Üben mit Nürnberg
30.September 2007

Ich trage sehr gerne Fußballtrikot, auch wenn die meisten mir zu klein sind – was selten an den Trikots liegt. Einen Sonderfall stellen die Leibchen unseres aktuellen Ausrüsters dar, deretwegen ich meinen Vorsatz, in jeder Saison, was die Stadioncouture angeht, auf dem neuesten Stand zu sein, außer Kraft setzen musste. Um Oberteile zu tragen, die auch in XXL den Nabelkrater freilassen und sich damit auf der Tribüne sehen zu lassen, muss man wohl Untertan der britischen Krone sein.

Gehe ich mit meinen Jungs Fußball spielen, ist von vorneherein klar, dass die beiden die Farben unseres angeborenen Lieblingsvereins tragen, also muss ich mir als gegnerische Mannschaft was einfallen lassen. Gern laufe ich dann im hellblau-weiß gestreiften Sporthemd der argentinischen Nationalmannschaft auf, auch wenn Ähnlichkeiten mit Weltfußballern wie Riquelme bei mir weder phänotypisch noch von der Spielanlage her zu erkennen sind. Wenn das gestreifte in der Wäsche ist, laufe ich als Spieler der Equipe Tricolore auf. Zufällig vorbeikommende Passanten haben schon angehalten, weil sie dachten, kein Geringerer als der große Zizou halte sich auf der Wiese neben dem Milchhäuschen im Bochumer Stadtpark fit. Einen gewissen Blick für das Spiel halte ich mir durchaus zugute, wobei allerdings mein Aktionsradius noch unter dem es säten Günther Netzer liegen dürfte. Bei diesen Spielen kommt es übrigens immer wieder zu mehr oder weniger souveränen Siegen des VfL Bochum gegen die erwähnten internationalen Klassemannschaften. Die Kinder sollen lernen, dass auch Bochumer nach den Sternen greifen dürfen.
Es gibt nur ein einziges Trikot einer anderen Bundesliga-Mannschaft in meinem Schrank – und zwar ausgerechnet eines des 1.FC Nürnberg. Die Schwester meiner Frau wohnt nämlich in der Bratwurststadt, und ihre vier Kinder sind schon seit einiger Zeit für ihren Club entflammt – und so gehört es sich ja auch. Ebenso gehört es sich, dass sich innerfamiliär immer auf die Schippe nimmt und zu missionieren versucht. Eine Zeit lang konnte ich punkten, indem ich die Neffen und Nichten damit aufzog, dass sie nicht nur den dämlichsten Stadionnamen der Republik hatten, sondern auch noch den albernsten Trikotsponsor. Das funktioniert leider nicht mehr.
Zu meinem Geburtstag im letzten Jahr schenkte mir die Sippe dann ein Club-Trikot, das aber noch die Werbung für ein Geldinstitut zierte. Komischerweise ist dieses Ding das meiner Trikots, das besonders gut sitzt und mich glatte dreihundert Gramm schlanker aussehen lässt.
Ich gestehe, in diesem Trikot saß ich inklusive Nachwuchs während des Pokalend-spiels vor dem Fernseher und übte Familiensolidarität. Und am Ende haben wir uns auch ein bisschen als Pokalsieger gefühlt, vor allem nachdem meine Schwägerin aus der Hauptstadt angerufen und gesagt hatte, sie und ihr Mann dächten darüber nach, ihrem Ältesten im Rausch des Sieges den ersten Bordellbesuch zu gestatten.
Und als die Meinigen als halbe Pokalsieger ins Bett gingen, hat der Thronfolger mir noch zugeflüstert: „Heute Papa, haben wir schon mal für nächstes Jahr geübt!“