Mit Verstand!
14.März 2008

Die Kinder sind es ja immer wieder, die einen in die Schranken weisen. Als ich neulich mit dem Thronfolger eine leidenschaftliche Partie Tipp-Kick spielte, und er einen Freistoß an der Strafraumkante herausholte, postierte ich zwei Abwehrspieler und den Keeper auf der Torlinie, aber der Ball ging trotzdem rein. „Wie hast du das denn gemacht?“, wollte ich wissen. Der Junge sah mich an und sagte keck: „Mit Verstand!“

Nun ist mein Älterer praktisch schon ein abgebrühter Stadionbesucher. Und sein kleinerer Bruder ist jetzt endlich auf dem Weg dahin: Beim Spiel gegen Leverkusen bestand er seine Feuertaufe. Das erste Bundesligaspiel im Alter von viereinhalb Jahren und gleich gewonnen – ein schönes Gefühl. Vor allem für den Vater.

Wenn die Kinder größer werden und, wie in diesem Falle, in eine neue Lebensphase eintreten, dann ist das für Vattern einerseits bewegend, andererseits führt es ihm die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Die nächste Generation rückt nach, bald werde ich an der Hand ins Stadion geführt, eine hässliche Bommelmütze auf dem Schädel, damit man die büschelweise aus den Ohren wachsenden weißen haare nicht sieht, und mein Sohn ruft mit tiefer Stimme: „Lasst doch mal den alten Mann durch!“ Heute kann ich nicht pinkeln, wenn einer danebensteht, später werde ich froh sein, wenn überhaupt was kommt. Oder nicht mitten in der Nacht, total überraschend.

Das mag sich übertrieben anhören, aber ich muss neuerdings immer öfter Seitenhiebe einstecken. Als ich gerade das Haus verließ, um zum Leverkusen-Spiel zu gehen, kam mir so ein Bengel entgegen, der für einen Hungerlohn Briefkästen mit Werbezetteln verstopft. Da er zu faul war, bis zur Tür zu gehen, drückte er mir die Werbung für eine Fahrschule in die Hand und sagte: „Darf ich Ihnen das so geben? Vielleicht für Ihre Enkel!“ Enkel! Vielleicht sollte ich mir doch Gedanken über ein Haarteil machen.

Mein Zweitgeborener bewegte sich im Stadion, als sei er hier geboren. Sein Bedürfnis, auch bei einem Spiel gegen eine Mannschaft aus dem Rheinland Schmähgesänge gegen direkte Nachbarn anzustimmen, weist ihn als Kind der Region aus. Den Brezelverkäufer stoppte er routiniert mit einem beherzten Griff an den Backwaren-Korb, und auch Ausrufe wie „Schiedsrichter Pillemann!“ zeigen mir, dass ich in den letzten Jahren gut gearbeitet habe. Nur als er sich kurz vor der Halbzeit alleine zum Bierstand aufmachte, musste ich ihn doch zurückhalten. Immerhin war auch seine Mutter mit dabei, und die muss ja nicht alles wissen.

In Anwesenheit seines Bruders lief auch der Thronfolger wieder zu großer Form auf. Als in der zweiten Halbzeit unser, sagen wir mal: zweikampfstarker Kapitän ausgewechselt wurde, stand mein Sohn vor einem Rätsel: „Wieso wird denn der Zdebel ausgewechselt?“ – „Weil er sich verletzt hat“, informierte ich ihn. Darauf der Bengel todernst: „Aber der verletzt doch sonst immer nur andere!“ Und der Mann in er Reihe vor mir kriegte Bier in den Nacken gelacht.

Wie der Junge auf so etwas kommt? Nun, ich würde sagen: Mit Verstand!