Der Ausflug nach München begann für mich mit einem zauberhaften VfL-Stammtisch, setzte sich fort mit einem deprimierenden Spiel in einem umgekippten Autoreifen und endete mit wässrigem Durchfall.
Am Samstag hatte ich die Freude, im „Vereinsheim“ in Schwabing aufzutreten. Knapp 140 Leute drängelten sich in der engen Kneipe – 120 davon in Blau-Weiß. Ich bin ja nach sechzehn Jahren in dem Job schon einiges gewöhnt, aber mit Sprechchören begrüßt zu werden, das hat schon was. Auch fern der Heimat greifen zudem die lokalen Rivalitäten: In der Halbzeit lässt das Publikum es sich nicht nehmen, Schmähgesänge auf die Lüdenscheider Nachbarschaft anzustimmen. Heimspiel in München. Als ich sehr viel später in der Nacht in Richtung Unterkunft taumele, höre ich von Ferne immer noch „Vau-eff-ehell!“ durch die Nacht schallen. Die Schwabinger haben sich sicherheitshalber verkrochen. Mit Fußballleidenschaft haben sie es hier nicht so.
Dieser Eindruck setzt sich im Stadion am nächsten Tag nahtlos fort. Der erste Schock haut schon mal richtig rein: Es ist verboten, Getränke mit in den Block zu nehmen! Auf dem Rang drunter sitzen nämlich Bayern-Fans, und die haben in der Vergangenheit das eine oder andere Mal Bierduschen ertragen müssen. Die einfachste Lösung wäre doch, die VfL-Fans in diesem unteren Rang zu platzieren. Die würden noch den Kopf in den Nacken legen und sich mit offenem Mund für die Spende bedanken. Auch wenn dieses süßliche Zeug, das hier als Bier durchgeht, für einen westfälischen Pilstrinker schwer zu ertragen ist.
Worum es sich bei der heutigen Veranstaltung dreht, macht der Stadionsprecher kurz vor dem Spiel klar: „The show is about to begin!“ In bemerkenswerter Ehrlichkeit geben sie also zu, dass es nicht um Fußball geht.
Nach vier Minuten führt der VfL mit 1:0. „Auswärtssiege sind schön!“, schmettern sie um mich herum. „Abpfeifen!“, fordert Scotty.
Im Laufe der ersten Halbzeit fleht der holländische Bayer Mark van Bommel um die rote Karte und kriegt sie auch. Frühe Führung und Überzahl – Gift für uns. Ein Lucio auf Koks faucht nach einer Ecke den Ball ins Tor. In der zweiten Halbzeit ein unberechtigter Handelfmeter gegen uns. „Nur so können sie uns schlagen!“ Für Scotty ist das hier so eine Art Watergate-Verschwörung. Das dritte bayern-Tor ist quasi nur noch Formsache.
Wer hatte noch mal einen Spieler mehr auf dem Feld?
Die Stimmung bei den Roten pendelt sich auf dem Niveau einer Totenwache ein. Hinterm Tor auf der Südtribüne bemühen sich etwa hundert Anhänger des Trachtenvereins um Stimmung. Ansonsten sitzt man hier wie im Konzertsaal. Zwischendurch wird man höflich applaudiert, bei den Toren hebt man schon mal in einer Simulation von Begeisterung die Arme, ansonsten war aber bei der Beerdigung von meinem Oppa mehr los – vor allem als die Schnäpse ins Spiel kamen.
Anderes Problem: Wenn man schon die Leute dazu zwingt, draußen zu trinken, sollte man ihnen dort auch die Möglichkeit geben, sich über das Spiel zu informieren. Sogar Wacker Burghausen hat hinter der Haupttribüne Fernseher installiert, beim FC Bayern muss man sie sich im Einkaufszentrum im Zwischengeschoss der Arena selbst kaufen.
Nach dem Spiel genehmige ich mir noch etwas, das hier als „rote Bratwurst“ durchgeht. Irgendwie schmeckt die komisch. Aber komisch ist hier ja so vieles. Zwei ungleiche Brüder vom Fanclub „Blau-weiße Brille“ zerren mich noch in den Fanshop, wo man sich mit Meisterschale und DFB-Pokal fotografieren lassen kann. So ungefähr muss es mit Mittelalter gewesen sein, wenn die Krone des Herrschers durch die Straßen getragen wurde, auf dass der Pöbel sich davor verneige. Wir legen einen VfL-Schal um den DFB-Pokal, und einer von den „Brillen“ (nennen wir ihn aus Gründen, die hier nicht interessieren, „Herrmann, der Cherusker“) reckt das Ding sogar in die Höhe, aber steht auch gleich ein bewaffnetes Swat-Team neben uns und droht mit standrechtlicher Erschießung.
Anstatt noch mit in den Augustiner-Keller zu gehen, verziehe ich mich ins Hotel, da es in mir zu rumoren beginnt. Während auf DSF die Zusammenfassung des Spiels läuft, kriege ich Schüttelfrost, und in der Nacht Durchfall der überaus wässrigen Sorte. Danke FC Bayern!