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Frank Goosen //

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Tagsüber im Osten meist sonnig

Aus beruflichen Gründen habe ich mir neulich die Tagesthemen-Ausgabe vom 9.11.1989 angeguckt. Bisher hatte ich immer nur die ersten Minuten in Erinnerung, in denen Hajo Friedrichs im karierten Jacket und mit rollendem r sagt: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Jetzt habe ich mir mal die ganze Sendung angesehen. War in jeder Hinsicht ein epochaler Abend. So hat der FC Bayern im Achtelfinale des DFB-Pokals 0:3 in Stuttgart verloren. Außerhalb von Stuttgart weiß das keiner mehr. Und Deng Xiao Ping hat an diesem Tag sein letztes Parteiamt in Peking aufgegeben.

Das beste war allerdings die Wettervorhersage für den 10.11.: „Tagsüber im Osten meist sonnig, im Tagesverlauf von Westen her Bewölkungszunahme.“ Also metaphorisch genau das, was dem Osten in den Jahren danach passiert ist. Würde ich das in einem Buch als Allegorie oder Metapher verwenden, würde meine Lektorin mir mal wieder auf die Finger hauen: zu gewollt, zu bemüht. Kann sie demnächst aber machen, ich habe diese Vorhersage nämlich in meinem nächsten Roman verwendet, wo der Mauerfall mal wieder vorkommen soll. Aber es stimmt schon: Die Wirklichkeit hat keine Ahnung, wie man eine Geschichte ordentlich erzählt.

Das erinnert an eine schöne Passage in Richard Powers' Roman „Der Klang der Zeit“, wo ein Physikprofessor seinem Sohn das Wesen der Zeit so erklärt: „Weißt du, was Zeit ist? Zeit heißt einfach nur, dass eine bescheuerte Sache nach der anderen passiert.“ Alles völlig unlektoriert, Spannungsbögen und Zusammenhänge Fehlanzeige. Da sollte man mal was gegen machen.

Check, one-two

Es hat zwar noch nie jemand gefragt, wie es vor einer Lesung beim Soundcheck aussieht, ich zeige es aber trotzdem mal. Und zwar im Waschhaus Potsdam. Hat so einen Hauch von Rockpalast 1981, finde ich. Undertones, Mink de Ville, Black Uhuru, Roger Chapman. 35 Jahre und eine Woche her. Ceck, one-two.

Hochladen in Bützow

Gestern noch mit Bärbel Schäfer in Bochum ein Interview zum Thema Langeweile und Nichtstun geführt, heute beides stundenlang erfahren bzw. praktiziert, auf der Fahrt nach Rostock nämlich, im IC der DB, vor allem, weil es da kein Wlan gibt und die meiste Zeit auch kein Mobilfunknetz, weshalb einen keiner anrufen und man selbst auch nicht rausrufen kann. Zum Zeitvertreib Selfie gemacht und erst nach dem auslösen festgestellt, dass ich da gar nicht drauf bin. Ist aber auch irgendwie ein Zeichen, deshalb kein neues gemacht, stattdessen den Tisch fotografiert, entweder mit einer ganz alten Kamera oder mit dem Handy und dann einen Filter drübergesemmelt, man kann ja niemandem mehr trauen, ist ja alles nicht mehr echt heute. Fürs Hochladen braucht man dann aber wieder Netz, das müsste es in Bützow geben, was mich an Buckow erinnert, den Gegenspieler von Leutnant Rotteck in der ZDF-Serie „Der Kurier der Kaiserin“ mit Klaus-Jürgen Wussow vor seiner Habil zu Prof. Binkamnn, und natürlich an Charly Hübner im „Polizeiruf 110“, der Ausgabe aus - na? Richtig: Rostock. Was ist das wieder für eine saubere Kreisschließerei! Und was das missglückte Selfie betrifft: Vielleicht bin ich ja doch drauf, auch wenn das jetzt keiner versteht.

Eine Pause für die Bipolaren

Neulich war mal wieder „Länderspielpause“, und es spricht ja schon Bände, dass damit nicht eine Pause zwischen zwei Länderspielen gemeint ist, sondern die Unterbrechung des Ligabetriebs zwecks Abhaltung von Ländervergleichen zur Ermittlung des Teilnehmerfeldes eines internationalen Turniers. Manche Länderspiele finden aber auch nur so aus Daffke statt, die heißen dann „Freundschaftsspiele“, ein Wort, über das jeder Fußballfan nur lachen kann, denn eigentlich geht es doch in jedem Spiel um alles.

Wie gesagt, in dem Wort „Länderspielpause“ steckt schon drin, dass es beim gemeinen Länderspiel (außerhalb von WM oder EM) nicht um den eigentlichen Fußball geht, sondern dass der dann pausiert. Das ist aber auch ganz erholsam. Du gehst ganz anders in so ein Wochenende, wenn du weißt, dein Verein kann dich in den nächsten Tagen nicht enttäuschen. So was dient letztlich der Volksgesundheit. Wir sind doch alle ein bisschen krank, wenn es um unseren Verein geht.

Als meiner, der VfL Bochum, kürzlich in Aue schon in der zweiten Minute das 1:0 erzielte, brüllte der Kollege, mit dem ich das Spiel in meinem Fußballkeller verfolgte: „Ich habe doch gesagt: Die steigen auf!“, nur um beim Ausgleich zwei Minuten später wutentbrannt zu heulen: „Absteiger!“ Der echte Fußballfan leidet ganz klar an einer bipolaren Störung und kann die Stimmungen im Minutentakt wechseln. Spiele wie das 5:4 der Blauweißen vor ein paar Wochen gegen Nürnberg werden von den meisten als fahrlässige Anschläge auf ihre persönliche Gesundheit gesehen. Dass der VfL am Ende noch gewann, verschafft denen, die das immer wieder mitmachen, keine echte Erleichterung. „Die wollen mich fertig machen!“, stöhnte mein Kumpel Scotty noch am Tag nach dem Match. „Und weißt du was? Sie schaffen es!“

Tatsächlich glauben viele, dass alledem ein teuflischer Plan innewohnt, als sagten sich die Vereinsverantwortlichen: „Hey, heute ist die Selbsthilfegruppe Anonymer Bypass-Patienten im Stadion, lass uns bis zur Halbzeit auf ein Drei zu Drei spielen!“ Das ist natürlich Unsinn. Meistens geht es gar nicht um Sie oder Ihre Freunde. Meistens geht es um mich. Beim Nürnbergspiel WUSSTEN die Spieler, dass ich nicht im Stadion sein, sondern krank vor der Glotze liegen würde. Im Minutentakt wurde hin und her geworfen zwischen Verzweiflung und Euphorie - und danach ein Fall für die Klapse.

Und wie der Urlaub den Arbeitnehmer wieder fit machen soll für den Produktionsprozess, so soll die Länderspielpause den Fußballfan in die Lage versetzen, demnächst im Liga-Wahnsinn wieder seine „Leistung abzurufen“. Eigentlich unverständlich, dass wir dafür bezahlen, anstatt dafür Geld zu BEKOMMEN. Letztlich sind wir Medikamententester, die das mit den Risiken und Nebenwirkungen immer wieder überhören.

Bis Weihnachten ist nur noch eine Länderspielpause. In der Klapse heizen sie vorsichtshalber schon mal den leer stehenden Ostflügel vor.