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Frank Goosen // blog // Ich fasset nich!

Ich fasset nich!

Du weißt, dass du keinen Alkohol mehr verträgst, wenn du nach einem deutschen und zwei kanadischen Bieren versuchst, dein Hotelzimmer mit der Kreditkarte zu öffnen und etwa fünf Minuten brauchst, um deinen Irrtum zu bemerken. Fünf Minuten, in denen du Sachen murmelst wie: Verdammte Mounties! Haben noch nie vom VfL Bochum gehört, aber legen einem Würstchen unter die Sessel, und dann lassen sie einen nicht mehr ins Zimmer!

Aber das war nur der krönende Abschluss eines Tages, der seltsam begann, nämlich damit, dass ich neidisch war auf das Wetter in Bochum (sic!). Egal, wo ich mich aufhalte, einer Sache kann ich mir immer sicher sein: Zu Hause ist es kälter, deshalb nicht ich ja so gerne unterwegs. Gestern aber sollen es in der (un)heimlichen Hauptstadt des Ruhrgebietes fünfzehn Grad Celsius gewesen sein. Über null. In Toronto minus fünf. Das kriegt auch dieser unglaublich smarte, gutaussehende Premierminister nicht in den Griff, und ich finde, daran sollte man sich hier bei der nächsten Wahl erinnern!

Im Ernst: Es ist kalt hier! Es ist sehr kalt! Geradezu kanadische Verhältnisse! Auf der Yonge Street komme ich mir vor wie John Franklin, der 1847 bei der Suche nach der Nordwest-Passage in der kanadischen Arktis verschwand. Über John Franklin hat Sten Nadolny den Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit” geschrieben, der wiederum war Thema meiner mündlichen Germanistikprüfung 1992, womit wir beim Thema Studium wären und der Tatsache, dass man auch ein Vierteljahrhundert nach dem Examen immer wieder Menschen über den Weg läuft, mit denen man an der Uni sehr gerne zu tun hatte, und in Toronto ist das Barbara, die an der Universität von Waterloo unterrichtet und mich vor der gestrigen Lesung mit einem ganz unkanadischen „Ich fasset nich!” begrüßt. Zum letzten Mal gesehen haben wir uns 2002 in London, wo sie für den Deutschen Akademischen Austauschdienst arbeitete, der mich zu einer Lesung eingeladen hatte. Ich schreibe das nur deshalb, weil es sich sehr cool anhört. Ich sage auch gerne „meine Plattenfirma”, weil sich das nach Rock'n'Roll anhört, auch wenn es um Hörbücher geht.

Cool ist aber ein gutes Stichwort. Cool ist nämlich auch Tony Nappo, der kanadische Schauspieler, der die Übersetzung von zweien meiner Texte liest, „Turbo Krupke” nämlich aus „Raketenmänner” und einen Auszug aus „Sommerfest”, nämlich den, in dem Stefan und Charlotte sich als Kinder zum ersten Mal küssen, worauf sich vor dem „Haus Rabe” die Erde auftut. Bergschäden, sagen die einen, aber man darf davon ausgehen, dass der Riss vor der Kneipe vom Küssen kam.

Das auf Englisch zu hören, in Tonys kratzigem, ein bisschen dreckigem, aber auch emotionalem Sound, is

eine echte Erfahrung. What the..., dachte ich, wer hat das geschrieben? Gibt es das auf Deutsch? Das würde ich glatt lesen! Nein, mir viel lieber komplett auf Englisch anhören!

Hinterher reden wir mit dem Publikum über Heimat und Identität, über Zugehörigkeit und Sprache, über Fußball, Bier und Omma. Dann gibt es Currywurst. Canadian Style. Nicht ganz original, aber original genug, so fern der Heimat. Dazu wird Bier gereicht, unterschiedliche Sorten, das meiste bayrisch, ich schaffe es, mir ein Jever zu sichern, und stehe dann mit dem Kollegen Marc Degens aus Essen zusammen, dessen sehr lesenswerter Roman „Das kaputte Knie Gottes” in Bochum spielt, und der mittlerweile ebenfalls in Toronto lebt. Ruhris, wode hinkucks!

Seinen Abschluss findet der Abend in einem Pub gleich bei der St. Andrews Church. Zwei große kanadische Biere mit dem klingenden Namen Steamwhistle laufen rein wie nix. Die Themen sind Ruhrgebietsliteratur (kurz) und Fußball (lang). Zu letzterem steuert auch ein junger Mainz05-Anhänger einiges bei.

Als die ersten gehen, ist der Rest wehrlos und muss sich die Oppa-erzählt-aus-dem-Krieg-Storys des FG anhören, also wie das damals war, als man noch auf Magister studierte oder wie Dieter Kottnick beim legendären Tresenlesen-Auftritt in der Freiburger Kneipe „Rattenspiegel” Mitte der Neunziger vor Lachen beinahe geplatzt ist, obwohl er sich als Veranstalter aus Dortmund schon damals nur amüsierte, wenn es gar nicht anders ging.

Heute morgen scheint die Sonne, aber es ist noch kälter als gestern. Beim Frühstück sitze ich mit Pullover und Fleecejacke. Und als ich mir noch einen Kaffee für aum Zimma mitnehme, meine ich eine Angestellte des Hotels zu einer anderen sagen zu hören: „That's the saussage-guy!” Aber das ist hoffentlich nur Einbildung. Wenn nicht, verweise ich auf Frau Dr. Barbara: Ich fasset nich!

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