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Frank Goosen //

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Mulder und Scully haben es begriffen

Sturmfreie Bude. Die Kinder haben Langtag in der Schule, die Frau ist mit einer Freundin in Düsseldorf, irgendwas mit Kunst, da kann sie mich nicht brauchen, meint sie.

Eigentlich wollte ich heute mal wieder richtig ernsthaft am nächsten Roman arbeiten, zehn Uhr an den Schreibtisch, schreiben bis halb zwei und dann mal sehen, aber jetzt sitze ich auf der Terrasse und lese einen Artikel von Thomas Glavinic über das Aufschieben, neudeutsch Prokrastinieren, ein Wort, das ich schon kaum aussprechen kann, ähnlich wie Pantroprazol, bei dem ich immer das zweite r vergesse, aber egal. Glavinic fragt sich und damit mich, ob das Aufschieben all der Dinge, die man eigentlich dringend tun müsste, nicht daher rührt, dass man mit sich selbst hadert und außerdem sehr sensibel auf alle Dinge um einen herum reagiert.

Während ich das schreibe, schiebt sich eine Nacktschnecke über die Terrasse, an ihrem Hinterteil eine Polle oder Fluse, und ich frage mich, ob ich ihr das jetzt wegmachen soll, so wie man jemandem sagt, dass sein Reißverschluss offen steht oder er oder sie eine Fluse am Revers hat. Oder eine Nudel im Mundwinkel. Die Schnecke schiebt sich die niedrige Mauer aus Ruhrsandstein hoch, die das wildwuchernde Beet abstützt, in welchem ein lesender Gartenzwerg, der in jeder Hinsicht schon bessere Zeiten gesehen hat, mich mahnt, hier mal wieder für Ordnung zu sorgen, aber Gartenarbeit ist nicht meine Passion, im Gegenteil, ich hasse das, ich koche auch nicht gerne. Wäre ich so ein Garten-Magier wie mein Nachbar, wüsste die Schnecke nicht wohin und wäre den unerbittlichen Strahlen der langsam hervorkommenden Sonne schutzlos ausgesetzt. Gartenarbeit ist letztlich Tierquälerei. Muss man auch mal so sehen.

Eine zweite Schnecke zieht über die Terrasse. Außerdem sind da Ameisen. Gegen die müsste man auch mal was machen. Und gegen den ganze Efeu an der Mauer zum Nachbargrundstück. Die Vorhänge an den beiden Fenstern zur Straße sollten auch mal geöffnet werden. Aber ich weiß doch, wie das endet: mit einem Fertiggericht und einer Alten Folge Akte X.

Genauso kommt es dann auch. Es gibt also Dinge, die keinen Aufschub, keine Prokrastination dulden. Dass andere Dinge nicht erledigt werden, liegt also nicht an dem, der sie erledigen sollte, sondern an den Dingen selbst, die den Beweis ihrer Dringlichkeit letztlich schuldig bleiben. Mulder und Scully haben das schon vor über zwanzig Jahren begriffen.

Wissen Sie nicht, wo Sie hin sollen?

Am frühen Abend fahre ich zum Bahnhof, um frische Brötchen fürs Abendessen zu besorgen. Ich muss am Hinterausgang parken, da vorne alles voll ist. Ich besorge die Brötchen, gehe dann aber doch Richtung Vorderausgang. Ein Mann in hellgrauer Jacke und kleinkariertem Hemd stutzt, als ich an ihm vorbei gehe. Ich stutze selbst, der Wagen steht ja hinten. Ich drehe um, der Mann reicht mir die Hand. „Sie sind doch der Herr Goosen, oder?“ - „Bin ich.“ - „Wissen Sie nicht, wo Sie hin sollen?“ - „Ich hatte kurz vergessen, wo mein Auto steht.“ - „So hat das bei unserem Hausmeister auch angefangen. Aber jetzt kann man den schon wieder besuchen.“ - „Der war gut!“ - „Könnense verwenden!“ - „Versprochen!“

Und wieder ein Versprechen gehalten.

Tanzwurst mit Brötchen

Arminia Bochum D-Jugend-Sommercup! Ich besorge mir erstmal eine Verzehrkarte. Darauf sind zehn Fußbälle abgebildet, die je einem Wert von 50 Cent entsprechen. Neben der Kasse liegt eine Preisliste der verschiedenen Speisen, die heute im Angebot sind. Als ich die überfliege kommt es mal wieder zu diesem bekannten Effekt, dass das Gehirn flüchtig wahrgenommene optische Informationen falsch zusammen gesetzt. Untereinander steht da:

Tzaziki

Bratwurst mit Brötchen

In meinem Kopf wird daraus: Tanzwurst mit Brötchen. Ich muss mich vor Lachen am Tisch festhalten. Niemand lacht mit.

Eine Pommes wär noch drin gewesen.

Wandertag mit Meister Eder

Gestern habe ich noch öffentlich gesagt, dass man sich bei dieser EM die ersten Halbzeiten prinzipiell sparen kann, heute sitze ich dann doch wieder pünktlich im Keller unterm Beamer, um Italien gegen Ibrahimovic zu sehen. Aber der Meister ist indisponiert, beziehungsweise spielt in der falschen Mannschaft, den Schweden fällt weniger als nichts ein. Die Italiener geben die rüstige Rentnertruppe auf Wandertag, statt in Blau und Weiß könnten sie auch gleich in Beige spielen, Buffon etwa in einer Weste mit vielen Taschen, aber das ist im modebewussten Italien vielleicht auch gar nicht so verbreitet. Und den Flachspaß, dass das Tor kurz vor Schluss durch Meister Eder fällt, kann ich mir nicht verkneifen, das sagt alles über das Spiel.