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Frank Goosen //

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Sleeping is over!

Gestern Nachmittag hat endlich die Fußball-Europameisterschaft angefangen. Nachdem ich gestern tagsüber noch gequengelt hatte, dass mich das alles nicht abholt, nicht mitnimmt, dass diese EM kein Bräutigam ist, der seine Braut (mich) galant über die Schwelle trägt, sondern eher ins Hochzeitszimmer schubst, um sich dann auf einem schmalen Feldbett lustlos an ihr zu vergehen, während sie gelangweilt an die Decke starrt, wurde es dann doch noch Liebe, Lust und Leidenschaft. Drei zu Drei ist ja schon fast wieder ein asoziales Ergebnis, wie eine Vorstadtschönheit aus dem sozial auffälligen Wohnsilo, die beim Make-up nach dem Motto verfährt „Viel hilft viel“, um dann am Straßenstrich die schnelle Mark zu machen, aber was Portugal und Ungarn da gestern Nachmittag abgeliefert haben, hatte mehr was von einem hochbezahlten Escort-Service. Tut mir leid, wenn das jetzt hier wieder ins Schlüpperige abgleitet, aber das ist nun mal die Wirkung, die solche Spiele auf mich haben. Was wir bisher erlebt haben, war ja quasi Convenience-Football, nebenher zu konsumieren, ohne wirklich beim Gespräch zu stören.

Im Parallelspiel brachten die Österreicher rätselhafterweise nur Kaiserschmarrn zustande. Eigentlich gut besetzt, aber im Turnier nichts gerissen, das sind ja holländische Verhältnisse!

Island beklagt übrigens den Verlust eines TV-Kommentators. Gudmundur Benediktsson trat beim 2:1-Siegtreffer in der Nachspielzeit in eine andere Welt über. Wenn Sie sich das im Internet anhören wollen, achten Sie darauf, dass keine Hunde in der Nähe sind. In Island sollen auch Fledermäuse reihenweise aufgewacht und gegen Höhlenwände geflogen sein.

Dass in den beiden Abendspielen wieder vorwiegend Magerkost geboten wurde - geschenkt. Allerdings: Was die irischen Fans nach dem Sieg gegen Italien veranstalteten, konnte man weltweit auf der Richter-Skala ablesen. Der Beton der Tribünen musste später gründlich abgekärchert werden, da das Salz ihrer Freudentränen eine fingerdicke Schicht auf den Stufen gebildet hatte. Was für Gesichter! Fellini hätte seine Freude gehabt.

Spontan denke ich gerade an jenen frühen Morgen im Sommer 1984, als mich an einem Strand in Südfrankreich ein Polizistenstiefel beinahe zärtlich in die Seite stupste und rief: „Sleeping is over!“ Man könnte auch sagen: Jetzt geht’s los!

Mulder und Scully haben es begriffen

Sturmfreie Bude. Die Kinder haben Langtag in der Schule, die Frau ist mit einer Freundin in Düsseldorf, irgendwas mit Kunst, da kann sie mich nicht brauchen, meint sie.

Eigentlich wollte ich heute mal wieder richtig ernsthaft am nächsten Roman arbeiten, zehn Uhr an den Schreibtisch, schreiben bis halb zwei und dann mal sehen, aber jetzt sitze ich auf der Terrasse und lese einen Artikel von Thomas Glavinic über das Aufschieben, neudeutsch Prokrastinieren, ein Wort, das ich schon kaum aussprechen kann, ähnlich wie Pantroprazol, bei dem ich immer das zweite r vergesse, aber egal. Glavinic fragt sich und damit mich, ob das Aufschieben all der Dinge, die man eigentlich dringend tun müsste, nicht daher rührt, dass man mit sich selbst hadert und außerdem sehr sensibel auf alle Dinge um einen herum reagiert.

Während ich das schreibe, schiebt sich eine Nacktschnecke über die Terrasse, an ihrem Hinterteil eine Polle oder Fluse, und ich frage mich, ob ich ihr das jetzt wegmachen soll, so wie man jemandem sagt, dass sein Reißverschluss offen steht oder er oder sie eine Fluse am Revers hat. Oder eine Nudel im Mundwinkel. Die Schnecke schiebt sich die niedrige Mauer aus Ruhrsandstein hoch, die das wildwuchernde Beet abstützt, in welchem ein lesender Gartenzwerg, der in jeder Hinsicht schon bessere Zeiten gesehen hat, mich mahnt, hier mal wieder für Ordnung zu sorgen, aber Gartenarbeit ist nicht meine Passion, im Gegenteil, ich hasse das, ich koche auch nicht gerne. Wäre ich so ein Garten-Magier wie mein Nachbar, wüsste die Schnecke nicht wohin und wäre den unerbittlichen Strahlen der langsam hervorkommenden Sonne schutzlos ausgesetzt. Gartenarbeit ist letztlich Tierquälerei. Muss man auch mal so sehen.

Eine zweite Schnecke zieht über die Terrasse. Außerdem sind da Ameisen. Gegen die müsste man auch mal was machen. Und gegen den ganze Efeu an der Mauer zum Nachbargrundstück. Die Vorhänge an den beiden Fenstern zur Straße sollten auch mal geöffnet werden. Aber ich weiß doch, wie das endet: mit einem Fertiggericht und einer Alten Folge Akte X.

Genauso kommt es dann auch. Es gibt also Dinge, die keinen Aufschub, keine Prokrastination dulden. Dass andere Dinge nicht erledigt werden, liegt also nicht an dem, der sie erledigen sollte, sondern an den Dingen selbst, die den Beweis ihrer Dringlichkeit letztlich schuldig bleiben. Mulder und Scully haben das schon vor über zwanzig Jahren begriffen.

Wissen Sie nicht, wo Sie hin sollen?

Am frühen Abend fahre ich zum Bahnhof, um frische Brötchen fürs Abendessen zu besorgen. Ich muss am Hinterausgang parken, da vorne alles voll ist. Ich besorge die Brötchen, gehe dann aber doch Richtung Vorderausgang. Ein Mann in hellgrauer Jacke und kleinkariertem Hemd stutzt, als ich an ihm vorbei gehe. Ich stutze selbst, der Wagen steht ja hinten. Ich drehe um, der Mann reicht mir die Hand. „Sie sind doch der Herr Goosen, oder?“ - „Bin ich.“ - „Wissen Sie nicht, wo Sie hin sollen?“ - „Ich hatte kurz vergessen, wo mein Auto steht.“ - „So hat das bei unserem Hausmeister auch angefangen. Aber jetzt kann man den schon wieder besuchen.“ - „Der war gut!“ - „Könnense verwenden!“ - „Versprochen!“

Und wieder ein Versprechen gehalten.

Tanzwurst mit Brötchen

Arminia Bochum D-Jugend-Sommercup! Ich besorge mir erstmal eine Verzehrkarte. Darauf sind zehn Fußbälle abgebildet, die je einem Wert von 50 Cent entsprechen. Neben der Kasse liegt eine Preisliste der verschiedenen Speisen, die heute im Angebot sind. Als ich die überfliege kommt es mal wieder zu diesem bekannten Effekt, dass das Gehirn flüchtig wahrgenommene optische Informationen falsch zusammen gesetzt. Untereinander steht da:

Tzaziki

Bratwurst mit Brötchen

In meinem Kopf wird daraus: Tanzwurst mit Brötchen. Ich muss mich vor Lachen am Tisch festhalten. Niemand lacht mit.

Eine Pommes wär noch drin gewesen.