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Frank Goosen //

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Einheitsfront, David Crosby und eine Frau namens Klaus

Es ist ein schöner Tag, der, wie sich herausstellen sollte, einige absurde Überraschungen bereit halten sollte.

Am Vormittag ist es notwendig, für das, was ich gerade schreibe, das gute, alte Einheitsfrontlied zu hören: Und weil der Mensch ein Mensch ist / Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern / Er will über sich keinen Sklaven seh’n / Und unter sich keinen Herrn. Man kann darüber streiten, ob es wirklich notwendig war, das bei offenem Fenster zu hören, aber ich hatte den Eindruck spätestens beim Refrain Reih’ dich ein in die Arbeitereinheitsfront / Weil du auch ein Arbeiter bist sind im Bochumer Stadtparkviertel ein paar Ärzte und Rechtsanwälte zusammengezuckt. Es ist wie in der Ehe: Man sollte sich nie zu sicher sein…

Am frühen Abend mache ich mich auf den Weg zur Lesung in Witten, und als ich die Gudrunstraße Richtung A40 hochfahre, überquert direkt vor mir kein geringerer als David Crosby die Straße! Kein Scherz, David Crosby, der Junkie mit der Engelstimme, der Melissa Etheridge und ihrer Lebensgefährtin Julie Cypher per Samenspende die Elternschaft ermöglichte, der Crosby von Crosby, Stills & Nash (Neil Young fand ich in dieser Kombination meistens verzichtbar, beziehungsweise stimmlich zu dominierend, aber mit dieser Meinung stehe ich ziemlich allein). Pläte, silberner Haarkranz bis auf die Schultern, Walrossschnäuzer - er war es, kein Zweifel! Und er sah gut aus, was einen nach der Lektüre der Autobiographie von Graham Nash, in welcher Crosby als haltloses Drogenwrack beschrieben wird, doch einigermaßen beruhigt. David Crosby in Bochum! Irre! Klar, da muss der über das Media-Interface angeschlossene Player gleich mal Wasted on the way spielen von der 82er LP Deja Vu, aber weil die Nummer von Graham Nash ist, kommt danach gleich Guinevere vom epochalen Debütalbum von Crosby, Stills & Nash, und da es unfair ist, einen so verdienten Künstler nur über eine fast fünfzig Jahre alte Nummer zu definieren, gibt es dann noch ein paar Songs von Crosbys letztem Sololabum Croz von 2014. Manchmal liebe ich sie, die moderne Welt!

In der Werkstadt in Witten werde ich dann von einer sehr netten jungen Frau empfangen, bei der mir durch den Kopf geht, dass ich hier schon aufgetreten bin, als sie noch gar nicht auf der Welt war. Offenbar sage ich das aber auch laut. Peinlich. Alternder Sack larmoyiert gegenüber junger Frau über sein Alter, bevor er aus einem Buch liest, in dem ein anderer alternder Sack fünfzig wird.

Trotzdem, oder gerade wegen dieses blöden Einstands und weil es einfach höflich ist, frage ich die junge Frau nach ihrem Namen. „Ich bin die Ela“, antwortet sie, „aber meine Mutter nennt mich Klaus.“ - „Ernsthaft?“ - „Wir sind vier Geschwister, aber meine Mutter sagt, sie kann sich nur einen Namen merken.“

Die Lesung ist dann übrigens auch sehr schön.

Überlebt der Hamster?

Schön ist, wenn Menschen nach Lesungen viel wissen wollen, man plaudert ja gern. Noch schöner ist, wenn die Fragenden gleich mitteilen, welche Antworten sie nicht hören wollen. In Osnabrück fragt ein Zuschauer, wie es denn sei, jeden Abend das Gleiche vorzulesen, und als Antwort erwarte er bitteschön etwas anderes als die Behauptung, jeder Abend sei anders, weil jedes Publikum unterschiedlich sei. Klasse, das grenzt meine Antwortmöglichkeiten so weit ein, dass ich auch gleich mit der Wahrheit rausrücken kann: Nach einer gewissen Anzahl an Lesungen weiß man, was kommt, also wie der Satz, den man gerade angefangen hat, weitergeht, und das kann etwas sehr Beruhigendes haben.

Außerdem interessant: In meinem Buch kommen, neben anderen, ein Hamster und eine sehr alte, in die Demenz abgleitende Frau vor. Genau einmal wurde in bisher 28 Lesungen gefragt, ob die alte Dame denn das Buch überlebt. Mindestens ein Dutzend Mal wollte aber jemand wissen, ob das auch für den Hamster gilt. Viele Menschen scheinen ihre Haustiere mehr zu lieben als ihre Verwandtschaft. Fairerweise muss man sagen, dass ein Hamster sehr viel weniger Zeit hat, einem auf die Nerven zu gehen. Nach zwei Jahren ist ja bei den meisten Modellen Schluss.

Als dann gestern auch noch rauskam, dass wir in unserer Familie nicht nur keine Haustiere haben - außer denen, die in Zimmerecken sitzen und auf Fliegen warten -, sondern auch noch Hunde weitgehend ablehne, drohte die Stimmung zu kippen. Mindestens eine Frau hätte mich gerne zusammen mit wütenden, fackelschwenkenden Dorfbewohnern boriskarloffesk aus dem Ort getrieben.

Mal sehen, wie das heute in Bielefeld wird.

Anfänge

Auf dem Sofa gesessen und an Anfänge gedacht. Beispiele:

Die Jacke war ihm zu klein, aber er beschloss, sie trotzdem nicht zurückzuschicken.

Zack, tot! Das fühlte sich gut an.

Gleich am ersten richtig warmen Tag des Jahres sagte seine Frau, die den ganzen Vormittag die Terrasse aufgeräumt und gefegt hatte, er solle doch seine Beine in die Sonne halten, damit sein Körper nach dem langen Winter endlich wieder Vitamin D bilden könne, die meisten Menschen in Deutschland hätten ja einen eklatanten Vitamin-D-Mangel, also setzte er sich in die Sonne und entblößte seine Extremitäten, spürte auch gleich wie sich dieses Wunderzeug in ihm bildete und seine Knochen stärkte, denn dass Vitamin D der Osteoporose vorbeuge, das hatte auch er schon gehört, nach zehn Minuten bekam er allerdings Kopfschmerzen und setzte sich wieder drinnen aufs Sofa und dachte über Anfänge für Geschichten oder Romane nach.

Roy Müller war ein glücklicher Mann.

Mal sehen, wo das noch hinführt.

Spargel schlägt Hamster

Gestern Duisburg. Da ist nächste Woche Spargelfest. Neulich habe ich abends bei Spiegel TV einen Bericht gesehen, in dem es hieß, zu dicker Spargel werde schon am Großmarkt weggeschmissen, da er am Markt nicht durchsetzbar sei. Ich überlege, dem Duisburger Spargelfest noch schnell die Ausrichtung eines angegliederten Symposions zu empfehlen, das sich dieser Frage annimmt. Zu dicker Spargel am Markt nicht durchsetzbar! Wo kommen wir denn da hin!

Frau Saskia erzählt mir vor der Lesung von ihrer Idee, ihre Hamsterin Frau Förster demnächst in einem Käfig auf dem Merchandising- und Bücherstand zu platzieren, wahrscheinlich gebe das aber Ärger mit Tierschützern, also habe sie diesen charmanten Plan fallen lassen. Stattdessen überlege sie, Buttons anzufertigen, die Frau Förster mit meinem Roman zeigen. Buttons würden sich sehr gut verkaufen. Ich bin skeptisch. Wer würde sich einen Button mit einem Hamster ans Revers heften, das macht doch keiner!

Frau Saskia verschluckt sich vor Lachen an ihrer Bionade und zeigt mir eine Internetseite, auf der man Poster, Postkarten und Buttons bestellen kann. Die Suchanfrage „Hamster Button“ bringt zwar nicht, wie Frau Saskia vorher ankündigte „Milliarden! Milliarden!“, aber immerhin 315 Ergebnisse. Meiner Ansicht nach mindestens 314 zu viel. Von schlichten, von den meistens Menschen offenbar als „süß“ empfundene Hamsterfrontansichten über Hamster, die aus irgendwas rauskrabbeln bis hin zu stilisierten Hamstern, die in einem Yin-Yang-Zeichen aufgehen, ist alles dabei. Offenbar auch beliebt: Sprüche mit Hamsterbezug, die einen doch oft ratlos machen: „I’m in Love with a Hamster Doctor“ zum Beispiel. Geht es da um einen Arzt, der Hamster heilt? Oder um einen, der wie ein Hamster aussieht? Es gibt auch „Happy Hamster“, „I (Herz) my Hamster“ oder „Hamster Powered“ und „Peace, Love (Hugs) and Hamsters“. Natürlich darf „Gangsta Hamster“ genauso wenig fehlen wie „Ham-Star“. Letzteres heißt ja eigentlich Schinken-Stern. Vielleicht auch ein Fall für das Duisburger Spargelfest, denn wo Spargel lockt, ist Schinken oft nicht fern. Interessant ist dann wieder der Anstecker „The Hamster Whisperer“. Darunter stelle ich mit einen Typen mit Stetson und Cowboystiefeln vor, der neben einem Fellknäuel kniet und versucht, ihn dazu zu bringen, nicht mehr so bockig zu sein. Oder sich auch mal tagsüber sehen zu lassen.

Das alles gibt es natürlich noch auf Schlüsselanhängern, Tassen, Schürzen oder auch kurzärmeligen Männer-T-Shirts. Auf letzteren steht dann zum Beispiel „Keep calm and play with my hamster“. Den Spruch kennt man ja schon mit allen möglichen Substantiven. Auch das Motiv „Stronger than most hamsters“ scheint beliebt, ebenso wie der Slogan „I survived the hamster dance marathon“. Ich fürchte, das gibt es wirklich. Noch mehr fürchte ich, dass es Männer gibt, die so etwas anziehen.

Bei Napoleon mit Hamster-Kopf als T-Shirt-Motiv steige ich dann endlich aus. Das geht zu weit! Ist doch definitiv eine Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes, was laut Paragraph 103 StGb unter Strafe steht. Wissen wir jetzt aus dem Proseminar bei Privatdozent Böhmermann.

Nur aus Daffke gebe ich auf der Internetseite, auf der ich dieses ganze Hamster-Zeug gefunden habe, mal „Spargel“ ein, bin mir aber sicher, dass es da nichts gibt. Weit gefehlt. Sehr weit: 4205 Ergebnisse! Mehr als zehn mal so viel wie für Hamster! Da gibt es zum Beispiel Spargel-Poster oder auch Küchenschürzen mit Spargel drauf sowie ein T-Shirt, auf dem eine Katze auf einem Bündel grünem Spargel durch das Weltall schwebt. Von dort ist es nur einen Spargelwurf bis zur Spargel-Krawatte und der Spargel-Smartphone-Hülle.

Spargel schlägt Hamster. Und das wird nächste Woche in Duisburg gefeiert.