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Frank Goosen //

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Die Wahrheit in der Kunst

Heute Lederjacke zum Nachfärben gebracht. Schöner Satz. Und absolut wahr. LeserInnen wollen doch immer das Authentische: „Herr Goosen, die Figur in Ihrem Blog schreibt, er habe eine Lederjacke zum Nachfärben gebracht. Hat das einen autobiographischen Bezug?“ - „Vielen Dank für die Frage. Im Allgemeinen ist es ja so, dass mein Schreiben zwar auf eigenen Erfahrungen beruht, aber selten eins zu eins autobiographisch grundiert ist, doch in diesem Fall muss ich sagen: Ja, auch ich habe heute eine Lederjacke zum Nachfärben gebracht. Ich weiß also, wovon ich erzähle. Das ist mir sehr wichtig beim Schreiben, dieses Echte. Es gibt allerdings auch eine Wahrheit jenseits der Fakten. Manche Dinge können frei erfunden sein, sind aber trotzdem wahr. Es ist die Wahrheit der Kunst, die Echtheit der Imagination, das Wahre im Gedichteten, und ich…“ - „Ja, ja, schon gut, ich wollte nur wissen, wo Sie die Jacke hingebracht haben und was das kostet.“

Junkie-Logik

Vormittags zum On-Air-Frühstück mit Katja Leistenschneider auf Radio Bochum. Brötchen, Bio-Hagebuttenmarmelade und holländische Halbfettmargarine. Obwohl: die Halbfettmargarine brauche ich gar nicht, weil ich mir die Bio-Hagebuttenmarmelade direkt aufs Brötchen gebe, und da ich auf das Streichfett verzichte, darf es von der Marmelade etwas mehr sein. Junkie-Logik.

Wir sprechen über das Komparsen-Casting für die Verfilmung von „Sommerfest“ gestern im Metropolis-Kino im Bochumer Hauptbahnhof. Die Bochumer Bevölkerung war fast vollzählig angetreten, die Schlange jedenfalls ging einmal durch den ganzen Bahnhof. Ich hatte überlegt, da mal hinzugehen und stichprobenartig Textkenntnisse abzufragen, mich dann aber doch dagegen entschieden. War ja auch beim Spiel der D1 von Arminia Bochum gegen SV Phönix, und das bei herrlichstem Fußballwetter: 8 Grad, Regen.

Im Radio ist es trocken, draußen kommt die Sonne raus, auch Frau Leistenschneider scheint. Es ist sehr kurzweilig. Am Ende darf ich die Hagebuttenmarmelade mitnehmen, nicht aber die holländische Halbfettmargarine, obwohl mich die sehr wohl interessiert hätte. Ich weiß gar nicht, ob die mir schmeckt, aber man muss nehmen, was man kriegen kann. Junkie-Logik noch mal.

In der Innenstadt geht heute die Post ab. Große DGB-Kundgebung zum Kampftag der internationalen Arbeiterklasse. Dazu eine Demo der NPD. Und die dazugehörige Gegendemo. Auf 180 Braune kommen 2400 Bunte. Paar Autonome machen Remmidemmi, zwei Polizisten werden verletzt. Am Abend fragt der Zweitgeborene, wer denn nun schlimmer sei, die Rechten oder die Linken. Die Kinder müssen ja selber drauf kommen, was richtig und was falsch ist, aber bisschen Anleitung ist Bürgerpflicht, also erkläre ich ihm, dass Gewalt prinzipiell nicht das Mittel der Wahl sein darf, dass aber die, die glauben, alle Menschen sollten gleich sein, vielleicht nicht in allen Punkten, aber doch ein bisschen mehr recht haben als die, die glauben, dass jemand weniger Wert ist, nur weil er aus einem bestimmten Land kommt oder dunkle Haut hat. Erziehung - eine tolle Sache. Mal sehen, ob sie funktioniert.

Kurz vorm Schlafengehen noch ein Teelöffel Bio-Hagebuttenmarmelade. Soll gut sein für die Gelenke. Logik? Siehe oben.

Schön UND schlau in Münster

Normalerweise wird man ja als verschrobener Sonderling angesehen, wenn man um kurz vor halb sieben in ein gut besuchtes Café geeilt kommt - die Jackenschöße nur deshalb nicht Kardinal-Richelieu-mäßig rauschend und bauschend, weil die Jacke wegen des eigentlich illegal kalten, dem Datum und der Jahreszeit spottenden Wetters bis zum Hals geschlossen ist - um dann gleich mal mit einer gewissen Dringlichkeit bei der Tresenkraft nach dem 1live-Tisch, vor allem aber dem Wlan-Passwort zu fragen, also normalerweise gucken dann alle immer ganz komisch, aber in Münster ist vieles anders, da wird man mit einem verständnisvollen Lächeln willkommen geheißen und das Passwort mit ebensolcher Freundlichkeit widerstandslos ausgeliefert. Dass die Einwahl ins Netzwerk dann nicht funktioniert, weil sich die örtliche Technik gegenüber Geräten mit einem angebissenen Stück Obst drauf prinzipiell verweigert, wird auch nicht achselzuckend abgetan, sondern mit dem Angebot, einen passenden Rechner aufzutreiben beantwortet. So viel Freundlichkeit ist selten, in Münster aber offenbar normal. Jedenfalls im Cinema-Kino, wo heute 1live-Klubbing stattfindet. Das habe ich jetzt jahrelang nicht gemacht, weiß auch nicht warum, aber heute wird es schön, das weiß ich sehr wohl, denn mein Gastgeber wird Mike Litt sein.

Bin froh, dass ich mit dem Zug gekommen bin. Dadurch konnte ich beim Umsteigen in Dortmund noch einen Fress-Stand sehen, der mich begeisterte. Da werden Fischbrötchen feilgeboten, und weil das ganze im Bahnhof stattfindet, heißt das Ding (Achtung, festhalten!): Fish and Rail! Leider nicht fotografiert.

Aber warum so dringend Wlan? Nun, ich weiß nicht, ob ich mich schon darüber beklagt habe, dass die DFL sich nicht nach meinem Spielplan richtet und deshalb den VfL mal wieder an einem Freitag spielen lässt, diesmal in Berlin, gegen Union.

Aber Wlan geht ja nicht, deshalb also die Funktion „Persönlicher Hotspot“ am Handy eingestellt und Laptop damit verbunden - klappt. Manchmal liebe ich sie, die moderne Welt. Ich bin noch mit drei Programmen und Telefonen mit Wählscheibe aufgewachsen, aber wir wollen hier nicht wieder Oppa-erzählt-vom-Krieg spielen.

Keine guckt mich schräg an, weil ich hier Fußball am Computer gucke. Einer kommt sogar rüber und fragt, wer da spielt. Ich anwtorte, dass es sich um den VfL Bochum handele. „Ah, Bundesliga!” - „Nee, Champions League.” - „Echt?” - „Ja!” - „Toll!” Union Berlin gegen den VfL Bochum in der Champions League! Beide Vereine haben jetzt ein neues, gemeinsames Ziel.

Die Veranstaltung selber ist so zauberhaft wie vorher erhofft. Der Kollege Litt legt einem die Bälle vors leere Tor und man muss sie nur noch reinmachen. Das Publikum ist schön UND schlau. Auf der Rückfahrt erwische ich mich dabei, wie ich im Netz nach Wohnungsanzeigen für Münster suche.

Bisschen Anarchie muss sein

Im letzten Jahrhundert ist Tresenlesen mal auf einem Festival in der Schweiz aufgetreten, auf dem auch Neil Young dabei war, deshalb gibt es irgendwo in meinem Keller in einer Kiste noch ein Plakat, auf dem oben ganz groß „Neil Young & Crazy Horse“ steht und unten, nach allen möglichen anderen Bands und Künstlern, „Tresenlesen“. Allerdings hat Neil Young damals angesichts dieser Konkurrenz kalte Füße bekommen und kurzfristig abgesagt, vorgeblich, weil er sich in den Finger geschnitten hatte. Wir wissen es besser. Als Ersatz spielte dann John Hiatt. Ist wie im Fußball: Gut, wenn man Qualität auf der Bank hat. Jahre später, also heute, stehe ich auf dem gleichen Programmflyer wie Tanita Tikaram, und zwar in der Kölner Kulturkirche. Da ich mittlerweile in einem Alter bin, in dem ich nicht mehr krampfhaft cool sein muss, darf ich zugeben, dass ich Tanita Tikaram immer stark fand, und zwar nicht nur Twist in my Sobriety, obwohl das natürlich ihre frühe Referenznummer ist. Doch auch You make the whole world cry oder Only the ones we love wissen zu gefallen, vor allem nachts auf der Autobahn, wenn ein für die Jahreszeit viel zu kalter Regen aufs Dach hämmert und die Fahrt durchs Bergische sehr anstrengend macht.

Um in die Künstlergarderobe der Kulturkirche zu kommen, muss man durch eine Küche, wo an einem hohen, mit einer Front aus gebürstetem Stahl versehenen Kühlschrank folgender Zettel hängt: „Milchkännchen bitte nur unten reinstellen“. Reverend Thomas, der verdiente, hochkompetente, stets ebenso engagiert wie entspannt wirkende Pfarrer-Impressario dieses Hauses klärt mich darüber auf, dass diese Milchkännchen auch gerne mal umkippen, und wenn die weiter oben stehen, versaut die Milch den ganzen Kühlschrank. Um mir dieses unterschätzte Problem zu verdeutlichen öffnet er den Kühlschrank, und ich sehe ein paar auf Tellern angerichtete, mit Frischhaltefolie abgedeckte Speisen, und zwei ordnungsgemäß ganz unten abgestellte Milchkännchen. Lachend nimmt der Reverend eine davon, stellt sie weiter nach oben und schließt den Kühlschrank schwungvoll. Bisschen Anarchie muss sein. Und wenn die Gemeindeschäfchen zu zahm sind, muss der Chef selber tätig werden.

Der übrigens zu Beginn einen etwas angeschlagenen Eindruck macht, auch etwas unrund spricht. Liegt aber nicht daran, dass er vom Messwein genascht hätte (April/Mai sind ja immer die Konfirmationen), sondern daran, dass er gerade beim Zahnarzt war. Offenbar nicht schön gewesen, wie auch!

Mit der berühmten „grimmigen Entschlossenheit“ verkündet der Kirchenmann: „Da gehe ich nie wieder hin!“

ICH (überrascht): „Echt?“

REVEREND THOMAS: „Der wird pensioniert.“

ICH: „Ach so.“

Dann doch kein Regen auf der Rückfahrt, dafür natürlich oben erwähnte Sängerin.