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Frank Goosen //

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Zu Hause einen Löffel mehr

Gestern Lesung in Leer. Erfolgreich jeden Flachspaß zum Ortsnamen vermieden. Am Ende aber doch ins Gästebuch geschrieben: „Leer - voll gut!“ Schlimm!

Von den Veranstaltern Tee und Kekse geschenkt bekommen. Wichtiger Hinweis: Der Tee sei exakt auf das örtliche Wasser abgestimmt. „Zu Hause nehmen Sie besser einen Löffel mehr!“

Erst kurz vorm Einschlafen frage ich mich: Einen Löffel mehr als wie viele?

Quacks in Eickel

Immer wieder steht man im Leben vor schweren Entscheidungen, wie zum Beispiel der, ob man bei diesen neuen Doppelstock-Intercitys in der oberen oder der unteren Etage sitzen soll. Die meisten sagen oben, weil der Mensch ganz allgemein eine Vorliebe für erhöhte Positionen hat. Ich finde unten aber auch nicht schlecht, weil es sich da manchmal sehr rasant anfühlt, wie man so knapp über Bodenniveau dahinrast.

Ziemlich einfach ist dagegen die Entscheidung, wo ich auf meiner Reise nach Leer in Ostfriesland umsteigen soll. Die schnellste Verbindung ist die, bei der man von Münster aus mit der Westfalenbahn weiterfährt, aber nur zwanzig Minuten länger braucht man, wenn man die Strecke über Wanne-Eickel wählt, mal ganz abgesehen davon, dass man es sich ab dort die ganze Strecke in einem nur spärlich besetzten, modernen Doppelstock-Intercity bequem machen kann. Na gut, man hat eine halbe Stunde Aufenthalt in Wanne-Eickel, aber gibt es andererseits einen Ortsnamen, der mehr nach Ruhrgebiet klingt? Und einen eigenen Mond haben die auch noch!

Schlendert man besichtigungsbereit durch den Tunnel unter den Gleisen, erblickt man kurz vor der Bahnhofshalle auf ein Grafitto, das einen nicht so richtig willkommen heißt. Vielleicht ist es auch ein Tag, also die Signatur eines Sprayers, aber dafür ist sie fast zu gut leserlich. Sind die nicht immer bisschen rätselhaft. Ich habe keine Ahnung, ich bin alt und werde älter. Jedenfalls steht da oben „ÜBEL“, und der waagerechte Strich des L geht in einen nach rechts gerichteten Pfeil über. Da rechts ist aber nichts, nur die Wand.

Erstaunlich, was die Gegend um den Bahnhof dieser Stadt, die es eigentlich nicht mehr gibt, seit beide Ortsteile nach Herne eingemeindet wurden, so zu bieten hat. Da ist ein pittoresk-hässlicher Hochbunker oder auch, gleich neben dem Bahndamm, eine völlig heruntergekommene ehemalige Lagerstätte für brennbare Flüssigkeiten.

Die größten Überraschungen sind kultureller Natur. Vor dem Bahnhof von Wanne-Eickel steht das Drei-Männer-Eck. Nicht etwa eine Kneipe, sondern die Kopie einer Skulptur von Wilhelm Braun aus dem Jahre 1927, die einen Eisenbahner, einen Binnenschiffer und einen Bergmann zeigt.

Einer Hinweistafel entnehme ich außerdem, dass der in Essen geborene Heinz Rühmann einen Teil seiner Kindheit in Wanne-Eickel verbracht hat. Quacks der Bruchpilot war auf dem Gymnasium Eickel!

Ich finde, das Graffito (oder der Tag) im Bahnhof lügt.

Und im Doppelstock-IC nehme ich die untere Ebene. Habe das Gefühl, da fahre ich schneller als oben.

Turn mit!

Zum Duell der beiden Kandidaten für das Bundespräsidentenamt in Österreich ist ja mal wieder alles gesagt und auch schon von fast jedem. Einen Hinweis habe ich allerdings vermisst: Der einmal rundum laufende, cremefarbene Vorhang erinnerte an die Sendung „Turn mit“ mit Bärbel Vitt (sic!). Allerdings kam kein Tambourine zum Einsatz.

Youtube-Nachweise konnte ich dazu leider nicht finden, stattdessen aber „Enorm in Form“, die Achtzigerjahre-Aerobic-Sendung im ZDF. Auch nicht verkehrt: „Breakdance mit Eisi Gulp“.

In der DDR hat sich die Sendung „Medizin nach Noten“ um die Volksgesundheit verdient gemacht.

Und wo wir gerade dabei sind, googlen wir mal „Trimm dich Siebziger“. Unter „Bilder“ findet sich neben dem lustigen Männchen mit dem gereckten Daumen auch ein Bild aus dem Film „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Im Web ist alles eins.

An all das erinnert zu haben, ist das bleibende Vermächtnis von Alexander van der Bellen und Norbert Hofer.

Und demnächst reden wir mal über Schulfernsehen.

Vergiften oder zu Tode massieren?

Lese gerade den Roman 22:04 von Ben Lerner, bei dessen Namen ich immer an Tom Lehrer denken muss,von dem der den Poisoning Pidgeons in the Park stammt, offensichtlich das Vorbild für Georg Kreislers Taubenvergiften im Park war. Macht man sich ja nicht immer klar, dass auch solche Größen wie Kreisler Vorbilder und Einflüsse haben, da denkt man ja immer, die schöpfen alles aus allein aus sich selbst, Überreste des Genie-Kults des achtzehnten Jahrhunderts wie er etwa in Goethes Prometheus zum Ausdruck kommt oder von Humboldt zum allgemeinen Bildungsideal veredelt wurde, ach wem erzähle ich das alles! Jedenfalls schreibt Lerner an einer Stelle, das er (beziehungsweise der Schriftsteller „Ben“, die Hauptfigur des Romans) gern zu Frauen, die er attraktiv findet, sagt, er würde sie ja gern nach Hause zum Essen einladen, könne aber nicht kochen. Er hoffe dann, dass sie sagen: „Macht nichts, ich kann prima kochen!“, und dann nimmt alles seinen erhofften Gang.

Ich habe das früher auch versucht, nur war ich nie so ehrlich zuzugeben, dass Kochen nicht mein Ding ist. Das einzige, was ich damals hinbekam, war ein selbst ausgedachter Auflauf mit Kartoffeln, Broccoli, Hühnchenfleisch, Creme Fraiche und Muskat. Auflauf d’amour nannte ich das Ding, ein Verweis auf den Grad geistiger Zerrüttung bei gleichzeitiger erotischer Notdurft, den ich damals erreicht hatte. Nur ein völlig unwissender Vollidiot kommt auf die Idee, zur Vorbereitung einer Liebesnacht eine Speise mit stark blähendem Gemüse anzubieten.

A propos stark blähendes Gemüse: Sollten Sie planen, demnächst mal wieder den Film „Das Russland-Haus“ mit Sean Connery und Michelle Pfeifer anzusehen, womöglich mit zwei 15- und 12-jährigen Teenagern - lassen Sie es! Beziehungsweise: „Tu es! Tu es!“, wie Ben Stiller in „Starsky und Hutch“ sagt, aber nur dann, wenn Sie die Kinder fix bettreif kriegen wollen. Ich hatte den Film nicht so langatmig und bisweilen extrem kitschig in Erinnerung. Also, als Sean und Michelle aufs Lager sinken, um ganz gepflegt einen wegzustecken - übrigens während in dieser beengten Moskauer Mietwohnung nebenan ihr Vater und ihre Kinder hocken - sagt er, der gerade dabei ist, Empire und Königin zu verraten zu ihr: „Jetzt bist du mein einziges Land!“ Die Kamera fährt gnädig durchs Fenster nach draußen, wahrscheinlich damit wir nicht sehen, wie sie aufspringt und sagt, so könne sie nicht arbeiten, beziehungsweise nicht rummachen, wenn ein Mann so einen Schwachsinn verzapft.

Da ist es schon fast anregender, wenn es bei Ben Lerner heißt: „Die Baby-Oktopusse werden jeden Vormittag lebendig aus Portugal eingeflogen und dann sanft, aber unablässig mit unraffiniertem Salz massiert, bis ihre biologischen Funktionen zum Erliegen kommen.“ Hört sich jedenfalls besser an, als im Park vergiftet zu werden.