...musste ich an den VfL Bochum denken.
Natürlich hatte ich mir vorgenommen, mich im Trikot meines Heimatvereins vor der Freiheitsstatue oder auf dem Empire State Building fotografieren zu lassen, doch dann erfuhr ich, dass so ziemlich jeder meiner Freunde und Bekannten schon vor mir auf diese Idee gekommen war. Ich bin so ungern (wenn auch ziemlich oft) unoriginell, also ließ ich das Vorhaben fallen.
Als ich in den Herbstferien zum ersten Mal die Hauptstadt der Welt besuchte, ging die Baseball-Saison gerade in die entscheidende Phase. Die New York Mets hatten über Monate die Eastern Conference der National League mit haushohem Vorsprung angeführt und schon begonnen, die Karten für die Playoffs zu verlosen, und dann haben sie es verbockt. Sie verloren ein Spiel nach dem anderen, und am Ende hatten sie Geschichte geschrieben: Der schlimmste Zusammenbruch eines Teams in der Geschichte des Baseballs, sieht man mal von en Brooklyn Dodgers ab, die 1951 einen noch größeren Vorsprung verspielt hatten, aber nicht in so wenigen Spielen.
Die Zeitungen, egal ob die marktschreierischen Tabloids oder die seriöse New York Times, kannten nur noch ein Thema: Das Versagen der Mets. Ein Reporter der Daily News sagte sich offiziell von seinem Fantum los und lief zu den rivalisierenden Yankees über. Zum Sinnbild der Katastrophe wurde ein Fan, der, den Kopf in den Nacken gelegt und die Hände auf der Kappe verschränkt, mit Tränen in den Augen die Titelseite der News geschmückt hatte und so zu seinen jedem Amerikaner zugesicherten fünfzehn Minuten Ruhm kam. Der Mann war Lehrer und schrieb am Morgen nach dem Spiel an die Tafel, man solle ihn bitte nicht auf die Mets ansprechen, sondern einfach nur Unterricht machen. Es ist ein besonderer Tag für dich als Schüler, wenn dein Pauker um Gnade winselt.
Na ja, jedenfalls habe ich mir dann vorgestellt, was passieren würde, wenn der sympathischste Fußballclub Deutschlands (und ich meine NICHT Bayer Leverkusen!) fünf Tage vor Ende der Saison mit, sagen wir mal: zehn Punkten Vorsprung führen würde. Als jemand, der im September 1976 im Alter von zehn Jahren dem 5:6 gegen Bayern München beiwohnen musste, möchte ich mich nicht zu tief in diese Phantasie versenken.
Bei den Freunden, in deren Haus wir während der zehn Tage übernachten durften, geriet ich dann noch in ein Gespräch mit einem jener Amerikaner, die Niederlagen ohnehin für eine Krankheit halten, die aus Europa eingeschleppt wurde. Als der Mann (nennen wir ihn Mike) mich fragte, wie oft denn der VfL schon German Champion gewesen sei, sagte ich ihm dummerweise die Wahrheit. Mikes Gesicht zerfiel in Trauer und Abscheu. „Never?“, fragte er zurück. „Never ever, sorry“, meinte ich, mich entschuldigen zu müssen. Mike rieb sich mit den Händen das Gesicht. „Sure? Maybe you just forgot!“ – „I would remember that, believe me!“ Mike dachte nach. „Maybe before you were born!“ – „I would remeber it anyway.“ Er meinte dann noch, vielleicht sei ich als Kind von Arabern entführt worden, die mir eine Gehirnwäsche verpasst hätten, worauf ich antwortete, das könne ich nicht ausschließen, und damit gab er sich dann zufrieden, bestätigt in zumindest einem Teil seines Weltbildes.
Die Mets haben sich jedenfalls in mein Herz geloost, und die Yankees (ungefähr so was wie das FC Bayern des Baseballs) sind dann auch gleich in der ersten Runde der Playoffs rausgeflogen.
Und jetzt lasse ich mich in einem Mets-T-Shirt vor dem Bismarckturm fotografieren.