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Frank Goosen //

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Die Wade hat geöffnet

Deutschland-Slowakei gestern war von edler Langeweile. Nein, das ist nicht ganz richtig. Es passierte eine Menge, die Weiß-Schwarzen spielten sich einen Haufen Torchancen heraus, und das sehr ansehnlich. Es kam nur kein echter Nervenkitzel auf. Den Gegner hatte man im Griff wie eine First-Class-Domina einen leadership-gestressten Banker, der endlich mal loslassen will.

Es blieb Zeit und Muße für Gespräche. Zum Beispiel über den Rasen. Der wurde erst einige Tage zuvor verlegt und sah auch so aus. Und kommt aus Holland. Darauf der Zweitgeborene: „Die Holländer wollten eben auch bei der EM dabei sein.“ Habe ich schon mal erwähnt, dass ich sehr stolz auf meine Kinder bin?

Das Schizophrene an Länderspielen ist ja, dass man hier Spielern zujubelt, die sonst bei Vereinen spielen, die man blöd findet. Auch ich gebe zu, dass es mir sehr viel leichter fällt, die Klasse eines Jerome Boateng anzuerkennen, ja zu genießen, wenn er nicht das Bayerntrikot trägt.

Ein Tor hat er auch noch gemacht. Jubelnd sprang er Doktor Müller-Wohlfahrt und den Physios in die Arme. Boatengs Wade war ja tagelang „zu“ gewesen. Dank des medizinischen Personals hat sie wieder geöffnet.

Mesut Özil hat auch noch einen Elfer verschossen. Wahrscheinlich, weil ihm beim Anlaufen durch den Kopf schoss: „Verdammt, ich spiele im falschen Verein!“ Jedenfalls lässt dieses Foto die Vermutung aufkommen:

Freilaufende Königssöhne

Zwei Tage Entwöhnung vom Fußball, man wird ja ganz rappelig. Gestern dann gleich mal wieder drei Spiele. Schweiz-Polen wird ganz munter. Shaquiri verwöhnt uns mit einem Fallrückzieher-Tor, die Schweiz scheidet aber trotzdem im Elfmeterschießen aus. Schade, aber ich kenne so viele nette Polen, da ist es auch in Ordung, dass die weiterkommen.

Wales gegen Nordirland verhält ist dann schon wieder fußballerisches Knäckebrot. Aber sie singen so schön. Am liebsten, dass Will Grigg brennt. Aber der durfte wieder nur auf der Bank lodern. Wales gewinnt 1:0 durch ein nordirisches Eigentor. Passt zum Spiel.

Die nordirischen Fans singen im Pariser Prinzenpark noch zwanzig Minuten nach dem Spiel. So geht das! Prinzenpark ist ja einer der schönsten Stadionnamen. Ich sehe da immer freilaufende Königssöhne auf ausgedehnten Grünflächen grasen.

War das Wales-Spiel schon weitgehend genussfrei, entpuppt sich der vermeintliche Kracher Kroatien gegen Portugal geradezu als Appetitzügler. Da gehen die Gedanken auch beim Nachwuchs auf Reisen. „Wer ist der Lieblingssänger der Kroaten?“, fragt nach ein paar Minuten der Zweitgeborene. Sein Bruder runzelt erst die Stirn, stöhnt dann auf und sagt: „Klar: Cro!“ Nur Vattern hockt mal wieder breitärschig auf der Leitung. Die Jungs zeigen auf die Anzeige der Spielpaarung am rechten oberen Bildrand. CRO-POR.

Dass der VfL Bochum 1848 wie bei jedem Spiel auch diesmal wieder dabei war, dokumentiert dieses Foto:

Kurz nach der Halbzeit dämmern wir alle weg. Ich träume von all den Minikicker-Spielen früher, die jedes einzelne mitreißender waren als dieser Trauerkick. Blasierte freilaufende Königssöhne! Ich will aber hackende Bauern! Fünf Minuten vor Ende der Verlängerung schrecke ich hoch. Der erste Torschuss der Kroaten! Kurz darauf treffen sie den Pfosten, aber der Konter führt zum Siegtor der Portugiesen. Die Kinder tragen sich gegenseitig ins Bett. Mein Plan für morgen: Dringend über Hobby nachdenken!

Die Stille in Hachenburg

Seit über zwanzig Jahren bin ich beruflich auf Tour, aber ich hatte noch nie ein Hotel ganz für mich allein. Heute Nacht in Hachenburg war es so weit. Fachwerk, vier Zimmer, überaus geschmackvoll eingerichtet, eine Küche, eine Nachbarskatze, keine Rezeption, die Chefin wohnt woanders. Will ich hier überhaupt noch mal weg? Vorteile: W-lan, gutes Wetter, geringe Wahrscheinlichkeit islamistischer Attentate. Vor allem aber: Stille! Ein paar Meter weiter steht weiteres Fachwerk zum Verkauf. Und ich habe meine EC-Karte dabei…

Sleeping is over!

Gestern Nachmittag hat endlich die Fußball-Europameisterschaft angefangen. Nachdem ich gestern tagsüber noch gequengelt hatte, dass mich das alles nicht abholt, nicht mitnimmt, dass diese EM kein Bräutigam ist, der seine Braut (mich) galant über die Schwelle trägt, sondern eher ins Hochzeitszimmer schubst, um sich dann auf einem schmalen Feldbett lustlos an ihr zu vergehen, während sie gelangweilt an die Decke starrt, wurde es dann doch noch Liebe, Lust und Leidenschaft. Drei zu Drei ist ja schon fast wieder ein asoziales Ergebnis, wie eine Vorstadtschönheit aus dem sozial auffälligen Wohnsilo, die beim Make-up nach dem Motto verfährt „Viel hilft viel“, um dann am Straßenstrich die schnelle Mark zu machen, aber was Portugal und Ungarn da gestern Nachmittag abgeliefert haben, hatte mehr was von einem hochbezahlten Escort-Service. Tut mir leid, wenn das jetzt hier wieder ins Schlüpperige abgleitet, aber das ist nun mal die Wirkung, die solche Spiele auf mich haben. Was wir bisher erlebt haben, war ja quasi Convenience-Football, nebenher zu konsumieren, ohne wirklich beim Gespräch zu stören.

Im Parallelspiel brachten die Österreicher rätselhafterweise nur Kaiserschmarrn zustande. Eigentlich gut besetzt, aber im Turnier nichts gerissen, das sind ja holländische Verhältnisse!

Island beklagt übrigens den Verlust eines TV-Kommentators. Gudmundur Benediktsson trat beim 2:1-Siegtreffer in der Nachspielzeit in eine andere Welt über. Wenn Sie sich das im Internet anhören wollen, achten Sie darauf, dass keine Hunde in der Nähe sind. In Island sollen auch Fledermäuse reihenweise aufgewacht und gegen Höhlenwände geflogen sein.

Dass in den beiden Abendspielen wieder vorwiegend Magerkost geboten wurde - geschenkt. Allerdings: Was die irischen Fans nach dem Sieg gegen Italien veranstalteten, konnte man weltweit auf der Richter-Skala ablesen. Der Beton der Tribünen musste später gründlich abgekärchert werden, da das Salz ihrer Freudentränen eine fingerdicke Schicht auf den Stufen gebildet hatte. Was für Gesichter! Fellini hätte seine Freude gehabt.

Spontan denke ich gerade an jenen frühen Morgen im Sommer 1984, als mich an einem Strand in Südfrankreich ein Polizistenstiefel beinahe zärtlich in die Seite stupste und rief: „Sleeping is over!“ Man könnte auch sagen: Jetzt geht’s los!