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Frank Goosen //

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Mit Jack Palance nach Herzebrock-Clarholz

Umwege erhöhen die Ortskenntnis, und deshalb mache ich jetzt mal ein paar Umwege, bevor ich euch was verkaufen will, so wie die junge Frau, die zirka 1991 vor meiner Tür stand und im Rahmen einer Umfrage wissen wollte, ob ich bereit wäre, ehemalige Strafgefangene zu unterstützen, was ich als alter taz-Leser natürlich sofort bejahte, und die mir dann doch nur ein Zeitschriften-Abo andrehen wollte, weil sie sonst bald wieder an der Nadel hänge.

Mein heutiger Umweg führt über Stalking. Stalking ist eine schlimme Sache, da sollte man keine Witze drüber machen, das habe ich heute erfahren müssen, denn ich bin auf der A2 auf dem Weg nach Rinteln fast zwei Stunden lang gestalkt worden, und zwar von der Sonne. Prinzipiell ist das eine prima Sache, wenn im Februar die Sonne scheint und die Temperaturen sich in den zweistelligen Bereich hangeln, aber beim Autofahren kann es etwas anstrengen, zumal ich den Eindruck hatte, dass die Sonne auch hinter mir her war, wenn es meiner Ansicht gar nicht möglich war, dass sie in meinen Außenspiegel knallt, beim Durchfahren eines Waldstückes etwa oder wenn ich einer langen Kurve folgte, aber die Sonne und ich, das ist ohnehin so eine Sache, seit sie mir im Juli 71 am Strand in Holland das halbe Erdbeereis weggefuttert hat.

Es gibt natürlich einen knallharten Vorteil, wenn die Sonne einen auf der Autobahn von hinten verfolgt: Das Land vor einem bleibt durchgehend in angenehmes Licht getaucht, und man möchte sich fast vornehmen, irgendwann einfach mal so an Beckum und Oelde vorbeizufahren, wenn die Bäume Blätter haben und nicht aussehen wie Patienten. Vielleicht liegt es an diesem güldenen, lange vermissten Licht, dass ich noch viel empfänglicher bin für die Poesie der Autobahnen als sonst ohnehin schon. Wäre Rainer Maria Rilke nicht in Prag zur Welt gekommen, sondern sagen wir mal in Rheda-Wiedenbrück, hätte er vielleicht nicht Venedig bedichtet, die „leeren Marmorbogengänge / an denen wie vergessenes Gepränge / der rote, rasch verwelkte Abend hing“, sondern er hätte sich was Nettes zu der Ansiedlung „Herzebrock-Clarholz“ einfallen lassen, meiner unmaßgeblichen Meinung nach einer der schönsten Autobahnausfahrtnamen, die es gibt.

Kurz vor Herford-Ost dann mal ein Waldstück, in dem die Sonne, dieses aufdringliche Groupie, nicht nachkommt, dafür schwebt ein schwarzer Hubschrauber über der Autobahn und im Radio werden auf WDR 5 Monsterwellen erklärt. Toll, was man für seine Rundfunkgebühren alles bekommt. In Zeiten von unzähliger Fernsehquizsendungen gibt es so etwas wie unnützes Wissen doch gar nicht mehr. Sollte ich jemals bei „Wer wird Millionär“ auf dem Stuhl sitzen, werde ich für die Frage „Wo gibt es die größte Wellenmaschine der Welt?“ keinen Joker, denn die gibt es ganz klar in Delft.

Delft ist bekanntlich in den Niederlanden, wo ich im Juli 71 diese Auseinandersetzung mit der großen Himmelslampe hatte. Die Niederlande sind ja bekanntlich ziemlich flach, und überall läuft Wasser rein, es wird dann richtig sumpfig. das niederdeutsche Wort für Sumpf ist Brock, und Brock ist dann nicht nur der Name einer Figur in meinem letzten Roman „Förster, mein Förster“, Tilmann Brocki, gennant Brocki nämlich (den ich aber nicht nach einem Sumpf benannt habe, sondern nach der Krimiserie „Bronk“ mit Jack Palance, an die ich ich beim Schreiben falsch erinnert habe), sondern steckt auch noch in dem oben erwähnten Herzebrock-Clarholz. Herzebrock, das könnte man ja frei mit Liebessumpf übersetzen, und es stimmt ja, die Liebe kann ein Sumpf sein, aus dem man nur schwer wieder herauskommt, selbst wenn man zehn Jahre lang nicht zu Hause war und dachte, man sei drüber hinweg.

So geht es Stefan Zöllner, der Hauptfigur in meinem Roman „Sommerfest“, und bevor wir uns alle demnächst den schönen Film von Sönke Wortmann ansehen, stürmen wir alle noch mal am 17. und 19. Februar in die nicht minder schöne Inszenierung von „Sommerfest“ im prinz regent theater, mit Nermina Kukic, Jost Grix und Thomas Kemper. Das prt ist ja derzeit das hippste Theater in ganz Deutschland, beglaubigt vom Fachorgan nachtkritik.de.

Von Bochum über die A2 nach Herzebrock-Clarholz, mit einem Abstecher nach Venedig und Delft, die Sonne im Genick und Jack Palance auf dem Beifahrersitz. Der Winter geht, der Frühling naht. Wird Zeit, dass der Sommer kommt.

Wenn eine Show alles verändert

Kann Kunst wirklich etwas bewirken? Oft nicht, gestern aber durchaus. Die Ausgabe von „Goosens Neue Bücher“ im Zebrano-Theater in Berlin mit Zoe Beck und Jens Kirschneck war so fulminant, dass die Stadt hinterher eine andere war. Stiller, in sich gekehrter, manche sagen aber auch: kälter. Und trotzdem auch schöner. Okay, das klingt vielleicht etwas bemüht, und eigentlich geht es auch nur darum, die Tatsache zu würdigen, dass vor der Show noch kein Schnee lag, hinterher aber alles weiß war, doch manchmal muss man übertreiben um Schönes einzufangen, und schön… Herrje, was laber’ ich da? Es war einen töften Abend, an dem viel über Literatur, Sprache, und Fußball gesprochen wurde, am Ende aber jede Frau im Publikum nur das Baywatch-Shirt von Dr.Markus Henrik haben wollte. Und seine silbernen Schuhe!

Goldene Zeiten!

Freiheit heißt ja nicht zuletzt, sich alles mögliche aussuchen zu dürfen. In dem kleinen Kabuff in unserer Küche lagern wir unter anderem vier Sorten zuckerfreier Müsliriegel: Schoko, Weiße Schoko, Nuss-Nougat, Yoghurt. Im Supermarkt kann ich zwischen mehreren Sorten und Farben von Müllsäcken mit Gummizug wählen, die Anzahl der Spaghetti-Sorten überfordert mich fast und auch Mineralwasser ist nicht gleich Mineralwasser.

Ich muss mich nicht mehr über das Fernsehprogramm aufregen, sondern kann mich zwischen mehreren Streamingdiensten entscheiden, die mich von der Diktatur der Sendezeiten befreiten haben, und innerhalb der Dienste steht mir eine kaum noch überschaubare Anzahl an Hochqualitätsserien zur Verfügung. Klar, auch eine Menge Schrott, aber den muss ich mir ja nicht ansehen.

Ich liebe das alles. Ich fühlte mich in meiner Fähigkeit, mich zu entscheiden ernst genommen, da traut mir jemand was zu, das überfordert mich nicht, es fordert mich heraus, und das finde ich toll.

Und jetzt wird diese Welt noch toller, ich kann mich nämlich jetzt auch zwischen unterschiedlichen Realitäten entscheiden. Ich hatte in meinem Leben zwar schon oft den Eindruck in einer anderen Wirklichkeit zu leben als zum Beispiel die Anhänger des FC Schalke oder einige der Frauen, die ich kannte, bevor ich die richtige traf, wurde jedoch meist als Phantast verunglimpft, der in einem Raum mit sehr weichen Wänden besser aufgehoben wäre als in der Realität der anderen.

Jetzt aber ist alles anders. Jetzt gibt es alternative Fakten. Donald Trump hat die eingeführt, und das sollte alle, die sich seit Monaten über den Mann aufregen, zum Schweigen bringen. Bei seiner Amtseinführung waren einerseits nur etwa ein Drittel so viele Menschen wie bei der von Obama. Sagen alle. Andererseits waren aber viel mehr als bei der von Obama, ja es waren sogar so viele wie nie zuvor. Sagt Onkel Donalds Pressesprecher. Das Angebot, mich zwischen diesen beiden Fakten entscheiden zu dürfen, bedeutet einen Zivilisationssprung, wie wir ihn in der Geschichte der Menschheit nur selten erleben durften.

Eigentlich gab es das bisher auch, man nannte es Religion. Alternative Fakten sind dagegen ein attraktives Angebot an Atheisten und Agnostiker.

Ich darf sagen, ich praktiziere das alles schon seit Jahren. Jeden Morgen konsultiere ich mehrere Wetter-Vorhersagen und entscheide mich dann für die beste. Goldene Zeiten!

No hope, no future

Meine aktuelle Kolumne, heute im Kicker:

Was sagt das über eine Gesellschaft aus, wenn schon die Kinder die Hoffnung verlieren? Neulich spielte mein Verein (der Name tut nichts zur Sache) gegen einen anderen (dessen Name auch egal ist, aber er ist im Ostwestfälischen heimisch). In der ersten Viertelstunde waren wir drückend überlegen, provozierten Ballverluste des Gegners am laufenden Band, spielten schnell nach vorne und kamen zu Möglichkeiten, die seit Beginn des Fußballjournalismus als „hochkarätig“ bezeichnet werden. Unwissende, sogenannte „neutrale“ Betrachter mussten vermutet, das am Ende weitere Reporterfloskeln stehen würden, nämlich jene vom „Kantersieg“, und dass diese drei Punkte „im Stile einer Spitzenmannschaft“ erspielt worden seien.
Optimismus, so lautet ein beliebtes Sprichwort, ist nur ein Mangel an Information, und da meine Kinder außergewöhnlich gut informiert sind, urteilte der Ältere (15): „Zur Halbzeit steht es eins zu null für die anderen.“ Keine Minute später fiel der Treffer für die Ostwestfalen. Es blieb der einzige im ganzen Spiel. Und der Thronfolger hatte es schon vorher gewusst, als habe er das zweite Gesicht. Nach dem Abpfiff sprach er noch: „Es ist keine Gabe, es ist ein Fluch.“ Und da der gegnerische Treffer mit der Brust erzielt wurde, fügte der Zweitgeborene hinzu: „Gegen uns müssen sie nichtmal FUSS-Ball spielen!“
Fatalismus ist der zweite Vorname vieler Fans. Vor Jahren bin ich mal fremd gegangen und besuchte das Heimspiel eines Vereins bei uns in der Gegend, den wir namentlich hier ebenfalls nicht erwähnen wollen. Kleiner Hinweis: Er spielt in einer großen Turnhalle. Dieser Verein hatte in den Wochen zuvor etwas gemacht, was meinem eigenen mittlerweile offenbar von einem Bundesgesetz verboten wurde: Er hatte vier Mal in Folge gewonnen. In dem Spiel, bei dem ich zugegen war, ging es gegen einen Club aus dem Rheinischen (aus der Stadt kommen auch viele Tabletten). In der neunten Minute fiel das 0:1 für die Pillendreher. Der Mann neben mir verschränkte die Arme und brummte: „Das war klar!“ Es waren noch 81 Minuten zu spielen, aber für meinen Sitznachbarn war die Begegnung gelaufen. Na gut, er sollte recht behalten, das Ding endete 1:2. Aber schon mal was von der berühmten sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehört?
Weil mein Verein vor vierzig Jahren mal in einem Spiel gegen die Bayern 4:0 geführt, dann aber doch noch 5:6 verloren hat, kommen bei uns die Leute nicht einmal damit klar, wenn wir vorne liegen. Einmal führte unsere Mannschaft in einem ostdeutschen Stadion (die Stadt drumherum nennt man auch „Elbflorenz“) in der fünfundachtzigsten Minute mit 2:0. In meinem Fußballkeller, wo ich unsere Auswärtsspiele über einen HD-Beamer in zum Teil schmerzhafter Deutlichkeit zusammen mit Mitgliedern meines Freundeskreises, der sich längst Selbsthilfegruppe nennt, verfolge, war die gängige Haltung: „Ein Punkt ist drin!“ Tatsächlich haben wir dann 3:0 gewonnen, aber mein Kumpel Scotty meinte nur: „Dafür gibt es dann halt nächstes Mal wieder aufs Maul.“
Vielleicht muss man es so sehen: Als Anhänger eines Vereins wie dem meinigen kann man auch mit über Fünfzig noch Punk sein: No Hope, no Future, wo man hinguckt. Und das geben wir dann an die Kinder weiter.