Männer auf verlorenem Posten: Der Superkellner
13.September 2008

Manchmal beneide ich Bielefeld. Da liegt es im verträumten Ostwestfalen und hat weitgehend seine Ruhe, denn immerhin sind es nach Paderborn etwa fünfzig Kilometer, nach Münster so um die siebzig, nach Hannover über hundert und nach Bremen schon fast zweihundert. Zu konkurrierenden Fußballvereinen kann man also Abstand halten.

Wie anders bei uns inne Gegend. Hier blühen die Rivalitäten in wenigen Kilometern Umkreis, hier gehen Freundschaften auseinander, weil man zu unterschiedlichen Vereinen hält – und manchmal geht der Riss mitten durch die Familie.

Von einem besonders schlimmen Schicksal mussten wir erst kürzlich bei uns in Block B hören. Das erste Heimspiel der neuen Saison dient ja immer dazu, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen, was die eigene Entwicklung in den letzten Monaten angeht. Zwischendurch geht immer einer Bierholen und zeigt sich gerade zu Beginn der Spielzeit besonders spendabel, wegen der Euphorie und des schönen Wetters und um einen guten Eindruck zu machen. Einen neuen Rekord stellte indes der Cherusker auf. Mit nicht weniger als zwölf Getränken auf den Händen kam er plötzlich vom Bierstand zurück, sieben in der linken, fünf in der rechten Hand, immer ordentlich die Bechergriffe ineinander gestellt. Fröhlich lachend verteilte der Superkellner das kostbare Nass unter den Dürstenden. Der Mann war zwischen den Spielzeiten Vater geworden (selbstredend war auch die Familienplanung nach dem Spielplan ausgerichtet).

Doch das Lachen blieb uns allen im Halse stecken, als wir erfuhren, welch schlimmes Schicksal den Cherusker, vor allem aber seinen Nachwuchs ereilt hatte. Sein Humor war nur noch eine maskenhafte Fröhlichkeit im Angesicht des Grauens, und mittlerweile fragen wir uns alle, wie man unter diesen Bedingungen überhaupt leben kann. Aber der Reihe nach.

Zunächst lief alles prima. Während der Schwangerschaft wurde der Cherusker, ein ebenso leidenschaftlicher wie kenntnisreicher Biertrinker und eben deshalb kompromissloser Anhänger der örtlichen Marke, von seiner Frau gefragt, ob er etwas dagegen hätte, den gemeinsamen Sohn nach dem Gründer der Fiege-Brauerei zu nennen. Na ja, sie sagte es nicht genau so, aber letztlich lief es darauf hinaus. Die Tür, die sie einrannte, war weit geöffnet.

Nun kam der Bengel an einem Sommermorgen um 8:30 Uhr auf die Welt. Gegen elf Uhr am gleichen Tage wurde der Bruder des Cheruskers auf der Geschäftstelle des VfL vorstellig, um das Kind ordnungsgemäß anzumelden. Kurz darauf der Schock: Er war zu spät gekommen. Schon eine Stunde zuvor hatte die Schwiegermutter (!) das Kind bei Schalke 04 angemeldet! Noch nicht standesamtlich registriert, aber schon Mitglied in zwei Vereinen! Na ja, eher Mitglied in einem Verein und einer kriminellen Vereinigung, aber egal.

Die fassungslose Stille, die sich beim Spiel gegen Wolfsburg nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern vor allem wegen dieser Geschichte in Block B ausgebreitet hatte, wurde von einem der Beisitzenden mit den Worten gebrochen: „Dat muss ja ne Granaten-Olle sein, wenn der dat mit der aushält!“ Wir alle haben versprochen, bei der sittlichen Erziehung des Jungen zu helfen und halten ihm jetzt schon mal einen Platz in unserer Mitte warm.

Das sind Probleme, von denen man sich in Ostwestfalen gar keine Vorstellung macht. Wie gesagt, manchmal beneide ich Bielefeld.