Ich sitze neben Jörg Wontorra und meine Hose riecht nach Pommes
07.Oktober 2008

Samstag, 1.November 2008: Gegen halb drei laufe ich in der mit hoher Wahrscheinlichkeit schärfsten Fußballkneipe Deutschlands ein, dem „Stadion an der Schleißheimer Straße“ in München. Allein die Details der liebevollen Einrichtung aufzuzählen, würde ein Werk dicker als das Telefonbuch von New York ergeben. Die Hymnen auf die fußballbekloppten Wirte und ihr zauberhaftes Servicepersonal würden noch mal genauso ausfallen.

Jedenfalls werden hier ab fünfzehn Uhr nachmittags im Minutentakt riesige Schnitzel serviert, von denen ganze Familien satt werden können. Die Fritteuse in der Küche läuft auf Hochtouren, und das liegt im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft. Meine Klamotten werde ich am nächsten Tag in die Tonne kloppen können.

Nach der Live-Übertragung von Bayern-Bielefeld und Hoffenheim-Karsruhe (parallel auf zwei Leinwänden) und den Zusammenfassungen der übrigen Spiele gibt es eine Lesung mit Christof Ruf. Gegen halb eins in der Nacht nehme ich ein sündteures Taxi zu einem Luxushotel am Flughafen, wo am nächsten Morgen die Live-Übertragung des dsf-Doppelpass steigt, zu der ich eingeladen bin.

Am Morgen weckt mich der Geruch von kalten Pommes. Ich versuche mich zu orientieren: Bin ich gestern in einem Schnellimbiss abgestürzt und gleich neben der Fritteuse eingeschlafen? Nein, nein, ich befinde mich nach wie vor in einem Hotelzimmer, in dem die Übernachtung achthundert Euro kostet, nur liegt neben dem Bett meine Hose.

Kurz vor zehn werde ich beim dsf vorstellig. Jörg Wontorra trägt ein frisches weißes Hemd und eine graue Anzughose. Er raucht Gauloise, riecht aber kein bisschen nach Pommes. Auch die übrigen Gäste sind sehr nett und riechen gut. In der Sendung geht es über eine Stunde um Hoffenheim. Außerdem macht ein Gerücht die Runde. Offenbar plant man in der Bundesliga eine Art Stürmer-Ringtausch: Kevin Kuranyi soll von Schalke nach Stuttgart wechseln, Mario Gomez zu den Bayern und Marko Pantelic von Berlin nach Gelsenkirchen. Ist ja klar, was dann passiert, denke ich: Der Kuranyi wird Torschützenkönig, Pantelic trifft aus fünf Metern das leere Tor nicht mehr und Gomez sitzt auf der Bank.

Am Ende der Sendung gibt es Weizenbier. Eigentlich nicht so mein Fall. Aber wie sagte schon mein Oppa: Hier wird getrunken, was auf den Tisch kommt! Wontorra raunt mir zu, er habe so einen unerklärlichen Heißhunger auf Pommes.

Im Hotelrestaurant gibt es kurz darauf Weißwürstchen, süßen Senf, Brezen und Weizenbier. Hier könnte man jetzt gepflegt versacken, zumal Wonti recht gesprächig ist, und da kann man ja schon mal das eine oder andere unappetitliche Detail über Spieler, Trainer und Fußballjournalisten erfahren. Allerdings bin ich selbst dafür bekannt, dass ich in diesem Stadium, wo die Nervosität langsam abfließt, gnadenlos alles und jeden an die Wand texte. Nach einer Dreiviertelstunde sind Wontorra und Lattek bereit, Aufnahmeanträge für den VfL Bochum zu unterschreiben, nur damit ich die Klappe halte.

Viertel nach zwei hechele ich zu meinem Flieger nach Düsseldorf, und tatsächlich hocke ich siebenundzwanzig Sekunden (!) nach Anpfiff vor meinem Fernseher und verfolge das verzichtbare Spiel des VfL gegen den BVB.

Kurz vorm Einschlafen meint die angeheiratete Mitbewohnerin: „Was hältst du davon, wenn wir morgen mal wieder Schnitzel machen? Mit Pommes?“ Ich verzichte dankend.