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Frank Goosen //

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Micha Ebeling hatte nichts mit Beate Zschäpe!

Eine Gemeinsamkeit zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin ist die Beliebtheit des Plusquamperfekts. „Ick war jestern im Kino jewesen”, korrespondiert ganz wunderbar mit „Letzte Woche bin ich mit dem Mani abgestürzt und am Tach danach war ich voll inne Wicken gewesen.” Deshalb möchte ich meinen gestrigen Gastauftritt bei der „Reformbühne Heim und Welt” in der Jägerklause in Friedrichshain mit einem ruhrisch-berlinischen „War töfte jewesen” beschreiben.

Hinterher musste allerdings ein junger Mann, der nicht richtig zugehört hatte, beruhigt werden: Micha Ebeling hatte nicht wirklich was mit Beate Zschäpe. Aber sein Text bringt einen auf schöne Ideen für das nächste Klassentreffen.

Komme gerne wieder. Und ich bin sicher, das wird dann wieder töfte jewesen sein.

8000 ist auch okay

Gestern war ich Telefonjoker bei „Wer wird Millionär“. Wie konnte es dazu kommen? Weil ein Mann gezwungen wurde, ein neues Auto zu kaufen. Firat Demirhan nämlich, dem seine Freundin irgendwann eröffnete, dass sein geliebter Opel Tigra demnächst zu klein sein würde. Weil? Nachwuchs sei unterwegs. Also stellte Firat seinen alten besten Freund bei eBay ein und verfasste eine Produktbeschreibung. Wollte er jedenfalls. Herausgekommen ist ein hochkomischer Text, in dem es ums Leben an sich und die Liebe zu diesem Auto im Besonderen geht.

Einem Opel Tigra. Das muss ich immer noch auf mich wirken lassen.

Die Anzeige schlug Wellen. Zig User lachten sich kaputt, die Presse wurde aufmerksam, und zwar nicht nur in Deutschland. Auch in Finnland und Japan wollte man mehr über den Mann und sein Auto wissen.

Firat Demirhan ist das, was man früher „einen guten Jungen“ genannt hätte. Deshalb lebt er nicht nur im Ruhrgebiet, sondern ist auch noch Anhänger des sympathischsten Vereins der Welt, dem VfL Bochum 1848 e.V. Und deshalb sind wir uns im Stadion immer mal wieder begegnet.

Wie kommt nun Günther Jauch ins Spiel?

Nun, Firat bekam damals einen ganzen Haufen Geld für den Tigra geboten, nämlich 55 000 Euro. Bekommen hat er das Geld natürlich nicht, das wäre ja auch noch schöner! Was er aber hat, ist eine sehr schlaue Frau. Die meldete ihn für das Pechvogel-Special bei „Wer wird Millionär“ an und gab gleich mal meine Wenigkeit als einen möglichen Telefonjoker an, weil Firat mal im Suff gemurmelt haben soll: „Der Goosen weiß so viel.“ Tatsächlich war es wohl eher: „Der Goosen ist so weiß und so viel.“

Egal, jedenfalls wurde eine sehr geheime Story gestrickt. Firat sollte angeblich Teil einer ganz anderen Sendung werden, so dass man locker it ihm drehen konnte, ohne dass er Verdacht schöpfte. Und plötzlich stand er in der Kulisse von WWM.

Telefonjoker ist eine spannende Sache. Da ruft eine Frau an und gibt strenge Anweisungen, wann man sich wie lange in der Nähe seines Telefons aufzuhalten habe. Dass man es drei Mal klingeln lassen solle. Und dass im Hintergrund kein Fernseher laufen darf. Jedenfalls nicht mit Ton. Noch wichtiger: Sollte man angerufen werden, darf man bis zur Ausstrahlung der Sendung natürlich mit niemandem darüber sprechen, sonst wird man bei „Bauer sucht Frau“ in einem Haufen Kuhdung verbuddelt.

Am Abend der Aufzeichnung trug ich dann ab neunzehn Uhr das Telefon ständig am Körper. Ich nahm es mit den Keller und mit ins Bad. Ich war fest davon überzeugt, dass es genau klingeln würde, wenn ich einem dringenden Bedürfnis nachging. Andere landen im Bett mit Madonna und ich mit Günther Jauch im WC.

Immer wieder schlug ich die Hacken zusammen, wenn es klingelte, meistens waren es aber nur die Kinder, die sich an meiner Hektik weideten. Der Abend ging dahin, nichts passierte. Die Kinder gingen ins Bett, die Frau schlief auf dem Sofa. Bis 23:30 Uhr sollte ich mich bereit halten. Um 23:29 war es so weit.

Da Firat der letzte Kandidat in einer langen Sendung war, ging alles sehr schnell. Günther Jauch verzichtete darauf, mir zu versichern, wie sehr er meine Bücher schätze, täuschte sogar glaubhaft vor, mich gar nicht zu kennen. Dann war Firat, das Nervenbündel dran. Die 8000-Euro-Frage. Ich hatte natürlich gehofft, dem Jungen mal ganz locker zu einer sechsstelligen Summe verhelfen zu können, mit einer aus dem Ärmel geschüttelten Antwort auf eine hochkniffelige Frage, wie etwa die nach der Summenformel der Wiederholeinheit von Hyaluronsäure (C14H21O11N). Mögliche Folge: Begeistertes Publikum und ein Moderator, der darüber nachdenkt, mir seinen Job zu übertragen. Aber 8000 ist auch okay.

Die Frage lautete „Was ist mittlerweile nicht nur in vielen Großstädten, sondern auch im Duden zu finden?“ Die Antwort war nicht Dämmerbistro, Düsterwirtschaft oder Finsterkneipe, sondern natürlich Dunkelrestaurant. Obwohl allein durchs Vorlesen schon 12 der 30 Sekunden vorbei waren, konnte ich mir die Bemerkung „Ach, Firat, das weißt du doch selber!“ nicht verkneifen. Joana, die im Publikum saß, schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Die korrekte Antwort lieferte ich aber noch nach.

32 000 hat Firat abgeschleppt. Dürfte für ein Bier bei, nächsten Heimspiel reichen.

Der Artist unter der Zirkuskuppel

Heute vor fünfzig Jahren gaben die Beatles im Candlestick Park von San Francisco ihr letztes Konzert, jedenfalls wenn man den kleinen Gig auf dem Dach des Apple-Records-Gebäudes 1969 nicht mitzählt. Das soll uns heute gar nicht groß beschäftigen, aber kurz dran denken wollen wir dann doch.

Hoffentlich nicht zum letzten Mal bin ich gestern beim Zeltfestival Ruhr aufgetreten. Man sagt ja eigentlich, dass man nicht mit Tieren auf die Bühne soll, weil die einem unweigerlich die Schau stehlen. Für die ZFR-Fliegen gilt das allerdings nicht. Man hat auch keine Wahl, die sind eh da. Wenn man nicht aufpasst, verschluckt man ein paar. Natur ist nicht so clever wie immer wieder behauptet wird.

Davon abgesehen fühle man sich beim ZFR immer ein bisschen wie Horst Janson als Trapez-Künstler Sascha Doria in der sehr alten ARD-Serie „Salto Mortale“, weil man sich vorkommt wie in einem Zirkuszelt. Außerdem erhält man als Auftretender einen Parkausweis, den man von innen an seine Windschutzscheibe pappt, und auf diesem Ausweis steht „Artist“. Natürlich soll das englisch sein, betont auf der ersten Silbe, aber ich denke es immer deutsch und betone auf der zweiten, weil ich mich dann körperlich aktiver fühle. Nach Alexander Kluge bleibt der Artist unter der Zirkuskuppel ja ratlos, aber so ist es mir gestern nicht gegangen. Und dafür, Horst Janson, den viele noch als Studi aus der Serie „Der Bastian“ kennen, und Alexander Kluge in einem Text zusammengebracht zu haben, möchte ich bitte ein Assoziations-Fleißkärtchen.

Überhaupt Zeltfestival: Wer wissen will, ob das Ruhrgebiet Weltniveau kann, der soll ich die siebzehn Tage am Stausee angucken. Gut abgehangene Professionalität, die Gelassenheit mit Herzlichkeit kombiniert. Wo sonst bekommt man einen mit Filzer an den Spiegel der Künstlertoilette geschriebenen Gruß der Reinigungskräfte?

Und um Euch allen da draußen mal so richtig wo reinzukriechen: Ihr seid auf dem Zeltfestival auch noch mal ganz anders drauf! Eigentlich solltet Ihr Eintritt nehmen, dafür dass Ihr dem Personal auf der Bühne einen so toften Abend bereitet. Zu dicke? Nee, nur das übliche postkoitale ZFR-Sentiment. Der Artist ohne Zirkuskuppel: müde, aber glücklich.

Von der Liebe zur Komik

Gestern Lesung beim „Festival der Komik” in Frankfurt, veranstaltet von der Caricatura, dem Museum für Komische Kunst und moderiert von Freund und Kupferstecher Bernd Gieseking. Der musste neulich ungeplant ohne mich auskommen, weil ich aus gesundheitlichen Gründen einen Auftritt mit ihm und Oliver Maria Schmitt in Eschwege absagen musste. Bernd wäre nicht Gieseking, hätte er sich bei der Veranstaltung vor zwei Wochen nicht was Besonderes überlegt. Er informierte das Publikum über meine Unpässlichkeit, ließ offen, was der genaue Grund dafür sei und dann ein kleines Notizbuch herumgehen, in dem die Zuschauerinnen und Zuschauer eintragen sollten, was sie denn glaubten, woran ich litte. Das Ergebnis hat er mir gestern überreicht.

Und es ist schon interessant, was die Leute einem so alles zutrauen. „Ohne Blinddarm kann man auch gut leben”, macht einen mehr oder weniger harmlosen Auftakt auf der ersten Seite, aber schon auf der zwoten heißt es: „Prostatahyperplasie ist scheiße, aber das wird schon wieder!” Nein, unter einer vergrößerten Vorsteherdrüse und einem damit verbundenem häufigen, aber erschwerten Wasserlassen leide ich nicht. Auch wurde bei mir keine Notfall-Vasektomie vorgenommen. Ein anderer vermutete „Nillegrind” als Absagegrund, ein anderer meinte, Sackhaarspliss sei eine fiese, fiese Sache. (Stimmt!) Auch Erkältung oder Magen-Darm wurden vermutet, aber beides hätte nicht zwingend zu einer Absage geführt, Letzteres höchstens zu mehreren Pausen. Auch äußerte jemand den Verdacht, ich leide unter „Hyaluronmangel“. Hyaluronsäure ist ein wichtiger Bestandteil des Bindegewebes. Für alle, die sich da einarbeiten wollen: Die Summenformel der Wiederholeinheit lautet C14H21O11N.

Stimmt alles nicht, aber auf jeden Fall war das mit dem Notizbuch eine sehr charmante Idee, und an alle, die sich da eingetragen und mir eine gute Gesesung gewünscht haben vielen Dank, es hat gewirkt.

Die Lesung gestern fand übrigens unter Sauna-Bedingungen statt, 35 Grad im Publikum, 40 auf der Bühne, aber schön war's trotzdem. Oder gerade deswegen, denn man soll sich ja nicht über das Wetter beklagen, schon gar nicht über Gutes. Allerdings vergaß ich in der Hitze, eine Bemerkung zu machen, die ich mir hinter Bühne zurecht gelegt hatte, nämlich, dass „Festival der Komik“ mich frappant an „Festival der Liebe“ erinnert, und das ist von Jürgen Marcus, dem großen Sohn der Stadt Herne. Einfach rausgehen und als erstes mal „Westfalia Herne“ sagen, von da auf Jürgen Marcus kommen und den Bogen schlagen von der Liebe zur Komik - das hätte was gehabt. Und „Von der Liebe zur Komik“ ist auch noch so herrlich doppeldeutig, beschreibt es doch zum einen die Strecke, die viele Ehen im Laufe der Jahre zurücklegen und zum anderen einfach, dass man gerne andere Lachen macht. Könnte man heute Abend auf dem Zeltfestival mal ausprobieren. Also sowohl die Ansage als auch das mit dem Lachenmachen.