mit dem Verputzen des Kellers fertig ist, installiert sie mir einen Flachbildschirm über dem Urinal.