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Frank Goosen //

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Wenne schlau biss

Neulich alte Platten durchgesehen, dabei fiel mir eine LP von Reinhard Mey in die Hände, und da war „Bei Ilse und Willi auf’m Land“ drauf. Ich musste an eine Freundin denken, die zur Zeit wieder in dem Eifeldorf lebt, in dem sie aufgewachsen ist. Da saß sie neulich hinterm Haus am Laptop, als ein Nachbar sich daneben stellte und ihr ein Gespräch aufdrängte. Höflich aber bestimmt wies sie den Besucher darauf hin, dass sie leider zu arbeiten habe, aber der zog nur seinen Rotz hoch und sagte: „Ich dachte immer, wenn man arbeitet, dann staubt’s!“
Kaffee auf’m Herd und Braten in der Röhre, heißt es bei Reinhard Mey, aber das ist eben nur die halbe Wahrheit.
Erinnert mich an einen Satz, den ich mal in der Schrebergartenanlage meiner Eltern zu hören bekam, also irgendwie auch auf’m Land, Mitte der Neunziger. Seit ein paar Jahren war ich auf den Kleinkunstbühnen des Landes unterwegs und kam ganz gut zurecht. Dann stand ich beim Geburtstag meines Vaters mit einer Flasche Bier am Grill und wartete auf mein Nackenkotelett, als Nachbar Theo sich in seinem obligatorischen grauen Hausmeisterkittel neben mir aufbaute.
„Und?“, fragte er. „Wie isset?“
„Gut, danke.“
„Wie läuft auffe Arbeit?“
„Macht Spaß.“
Theo nickte, aber es wirkte nicht zustimmend. „Also wennet Spass macht, kannet keine Arbeit sein.“
Damit war ein moralisches Urteil über mich gesprochen, und zwar kein gutes. Ich verdiente Geld mit etwas, dass mir Freude bereitete. Ich stand sozial auf einer Stufe mit Drogendealern und Zuhältern. Es war nur eine Steigerung möglich. Und die lieferte ich dann auch.
„Watt willze denn später mal machen?“
Ich war einunddreißig. Für mich war schon „später“.
„Na ja, ich möchte das, was ich jetzt tue, einfach weitermachen.“
Theo schüttelte den Kopf und sagte dann zu dem dicken Mann am Grill: „Günther, der Kurze geht nich für lau, der muss bezahlen!“
Dann lachten beide und behaupteten, das sei nur ein Spaß gewesen, aber es fühlte sich nicht so an.
Die Einzige, die mich immer verstanden hat, war meine Omma.
Ich war noch nicht ganz volljährig, als ich mal zu ihr sagte: „So richtig feste arbeiten, also so wie der Oppa und der Pappa, das will ich eigentlich gar nicht.“
Darauf Omma: „Wenne schlau biss.“
Reinhard Mey wollte wie Orpheus singen, ich mein Geld verdienen ohne mich groß zu bewegen. Punkt für mich, würde ich sagen.

Strohblumen für den Störungssucher

Manche nennen es „Zappen“, was immer einen abwertenden Unterton hat. Ich nenne es „Überprüfen, ob noch alle Sender da sind“, ein technischer Vorgang, dem eine zwingende Notwendigkeit innewohnt. Überprüfen ist immer gut. Vor allem, ob bestimmte Dinge noch an ihrem Platz oder überhaupt vorhanden sind. Finger zum Beispiel, aber das ist ein anderes Thema.

Gestern festgestellt, dass zdf.kultur noch da ist. Heute lese ich, dass es Ende September abgeschaltet werden soll. Bleibt die Frage, wo ich dann Ilja Richters „disco“ gucken soll. Auf zdf.kultur lief gestern eine Folge von 1975, mit Smokie, Udo Jürgens und einem gewissen Martin Mann, der eine Coverversion von Glen Campbells „Sunflower“ zum Besten gab, in kariertem Hemd, Vokuhila und Pornobalken unter der Nase.

Glen Campbell, da geht ja auch gleich wieder die Querverweis-Lampe an. Ich habe ja manchmal eine Schwäche für diesen gepflegten Country-Easy-Listening-Pop der Sechziger und Siebziger, bei dem wir es mit einer Menge Kitsch, aber auch exzellentem Songwriting zu tun haben. Diese Welt wäre schlechter ohne eine Nummer wie „Wichita Lineman“, immerhin Platz 195 im Rolling-Stone-Ranking der 500 besten Songs aller Zeiten. Nummer 1 ist hier „Wie ne Stein“ von BAP, allerdings in der Version von Bob Dylan.

In „Wichita Lineman“ geht es übrigens um einen Telefontechniker, der die in den USA überirdisch verlegten Telefonleitungen überprüft und nach Überlastungen, nach „Overloads“, sucht. Daraus kann nur ein Amerikaner einen Song machen, in diesem Fall der Songschreiber Jimmy Webb, dem wir auch Perlen wie „By the time I get to Phoenix“ oder das wahnsinnige „Mac Arthur Park“, interpretiert vom Schauspieler Richard Harris („Der Mann, den sie Pferd nannten“) verdanken. Richtig lustig wird es, wenn man sich einen Text wie „Lineman“ im Internet übersetzen lässt. „Ich bin ein Störungssucher für den Landkreis“, heißt es da auf einer Seite. Jetzt warte ich darauf, dass, was weiß ich, Marc Forster einen Song über Kanalarbeiter macht.

Glen Campbell letzte Aufnahme ist „I'm not gonna miss you“ von 2014 über seine 2011 diagnostizierte Alzheimer-Erkrankung. Wer diese Nummer nicht ergreifend findet, mit dem möchte ich nichts zu tun haben.

Udo Jürgens war dann auch noch in der disco-Folge: „Mit 66 Jahren“, was meine Omma damals ganz toll fand, obwohl sie da erst Anfang Fünfzig war. Zwischendurch immer wieder diese fürchterlichen musikalischen Sketche, wo beispielsweise Berti Vogts mal einen Auftritt hatte, dessen Cameo im „Tatort“ („Es riecht nach Gas!“) legendär wurde. Die alten Schimanski-Tatorte müsste man auch mal wieder gucken, oder? Nee, wahrscheinlich nicht. Vielleicht den „Schatz im Silbersee“, da spielt Götz George ja auch mit. Glücklicherweise gab es gestern irgendwann Abendessen, sonst wäre das mit Querverweisen immer weiter gegangen, schlimm.

Zappen, das ist, was in meinem Kopf passiert, ohne dass ich irgendwo drauf drücken muss.

Angeber-Äpfel für Olympia Dukakis

Derzeit bin ich rekonvaleszent, und nachdem ich einige Tage völlig ausgeknockt war, läuft die Maschine langsam wieder an, was aber nicht nur gut ist, denn die beinahe vollständige Gedankenleere, zu der man fähig ist, wenn man einfach nur darauf wartet, dass etwas zusammenwächst, verheilt, abklingt, hat etwas sehr Schönes. Die wenigen Gedanken, die man hat, brauchen zum Beispiel keine Rechtschreibung, so dass man sich auch nicht fragen kann, ob man rekonvaleszent adjektivisch oder als Substantiv verwenden sollte. Nach einigem Überlegen komme ich zu dem Schluss, dass es klein geschrieben eleganter aussieht und sich jeder Leser, jede Leserin aussuchen kann, ob er oder sie das auch findet oder für einen Tippfehler hält, was manchem ja wieder das gute Gefühl gibt, etwas besser zu wissen, und das bringt einen doch immer ganz nett nach vorne.

Halb zehn in Deutschland, ich sitze im T-Shirt auf der Terrasse, es ist angenehm kühl, aber da ist keine Wolke am Himmel, und an dem Baum, den wir vor ziemlich genau sechzehn Jahren zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, hängen die ersten, noch nicht ausgewachsenen Äpfel. Es scheinen Angeber-Äpfel zu werden in diesem Jahr, jetzt schon rot-grün, eine überholte Koalitionsaussage, wie gemalt, unrealistisch, dahinter der knallblaue Himmel.

Auf dem Gartenhaus des Nachbarn sitzt eine Taube und macht Alarm, die Taubenbrust pumpt hektisch. Den Ton, der dabei herauskommt, finden manche ja idyllisch, ich finde, das Tier sieht aus, als müsste es es gleich kotzen. Vor und zurück, vor und zurück zuckt der Kopf und gleich ergießt es sich, aber nein, es hört einfach auf, und von irgendwoher antwortet eine andere Taube, also balzen die wahrscheinlich, und ich denke: schlimm, wenn man nicht mehr unterscheiden kann, ob jemand göbeln oder vögeln will, aber ich finde, da muss die Taube dran arbeiten, nicht ich. Man soll ja nicht immer alles zu seinem eigenen Ding machen, da nutzt man sich nervlich zu sehr ab. Früher kamen Tauben bei uns im Ruhrgebiet gerne mal in die Suppe, bäh, früher war eben doch nicht alles besser.

Jetzt komme ich doch minutenlang nicht darauf, wie die Blumen heißen, die hier draußen auf dem Tisch in einer hohen Vase stehen und über die ich in den letzten Wochen öfter geschrieben habe: Rhododendron-Blüten? Chrysanthemen? Es dauert, aber dann komme ich doch noch auf Hortensien. Schlimm. Dabei bin ich gar nicht am Hirn operiert worden.

Der Baum mit den Angeber-Äpfeln wächst übrigens fast nur nach oben, kaum in die Breite, weil auf der einen Seite ein Busch wächst, auf der andere Seite eine Mauer. Beim Zweikampfverhalten hat so ein Apfelbaum noch Luft nach oben, kein Vorbild der Junge. Aber er ist ja auch erst sechzehn.

Da die Straße vorm Haus derzeit gesperrt ist, ist es angenehm ruhig. Man müsste jetzt in einem Holzrollstuhl sitzen und mit einer Decke über den Knien daran denken, einen Zauberberg zu schreiben, aber dieses Feeling macht dann wieder diese doofe Taube zunichte, die mit ihrem notgeilen Gegurre jede gepflegte Sanatoriums-Stimmung im Keim erstickt.

Das muss dann auch mal reichen an Frischluft und Natur, ich gehe wieder rein und sehe mir an, was heute Nacht bei Olympia los war und meine damit nicht die amerikanische Schauspielerin Olympia Dukakis, deren Bruder Michael 1988 als Präsidentschaftskandidat der Demokraten gegen George Bush Senior verlor. Wie gesagt, die Maschine läuft wieder an.

Der große Gig am Himmel

Ich liege am Strand unter einem blau-orange gemusterten Sonnenschirm, und scrolle durch die 14 231 Songs auf meinem Telefon. Ich suche nach etwas, weiß aber nicht genau, wonach. Will mich mal wieder „in Vergangenheiten abseilen“, die ich „sehr lange nicht besucht“ habe (Zitat Roland Förster). Ich kann mich nicht entscheiden und gehe erstmal zu der kleinen Strandbar fünfzig Meter hinter mir, um mir einen Café con leche zu besorgen, denn wenn sie eines können, die Spanier (ich meine außer Fußball spielen, schönes Wetter, Schinken, Käse, Nachtischpudding mit Karamelkruste, in einem affenartigen Tempo Akustikgitarre spielen und dazu mit dem Fuß aufstampfen), wenn sie also eines können, dann Kaffee.

Hinterm Tresen steht ein junger Beau, für den der Begriff „Latin Beach Lover“ erfunden werden müsste. Er nennt mich „Sir“, wahrscheinlich, weil ich so britisch aussehe. Im Restaurant kriege ich auch immer die englische Speisekarte. Früher war man ja immer froh, wenn man im Urlaub nicht für einen Deutschen gehalten wurde. Aber sehe ich so aus, als wäre ich im Achtelfinale gegen Island ausgeschieden?

Natürlich läuft hier Musik, weil das hier Pflicht ist für Strandbars. Während aber an allen anderen irgendwas Spanisches läuft, unterlegt mit Discobeats, kriege ich hier „Comfortably Numb“ von Pink Floyd zu hören. Ungewöhnlich.

Als der Junge mir den Kaffee hinstellt, sage ich völlig überflüssigerweise: „I was fourteen when this was released!“ Und der Junge antwortet: „I am twenty-four and I like it!“ Da kann ich nur noch nicken und Trinkgeld geben. Ich habe es auch gemocht, vierundzwanzig zu sein.

Zurück unterm Schirm suche ich im Telefon nach Pink Floyd. Ich könnte jetzt David Gilmour anrufen. Dafür müsste ich aber seine Nummer haben. „The Wall“, auf der „Comfortably Numb“ zu hören ist, ist mir jetzt aber zu kompliziert und depressiv. Also lande ich bei „The Dark Side of the Moon“. Das ist immer noch hinreichend absurd: 28 Grad, ein frischer Wind, hohe, lebensbejahende Wellen, die sich an einem feinkörnigen Sandstrand brechen - aber ich bin auf der dunklen Seite des Mondes: The great gig in the sky, Freunde!