Wie viele Museen, Burgen und Schlösser muss man gesehen haben, bevor man weiß, dass Ritterrüstungen keine Tore schießen und Picasso keine Ahnung von Fußball hatte? Mir kann man es nicht recht machen im Urlaub. Am Strand rumliegen will ich nicht, in sengender Hitze das Kulturangebot europäischer Metropolen abklappern ist auch blöd, und was brauche ich gute Bergluft, wenn ich zu Hause ab und an die Heizkörper entlüften kann! Eigentlich will ich im Urlaub nur den ganzen Tag rumliegen, bisschen lesen, Nahrung, die ich nicht selbst erlegen muss und abends fünf bis sechs Teile „24“ oder was anderes mit viel Bumm-Bumm.
Sind wir Männer wirklich so simpel gestrickt?
Natürlich nicht. Gerade der gemeine Fußballfan ist das, was der Engländer sophisticated (anspruchvoll, ausgeklügelt, durchdacht etc.) nennt. Nur geht er damit eben nicht hausieren. Der Fan braucht und sucht geistige Herausforderungen und intellektuelle Auseinandersetzungen, will komplexe Zusammenhänge auf ihren nackten, existenziellen Kern reduzieren, um auf dieser Basis Strategien für die Zukunft zu entwickeln, mit anderen Worten: Kein normaler Mensch kann drei Wochen ohne Fußball auskommen!
Das hört sich dann ungefähr so an: „Der gegnerische Trainer hat seinen Neuner auf unsere rechte Seite gezogen, deshalb sollten wir jetzt mal besser ein bisschen rochieren, alle Mannschaftsteile schneller verschieben und ganz allgemein eine konstruktivere Ballverwertungshaltung an den Tag legen.“ Da steckt schon mal intellektuelle Auseinandersetzung drin. Auf den existenziellen Kern reduziert heißt das: „Zieh dem Arsch die Pinne weg!“
Die EM hat in diesem Jahr die Zeit der Dürre ein wenig verkürzt, aber um uns auch nicht das geringste geistige Abschlaffen zu gestatten, haben wir im Urlaub alle Register gezogen. Bei Schwiegermutter in Burghausen waren wir nur läppische hundert Kilometer vom VfL-Trainingslager in Tirol entfernt, und da meine Frau mittlerweile gegenüber der Fußballabhängigkeit ihrer drei Männer mehr oder weniger kapituliert hat, quittierte sie meinen Vorschlag, da doch mal vorbei zu schauen, mit einem beinahe schon zustimmenden „Wieso nicht!?“ In zwei Jahren haben wir sie so weit, dass sie es selbst vorschlägt.
Vierzig, fünfzig Bochumer Anhänger trafen auf etwa eintausend Türken, von denen gut die Hälfte am Ende das Spielfeld stürmte, als hätte man gerade die Champions League klar gemacht. Als VfL-Fan ist man da nicht so krampfhaft ergebnisfixiert.
Dass ich mit dem Nachwuchs dann zehn Tage später das Testspiel Wacker Burghausen gegen Hansa Rostock besucht habe, hat mir dann doch auch Sorgen gemacht. Intellektuell herausgefordert hat mich bei dem Spiel mehr als eine Stunde lang die Frage, wieso mir die Rostocker Trikots so gut gefallen haben. Dann fiel mir auf: Die hatten keinen Werbeaufdruck.
In den nächsten Wochen werden die Herausforderungen, wie üblich, immer interessanter, weniger jedoch die intellektuellen als die nervlichen. Unser natürlicher Lieblingsverein wiegt derzeit Fußballdeutschland im Rahmen eines ausgeklügelten Plans in Sicherheit und verzichtet darauf, allzu aggressiv zu Werke zu gehen, um dann Ende August mit einem Paukenschlag in der Nachbargemeinde den Angriff auf die obere Tabellenregion zu starten.
Das nennt der Engländer dann übrigens very sophisticated.