Wenn Fußballprofis ihren von Beratern, Pressesprechern und Mentaltrainern geschützten Bereich verlassen und in das eintreten, was Hans-Günther Normalfan gemeinhin als das wirkliche Leben bezeichnet, sind sie sich oft nicht darüber im Klaren, dass sie selbst hier in einem geschützten Bereich befinden. In einer Art vorauseilendem Gehorsam versucht man es den jungen Männern draußen in der Welt so angenehm wie möglich zu machen, ohne dass sie merken, wie die Realität für sie zurecht gebogen wird.
Eine gute Freundin ist Grundschullehrerin in Bochum und notgedrungen mittlerweile, obwohl gebürtig aus Oldenburg, Anhängerin des hiesigen Vereins, schließlich dürfte sie sonst unser Haus nicht mehr betreten und unsere Kinder nicht zusammen spielen. Neulich kündigten sich im Rahmen der Kleinfanerziehungsmaßnahme „Schuloffensive“ Profis des VfL in ihrer Klasse an. So etwas will vorbereitet sein. Also frug die Lehrerin am Tag zuvor, was man die Herren Profis denn fragen wolle. Die Stunde soll ja nicht zu unangenehm für die sensible Fußballerseele verlaufen.
Nun muss man Kindern oft die selbstverständlichsten Dinge noch erklären: Der nächste Gegner hat neunzig Minuten, Abseits ist, wenn ich es sage, und die Stadionwurst wird aufgegessen und nicht in der Jackentasche mit nach Hause genommen. Als erfahrene Fachkraft und Mutter war sich unsere Freundin darüber durchaus im Klaren. Und doch war sie, gelinde gesagt, überrascht, was für Fragen ihren Schülern durch den Kopf gingen.
Der erste Erstklässler, der sich meldete, wollte wissen, ob denn auch der Kevin Kuranyi käme. Ein rasch herbeigeholter Kollege konnte unsere Freundin vermittels einer Prise Riechsalz wieder ins Hier und Jetzt zurückholen, damit sie die Frage aufs Schärfste verneinen konnte. Sie könne sich eher vorstellen, dass man demnächst Begegnungen mit Insassen der JVA Krümmede organisiere, als dass eine Ücke ihr Klassenzimmer betrete. Der Bengel ließ nicht locker und sagte, „Kevin, der das leere Tor nicht trifft“ Kuranyi trüge doch die gleiche Farbe wie die Spieler des VfL. Nein, entgegnete unsere Freundin, ohne auf die Unterschiede zwischen den Farbtönen einzugehen, der VfL spiele in Blau, die Trikots der „Anderen“ sähen zwar aus wie Blau, tatsächlich aber seien sie eiterfarben.
Auch die nächste Frage machte der Lehrkraft klar, dass noch viel Arbeit vor ihr lag. In der zweiten Reihe meldete sich ein Junge, der sich folgende Frage überlegt hatte: „Habt ihr eigentlich auch schon mal gewonnen?“
Hier, muss ich in aller Bescheidenheit vermelden, griff unsere Freundin auf eine Antwort zurück, die ich ihr für solche Momente mal nahegelegt hatte, da sie auch zu Hause sehr gut funktioniert: „Wir gewinnen immer! Nur manchmal machen die anderen halt mehr Tore als wir.“
Beim Besuch der Profis wurde die Frage dann heruntergedimmt zu: „Wie oft habt ihr denn schon gewonnen?“ Die Antwort darauf fällt leicht: „So oft, dass ich die genaue Zahl gar nicht kenne.“
Es ist so leicht, Kinder und Profis glücklich zu machen.