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Frank Goosen //

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Ich will auch ein Outlaw sein!

Sie suchen noch ein Buch für den Urlaub, haben es aber nicht so mit dem Zeug, das in den großen Buchhandlungen stapelweise im Eingangsbereich herumliegt? Dann empfiehlt Ihr freundlicher Literaturdienstleister heute mal „Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück“ von Klaus Bittermann. Bittermann ist laut Klappentext eine „Verlegerlegende“. Dass er den Text wahrscheinlich selbst geschrieben hat, ändert nichts am Wahrheitsgehalt dieses Satzes. Seit 37 Jahren betreibt er den Kleinverlag edition tiamat, und das tut er ganz alleine.

„Sid Schlebrowski“ ist die Geschichte von zwei Kids, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sid, der eigentlich Michael heißt, sich aber nach Sid Vicious von den Sex Pistols nennt, ist ein schüchterner, minderjähriger Provinzpunk mit einem saufenden Vater, der mal Boxer war. Nancy heißt wirklich so, ist auch erst sechzehn und stammt aus einer wohlhabenden Adelsfamilie. Der Roman spielt hauptsächlich im Sommer 1980 und beginnt, als Sid in den schwarzen Citroen steigt, den Nancy ihrem Vater geklaut hat, aber das ist nicht das richtige Wort, eigentlich war das eine Enteignungsaktion.

Die beiden ziehen durch Süddeutschland, Österreich und Italien, logieren in Luxushotels und reisen ab, ohne zu bezahlen. Sie erleichtern Menschen, die es sich leisten können und die meistens auch einiges auf dem Kerbholz haben, um Geld, Schmuck und teure Klamotten. Unterwegs treffen sie immer wieder auf Menschen, die ihnen helfen: ein kommunistisches Ehepaar, das im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat oder einen Tankwart, der über den Tod seines Sohnes noch lange nicht hinweg ist und Fahrer einer bestimmten Automarke einfach nicht ausstehen kann, weshalb er Sid und Nancy davonkommen lässt, als sie auch an der Tankstelle das Bezahlen unterlassen. Das alles basiert auf einer alten Zeitungsmeldung, die Bittermann jahrzehntelang aufbewahrt hat, ist also so (oder so ähnlich) tatsächlich passiert.

Das Buch durchzieht ein steter Hauch von Anarchie. Bittermann hat ein großes Herz für die Ausgestoßenen, Nicht-Angepassten, die Outlaws. Man wird ganz wehmütig und möchte beim Lesen die ganze Zeit Udo Lindenberg singen, das Lied von den zwei Geflippten, die durch nichts zu bremsen sind, aber das wäre als musikalische Analogie vielleicht zu platt. Und deshalb ist ein zentrales Stück in diesem Buch „Searching for a heart“ von Warren Zevon: „Certain individuals aren’t sticking with the plan“. Das ist zwar von 1991, aber das Buch endet ja auch nicht in dem Jahr, in dem es angefangen hat.

Und da Klaus Bittermann, obschon seit Äonen in Berlin ansässig, Anhänger des BVB ist, darf man auch noch vermuten, dass der Held seines Romans nicht zufällig den Namen von Elwin Schlebrowski trägt, einem Mitglied der Dortmunder Meistermannschaft von 1956.

Ein Buch, das einen nachdenken lässt, ob man nicht mal wieder ein teures Auto anzünden sollte. Muss ja nicht das eigene sein.

Kitty geht die Extrameile

Die Schauspielerin Kaley Couoco, bekannt als Penny in „The Big Bang Theory“ hatte zum amerikanischen Unabhängigkeitstag ein Foto gepostet, das ihre Hunde zeigte wie sie auf der amerikanischen Flagge sitzen. Dafür gab es mächtig Ärger. Ich finde es eher bedenklich, dass die Viecher auch noch Flaggen als Halstücher trugen. Wie viele Flaggen hat man denn als amerikanische Sitcom-Darstellerin so zu Hause rumfliegen? Und wie würde so eine Sache in Deutschland aufgenommen?

Aber unser Thema ist das Spiel gestern. Eigentlich fing es ganz gut an. Zum Beispiel mit Francois Hollande, immerhin erster Diener des Staates Frankreich, der während der Marseillaise offensichtlich in seinem Hirn fieberhaft nach dem Text fahndete. Na ja, „Marschieren wir, marschieren wir, unreines Blut tränke unsere Ackerfurchen!“ wirkt auch etwas unzeitgemäß.

Nach ein paar Minuten musste Manuel Neuer das erste Mal abtauchen. Kommentar Scotty: „In dem Moment, wo der Neuer die Hand am Ball hat, hätte Joe Hart noch gestanden!“ Nein, Scotty ist kein Bewunderer der englischen Torwartschule.

Allgemein sah das aber sehr schön aus, was die Weißschwarzen da auf den Rasen brachten. Die Diagonalbälle des Jerome „Freundlicher Nachbar“ Boateng sind schon eine Augenweide. Na gut, einen Fehler leistete er sich, als er im Mittelfeld ein Kopfballduell gegen Giroud verlor, der dann alleine aufs Tor zu marschierte, marschierte, um dann von Höwedes mit einer Grätsche für die Ewigkeit gestoppt zu werden. Giroud war so überrascht, das er ganz vergaß umzufallen.

Noch vor der Pause das einsnull für Frankreich. Per Elfer nach einer Volleyballeinlage von Schweinsteiger. Das machte aber bei uns noch niemanden so richtig nervös.

Nach dem nullzwo machte sich Bärbel ans Hortensienschneiden. Kitty aber ging die Extrameile: Sie hatte ihren Hochdruckreiniger mitgebracht und strahlte den Waschbeton vor dem Kellereingang ab. Auch wenn es sich so anhört: Dies ist kein Witz!

Eine Szene im Spiel war dann symptomatisch: Thomas Müller, diesmal wieder Sturmspitze, wich auf den Flügel aus, um nach innen zu flanken. In seinem Gesicht stand geschrieben: Ich flanke jetzt auf mich selber, weil: Normalerweise stehe ich da in der Mitte!

Es gab aber auch schönes gestern. Der VfL Bochum hat sein Testspiel gegen den LFC Laer 15:0 gewonnen. Und Waschbeton und Hortensie sehen wieder super aus. Aber mein Wackeldackel trauert.

Von Libellen und Enten

Gestern wurde im Spiel Portugal gegen Wales ein Vorfahr von mir ausgewechselt. Neugierig nach diesem Einstieg? Das war der Plan. Eigentlich wollte ich nur meiner Verwunderung darüber Ausdruck verleihen, dass Fußballer mittlerweile eigentlich meine Söhne sein könnten, im Laufe eines Spiels aber bisweilen so alt wirken, als habe man sie gerade als Ötzi Zwo aus dem ewigen Eis gezogen. Der walisische Sportkamerad James Collins wird im August 33 Jahre alt, würde aber in jedem griechischen Restaurant sofort das Senioren-Bifteki bekommen.

„Wenn das dein Sohn wäre, hättest du aber früh angefangen“, sagte gestern ein Freund auf meine Bemerkung zu Collins’ überreifer Erscheinung. Na ja, sage ich da gerne, ich komme von der Alleestraße in Bochum, da hatten einige mit Zwölf schon schulpflichtige Kinder.

Portugal tastet sich in diesem Turnier langsam in Richtung Fußball vor, man hat den Eindruck, nach dem Finale könnte es da wieder ganz gut laufen. Prinzipiell hat das Spiel nichts gezeigt, was man nicht auch beim VfL zu sehen bekäme. Allerdings ist Christiano Ronaldos Kopfballtechnik schon leicht über dem Durchschnitt. Beim 1:0 stand er gefühlte zwei Minuten in der Luft wie eine Libelle über dem Nichtschwimmerbecken im Freibad. Es mag ihn im wahrsten Sinne beflügelt haben, dass sein ewiger Konkurrent um den Titel „Krass bester Kicker des Planeten“, Lionel Messi, gestern wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde und nur aufgrund einer Laune des spanischen Rechtssystems nicht in den Knast muss.

A propos Knast: Haben Sie sich auch schon gefragt, in welchem Zellenblock sich Ricardo Quaresma seine Tränen auf dem rechten Jochbein hat stechen lassen?

Und was wird heute Abend? Es ist ja in Mode gekommen, solche Sachen von Tieren entscheiden zu lassen. Im Tierpark hat ein Pinguin aus dem Napf gefressen, vor dem eine Tricolore lag. Das Tier meint also Frankreich gewinnt. Ich habe gestern eine halbe Stunde gewartet, bis eine Ente am Stadtpark sich entschieden hatte, auf welches Auto sie sich setzen soll. Das rechte war ein Opel, das linke ein Peugeot. Die Ente flog auf das linke. Also hatte ich mich vertan. Der Peugeot war ein Opel.

Uh!

Mein Name ist Frankur Wernersson. Jedenfalls laut der Webseite, auf der man seinen Namen islandisieren kann. Geholfen hat es nichts. Frankreich hat den isländischen Fisch 5:2 entschuppt. Island ist raus mit einem stolzen „Uh!“, aber raus ist raus. Ja, gut, die Gallier waren klar besser, aber es gibt nichts Schlimmeres als den Satz: Der Bessere soll gewinnen. Der kommt immer von Leuten, die sich nicht für Fußball, ja überhaupt für Sport interessieren. Es soll gewinnen, wer uns von einer besseren Welt träumen lässt. Also der VfL Bochum. Oder eben ein Land, das in der Lage ist, zehn Prozent seiner Bevölkerung in ein anderes Land zu entsenden, um einem Fußballspiel beizuwohnen. Funktioniert aber auch nur bis zu einer gewissen Anzahl. Acht Millionen Deutsche in Paris? Nee, lass mal.

Eigentlich hatte man doch gedacht, es könne nichts schief gehen. Hatte Aron Gunnarsson nicht den Weg zum Sieg auf den Oberkörper tätowiert wie Wentworth Miller in „Prison Break“ den genialen Ausbruchsplan? Sind französische Spione nachts ins isländische Mannschaftshotel eingedrungen und haben den schlafenden Gunnarsson fotografiert, um dann die Schriftzeichen auf seinem Körper zu entschlüsseln?

Um mal eine andere Perspektive in diesen Blog zu bringen, frage ich meine Frau, ob sie gestern irgend etwas witzig fand? Ihre prompte Antwort: „Mein Spanischkurs!“ Aha, denke ich, deshalb rennt sie also in den letzten Tagen ständig mit Kopfhörern durch die Gegend und ruft: „Tu vas a pagar?“ - „Tengo solo tres Euros.“ Lustig sei, sagt sie, dass es ständig um Geld gehe. Und vor allem darum, dass man nur wenig davon besitzt. Weil der Kurs bisher nur die Zahlen bis zehn behandelt hat. „Da treffen sich zwei und die eine sagt: Hola, wie viel Geld hast du?- Ich habe nur drei Euro! - Hast du Durst? - Ja, ich mag Bier.“ Lebensnahe Dialoge erhöhen offenbar den Lerneffekt.

Bringen aber einen Fußballblog nicht weiter. Dass sich jemand während eines großen Turniers mit etwas anderem beschäftigen kann, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.