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Frank Goosen //

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Interview mit mir selber I

Herr Goosen, haben Sie ein Problem damit, demnächst fünfzig zu werden? Ich hätte ein Problem damit, NICHT fünfzig zu werden. Das hieße nämlich, in ungefähr sechs Wochen ist Schluss.

Wie ist die Lesung in Karlsruhe gestern gelaufen? Die Karlsruher waren beseelt von dem Wunsch, die Stuttgarter auszustechen und haben noch fünf Minuten länger Fragen gestellt. Außerdem hat mir ein freundlicher VfL-Fan mal wieder eine Flasche Bochumer Bier mitgebracht. Dafür waren in Stuttgart mehr Zuschauer. Unentschieden, würde ich sagen.

Was machen Sie genau in diesem Moment? Ich sitze im ICE auf dem Weg nach München und versuche herauszukriegen, was die blonde Frau in Lederhose und-Jacke, die auf der anderen Seite des Ganges telefoniert, beruflich macht. Es geht um irgendeine Abendveranstaltung und ob sie danach noch den Flieger erwischt. Sie entscheidet sich dagegen, weil der Flughafen in München so weit draußen liegt. Scheint alles auf den Nachtzug nach Köln hinauszulaufen.

Ist das nicht indiskret, da mitzuhören? Sie könnte ja diskreter telefonieren.

Und die Landschaft draußen? Die allseits überschätzte Schwäbische Alb. Gewerbegebiete, die sich an Hügel quetschen sind auch nicht schöner als die bei uns.

Sind Sie bei der Frau auf der anderen Seite des Ganges schon weitergekommen? Sie telefoniert jetzt nicht mehr. Auf dem Tisch vor ihr steht eine Packung Soja-Milch. Auf der Packung steht „Gut für den Planeten“. Ich hatte immer schon den Verdacht, dass das große Problem zum Beispiel im Nahen Osten der eklatante Mangel an Tetra-Paks ist. Vielleicht ist aber auch ein ganz anderer Planet gemeint.

Vielleicht machen Sie einfach mal den Computer zu und lesen ein Buch? Mache ich auch, aber ich lese gerade den neuen Glavinic. Da wird so viel gekokst, dass ich selber schon ganz aufgedreht bin. So kontaktbekokst kann man sich ja gar nicht richtig konzentrieren, das kenne ich noch aus den Neunzigern.

Herr Goosen, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die sind alle so nett zu mir!

In Stuttgart haben die Menschen viele Fragen. Nach einer Lesung muss ich meistens die ersten Fragen selbst stellen, damit ein Gespräch mit dem Publikum in Gang kommt, aber hier ist man wissbegierig und fragefreudig. Oder eher ratlos? Muss der Weise aus dem Ruhrgebiet Erklärungen für die komplexe Welt dort draußen liefern? Das wäre dumm, denn die hat er natürlich nicht. Hat ja niemand mehr. Man fühlt sich ja jeden Tag mehrmals wie der letzte Idiot. So wie Förster. Aber wenn alle sich so vorkommen, ist die Welt wieder voller Idioten. Man wäre nicht allein, aber eben auch nicht einzigartig.

Eine Frage lautet, wieso ich seit Mitte März nichts in meinen Blog geschrieben habe. Zum Beispiel über die Leipziger Buchmesse, da sei ich doch bestimmt gewesen, und da sei es doch bestimmt hoch her gegangen. Stimmt, gebe ich zurück, aber eben nicht nur da, sondern schon an den beiden Abenden davor, nämlich in Braunschweig, wo mich die beiden Buchhändler in ein Brauhhaus schleppten, wo naturtrübes Bier im Keller unterm Hintern der Gäste gebraut wird, und naturtrübes, frisches Bier führt bei mir meistens zu einem gewissen Kontrollverlust.

In Berlin waren dann Frank und Sandra bei der Lesung. Ich nenne die beiden Science und Fiction, weil Sandra Fotos macht und Bühnenbilder und auch sonst alles andere kann, während Frank schreibt und ebenfalls alles andere kann, außer eben Fotos und Bühnenbild. Außerdem war da noch der Kollege Kevin McAleer, der das schöne Buch „Surfer Boy“ geschrieben hat. Zusammen mussten wir mal wieder feststellen, dass es in einer Provinzstadt wie Berlin nicht leicht ist, nach 22:00 noch was zu trinken zu bekommen. In die eine Kneipe kamen wir um 23:12, es waren noch etwa fünfzehn Gäste drin, wir waren bereit, guten Umsatz zu generieren, bekamen aber die Meldung: Wir schließen! Von einer Frau, die gerade dabei war, fünf halbe Liter Bier zu zapfen. Astrein, so eine Weltstadt!

Dummerweise haben wir woanders dann doch noch was zu trinken bekommen. Kevin McAleer wollte uns allen auf dem Kneipentisch das Surfen beibringen, und Science war sehr traurig, dass sie keine Kamera dabei hatte, dafür ging Fiction offenbar eine Theaterszene durch den Kopf. Ich dachte: das musst du unbedingt in deinen Blog schreiben!

Als ich zur Messe in Leipzig ankam, war ich jedenfalls müde. Am Bahnsteig stand Ronja von Rönne und wartete auf jemanden. Aber nicht auf mich. Vielleicht war das auch gar nicht Ronja von Rönne. Die jungen Leute sind sich ja ihrer Existenz heute selbst nicht mehr sicher. Außerdem war ich wirklich sehr müde. Und ich sage mal: Die Luft in so einer Messehalle macht einen nicht gerade wach. Andererseits muss ich auf der Buchmesse immer an einen der Lieblingssätze meiner Omma denken: Die sind alle so nett zu mir! Man könnte fast meinen, die meinen gar nicht mich. Was bei Karen Duve auch der Fall ist, nennt sie mich doch zweimal Thomas.

Abends mache ich mal was Verwegenes: Ich sehe und höre mir andere Autorinnen und Autoren an. Moritzbastei, Lange Leipziger Lesenacht. Ein Eintritt, vier Bühnen. Ich bin vor allem neugierig auf Stephan Reich, den ich am Vortag in der Redaktion von 11Freunde kennengelernt habe. Er liest aus seinem Roman „Wenn’s brennt“. Starkes Zeug. (Echt jetzt: Mittlerweile habe ich das Buch gelesen und erteile hiermit einen Kaufbefehl! Ein taffer, melancholischer Roman über das Gefühl, mit sechzehn in einer kleinen Stadt in einem kleinen Leben gefangen zu sein. Auf den Punkt formulierter Jugendjargon, weit weg vom Wohlfühl-Heititei sentimentaler Adoleszenz-Schmonzetten. Wer Kraftausdrücke nicht erträgt, sollte die Finger davon lassen, aber wer erfahren hat, dass es im Leben Phasen gibt, für die noch der schlimmste Kraftausdruck zu schwach ist, der muss hier zugreifen.)

Als ich gehe wird es richtig voll. Irgendwo hier in den Höhlen liest heute noch Ronja von Rönne.

Danach zum Stammtisch der KiWi-Autoren in einem Restaurant in der Innenstadt. Neben mir sitzt eine Dame, die nebenberuflich Pressearbeit für diverse Verlage betreibt, hauptberuflich aber ihren Sohn in Bayern zu Eishockeyspielen fährt. Wer glaubt, dass man als Fußball-Mutter oder -Vater ne Menge Fahrerei auf sich nimmt, sollte sich mal mit dieser Dame unterhalten. Anderthalb Stunden Anreise bei Anstoß um neun Uhr morgens am Samstag! Darüber redet in Deutschland mal wieder keiner.

Zu vorgerückter Stunde rauscht Katja Lange-Müller rinne. Setzt sich mir gegenüber. Eine Mitarbeiterin unseres Verlages klagt über Schmerzen im Knie, und Katja Müller-Lange weiß, dass Probleme mit dem Knorpel nicht in erster Linie Probleme mit dem Knorpel sind, sondern Probleme mit der Haut auf dem Knorpel. Sie erklärt das so luzide, dass sogar ich das verstehe, und ich hatte in der mündlichen Bio-Prüfung im Abi eine Fünf, obwohl ich das Thema vorher kannte.

Später ziehen wir noch weiter in eine Hotelbar, von der Katja Lange-Müller weiß, dass die garantiert noch Cocktails ausschenken. Es ist das Hotel, das während der Messe vom Fischer-Verlag besetzt ist. Da sitzt dann noch die zauberhafte Marion Brasch, zu deren Veranstaltung ich eigentlich auch hatte gehen wollen, aber die war etwas weiter weg und ich zu faul, weil zu müde, und eigentlich wollte ich ja auch so um elf im Bett gewesen sein.

Als ich mit der üblichen, diesmal auch noch Pina-Colada-befeuerten Begeisterung über meine prägenden Theater-Erfahrungen in Bochum in den Achtzigern rede, als wir Jungs die Mädchen, hinter denen wir her waren, nicht ins Kino, sondern ins Theater einluden (fünf Mal die „Hermannsschlacht“, mit fünf unterschiedlichen Frauen; Fazit: Kleist ist als Aphrodisiakum nur bedingt tauglich, intellektuell und ästhetisch aber natürlich eine Wucht), merkt Katja Lange-Müller auf und fragt unseren gemeinsamen Verleger: „Wer ist denn eijentlich der Kollege?“ Für Karen Duve war ich wenigstens noch ein Thomas. Aber das klingt jetzt böser als beabsichtigt. Frau Lange-Müller könnte ich persönlich stundenlang zuhören, diesmal immerhin bis drei Uhr morgens.

Viereinhalb Stunden Schlaf müssen dann einfach mal reichen. Dann wieder Messe in den Hallen der Müdigkeit. Schöner Termin in der Autoren-Arena der Leipziger Volkszeitung. Gesprächspartner ist der Redakteur Mark Daniel aus Witten, der ein Buch geschrieben hat „Scheiß Ossis“. Der Mann geht da hin, wo Andy Möller nie gewesen ist, nämlich da, wo es wehtut.

Abends dann eine knallvolle Lesung bei „Horns Erben“, einer ehemaligen Schnaps-Manufaktur. Im Backstage treffe ich noch auf Jaroslav Rudis und Martin Becker, und das ist dann eben das Schöne an so einer Messe, speziell der Leipziger: Man trifft Leute, die man toll findet. Besorgen Sie sich bitte nach Stephan Reich die Bücher von Jaroslav Rudis und die „Gebrauchsanweisung für Prag“ von Martin Becker. Letzterer hat in Bochum studiert und spielt sich in mein Herz mit der Bemerkung, er sei seit Neuestem Mitglied beim VfL.

Der Abend wird dann wieder sehr lang.

Am nächsten Morgen großer Frühstückstisch mit u.a. Jakob Hein (auch bitte alle Bücher kaufen!) und Karen Duve, die mittlerweile auch weiß, wie ich heiße.

So, also Braunschweig, Berlin und Leipzig waren sehr anstrengend, dann war ich privat verreist und deshalb gab es keinen Blog. Ich frage den Fragesteller in Stuttgart, ob sein Informationsbedürfnis damit gestillt sei, bekomme aber keine Antwort, weil wohl alle schon zu Hause sind.

Stimmt natürlich nicht. Und eigentlich stimmt es auch nicht, dass mich jemand in Stuttgart gefragt hat, warum es seit drei Wochen keinen Eintrag in meinen Blog gab, aber ich brauchte einen Aufhänger, um das nachzutragen. Außerdem hatte ich das Gefühl, wenn jemand so eine Frage stellen könnte, dann jemand aus dem fragefreudigen Stuttgart. Denn die waren alle wieder sehr nett zu mir.

Nachtrag:

Im Hotel spricht die Heizung mit mir. Labert unaufhörlich. Blubbert mich voll. Vielleicht passt es ihr nicht, dass sie hinterm Schreibtisch angebracht ist. Außerdem sagt mein Freund Olaf in Berlin immer zu mir, ich sei im Schnittpunkt sehr vieler Diskurse. Ein Computer-Selfie zeigt aber vor allem, dass ich im Schnittpunkt einer sehr komischen Decken-Konstruktion bin.

Die Liebe in Köln

Wenn man über die Kaiser-Wilhelm-Brücke nach Köln reinrollt, fallen einem ja immer wieder diese albernen Schlösser auf, die Verliebte da ans Gitter geklirrt haben, um sich richtig romantisch vorzukommen. Wie romantisch kann es sein, etwas zu machen, was schon Tausende andere gemacht haben? Wie unoriginell muss eure Liebe sein, wenn sie so in der Masse aufgeht? Und was heißt so ein Schloss auf der metaphorischen Ebene? Ich kette dich an mich, lebend kommst du hier nicht mehr raus.? Mein lieber Herr Liebeslieder-Gesangsverein, das wird ja immer romantischer! Und was macht ihr, wenn die Sache dann doch in die Brüche geht? Kommt ihr dann mit dem Bolzenschneider und kneift das Symbol eurer Liebe wieder durch? Habt ihr das Schloss wenigstens markiert? Nicht, dass ihr ein anderes durchkneift, und dann fährt hunderte Kilometer entfernt irgendwer in den Straßengraben. Oder geht fremd, das wäre hier wohl das passendere Voodoo. Ganz Schlaue behalten die Schlüssel zu dem Schloss, zur weiteren Verwendung.

Im kleinen Sendesaal des WDR ist heute Literaturmarathon. Im Foyer liegen sie auf dem Boden und verfolgen die Lesungen, die hier auf einer Leinwand laufen. das ist ein schönes Bild. Überhaupt ist das alles sehr schön hier. Literatur macht schön, ehrlich. Dreimal "schön" geschrieben, noch vor dem Mittagessen! Ein schöner Tag!

Die Dame von der Ablaufregie ist hoch erfreut, mich schon zu sehen. Ich bin sehr zeitig vor Ort, aber das ist dem Fahrplan der Ban geschuldet. Die Dame wartet auf einen Rapper, der früher dran ist als ich. Rapper, junge Lunge, wahrscheinlich mit Bart, dafür ist es noch zu früh.

Im Catering-Bereich gibt es was zu essen, aber ich gehe nur meinen Text noch mal durch und warte einfach. Einfach warten, das macht man viel zu selten. Im Sinne von: nichts denken, ganz im Warten aufgehen. Dann fühlt das Leben sich länger an.

Etwa eine Viertelstunde vor meinem Auftritt werde ich den Backstage-Bereich geführt. Der Rapper ist jetzt auf der Bühne und rappt. Ohne Musik. War also doch nicht zu früh für ihn, der war einfach nur pünktlich. Wirkt natürlich etwas gelassener als vierzig Minuten zu früh auf der Matte zu stehen, als könne man es nicht erwarten, endlich ins Radio zu kommen. Ich hätte vielleicht noch ein wenig durch die Stadt bummeln sollen, aber es ist Samstag und ich bin unbewaffnet. Der Rapper ist übrigens der Kollege Quichotte, und der ist ziemlich gut. Ein Bart ist tatsächlich dran. Und obendrauf ist eine Basecap mit flachem Schirm angebracht.

Ich bin nach den Nachrichten dran, es ist schnell vorbei. Beim Rausgehen laufe ich Quichotte in die Arme, und der hat die Kollegin Sarah Bosetti im Schlepptau, die einen Koffer hinter sich herzieht. Man kommt ins Gespräch. Man sieht sich in Leipzig, nächste Woche, na sicher!

Die Online-Redaktion des WDR fragt mich dann noch über die Liebe aus. Stimmt, das ist das Thema des diesjährigen Literaturmarathons. Leider vergesse ich, irgendwas zu den Schlössern auf der Kaiser-Wilhelm-Brücke zu sagen.

Die Nicola hat die Lesung im Internet verfolgt und Fotos gemacht.

Witzig: Meine Omma fotografiert auch immer den Fernseher, wenn ich drin bin. Meistens allerdings mit Blitz, so dass die Hälfte nicht zu sehen ist.

Da ich noch ein bisschen Zeit habe, laufe ich noch trotz des ganzen Einkaufs-Betriebs durch die Stadt, komme natürlich wieder an diesem Optiker vorbei, der tatsächlich Augendübler heißt! Glücklicherweise brauche ich ja noch keine Brille, aber wenn, dann würde ich da bestimmt nicht hingehen. Bei der Vorstellung, ab vier Dioptrien einen Sechs-Milimeter-Hohlraumdübel durch die Iris gejagt zu bekommen, wird mir ganz anders.

Die Rückfahrt beginnt natürlich wieder auf der Kaiser-Wilhelm-Brücke. Noch komischer als Leute, die da Schlösser anschließen, finde ich ja die, die da stehen und sich die Schlösser der anderen angucken.

Der Förster und die Liebe

Vor etwa einem Jahr habe ich im mittlerweile leider dahingegangenen FKT (Freies Kunst Territorium) in Bochum erste Kapitel aus dem Förster gelesen. Bei dieser Veranstaltung haben sich zwei Leute noch mal neu in einander verliebt, und deshalb darf ich heute ein Buch signieren. Das ist natürlich sehr schön, denn laut Förster ist ja die Liebe das, was den ganzen Scheiß zusammenhält.