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Frank Goosen //

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Den würde ich glatt mit nach Hause nehmen!

Drei Auftritte im Spiegelzelt beim Festival RuhrHOCHdeutsch liegen hinter mir, und es war wieder zauberhaft. Es ist ja schon toll, angesagt zu SEIN, aber auch angesagt WERDEN kann schön sein, jedenfalls wenn Horst Hanke-Lindemann, der Prinzipal des Festivals, Elder Statesman der Dortmunder Kulturszene, Italienliebhaber, Weintrinker und Model für schwarze Hemden das erledigt.

Die Technik lag wieder in den bewährten Händen von Janine - bei der sich jemand wie ich auch mal lächerlich machen darf, ohne dass gleich jeder davon erfährt. Der Bereich hinter dem Zelt ist mit Gittern abgesperrt, die an einer Stelle nur durch ein Fahrradschloss gesichert sind, für das der Künstler natürlich gerne die Zahlenkombination bekommt. Zwei Abende lag musste ich die nicht anwenden, weil beide Mal gerade etwas angeliefert wurde, aber gestern stand ich vor der Herausforderung, mir selbst Zutritt zu verschaffen. Ich gab die Nummer ein und zerrte an dem Verschluss. Irgendwie wunderte ich mich mich nicht, dass es nicht funktionierte, denn die Verweigerung der Materie gegenüber meinem Wünschen und Wollen zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Minutenlang machte ich an diesem verdammten Teil herum, wobei ich sehr ungeschickt immer wieder die Zahlen verstellte und sie neu einrichten musste. Schließlich gab ich auf und machte den notwendigen erniedrigenden Anruf: „Du, Janine, hier ist der Frank, ich stehe hinterm Zelt und bekomme das Fahrradschloss nicht auf. Habt ihr die Kombination geändert?“ - „Bin gleich da“, bekam ich zur Antwort, was als höfliches „Nein“ zu werten war. „Guck mal“, sagte Janine, als sie auf der anderen Seite des Gitters stand, „hier ist so ein Knopf auf den muss man drauf drücken, dann geht es ganz leicht.“ Ich war mir ganz sicher, dass dieser Knopf kurz zuvor noch nicht da gewesen war, aber das behielt ich lieber für mich.

Außerdem wurde ich dann vom neuesten Mitglied der Spiegelzelt-Belegschaft begrüßt, einem Terrier namens Anton, der so verdammt süß ist, dass er sogar in China Urlaub machen könnte, ohne Gefahr zu laufen, in einem Wok zu landen. Der Versuch, Anton zu fotografieren, wie er in Habacht-Stellung mit einer gehobenen Pfote dastand, scheiterte daran, dass Janine im falschen Moment einen Nage-Knochen ins Spiel brachte.

Beim RuhrHOCHdeutsch-Festival tut man alles, um dem Künstler zu versichern, dass er ein toller Hecht ist, damit er mit einem guten Gefühl auf die Bühne gehen kann. Zum Beispiel setzt man auf die motivierende Kraft eines it Pop-Art bedruckten Duschvorhangs, auf dem eine Brünette mit Haarreif denkt: „He’s gorgeous!“ Und ein dynamischer Kerl mit kantigem Kinn stell fest: „Got her!!!“ Zwei Minuten vor dem Auftritt drauf gucken bringt das Testosteron so richtig auf Touren.

Ich bin schon oft im Spiegelzelt aufgetreten, aber erst gestern ist mir aufgefallen, dass die kleine „Terrasse“ vor meiner Garderobe direkt hinter der Damentoilette liegt, und dass man manchmal mitbekommt, was im Durchgang geredet wird. Gestern durfte ich davon ausgehen, dass eine Besucherin sich im ersten Teil meiner Show durchaus amüsiert hatte, und das in die anerkennenden Worte kleidete: „Hach, den würde ich glatt mit nach Hause nehmen!“ Überflüssig zu erwähnen, dass ich damit damit den zweiten Teil begonnen habe und die entsprechende Dame bat, sich nach der Show doch bitte bei meiner Frau zu melden.

Nach der Zugabe, dem Signieren und dem Geplauder mit einer alten Schulfreundin, passte mich auf dem Weg in die Garderobe eine braun gebrannte Sechzigjährige ab: „Hömma, ich bin die aus der Pause.“ Oh Gott, dachte ich, will die mich jetzt wirklich mit nach Hause nehmen? „Ich wollte nur sagen: Überschätz dich nicht, ich meinte den Köter, der hier rumläuft.“

Das ist das Tolle am Kontakt zum Publikum: Man wird geerdet.

Kein Spaß!

Meine neue Kolumne, heute im Kicker:

Neulich im Block B eines Zweitliga-Stadions im mittleren Ruhrgebiet: „Hömma, ich geh zu Hause los, da sacht meine Frau: Viel Spaß und trink nicht so viel. Da sach ich: Ja, watt denn nu?“ Mal ganz abgesehen davon, dass es einem Humoristen doch deutlich den Job erleichtert, wenn er einfach nur seine Mitmenschen belauscht, verweist diese Äußerungen auf ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen echten Fans und Gelegenheitszuschauern. Letztere werden woanders Erfolgsfans genannt, in einem Verein ohne Erfolg verbietet sich dieser Begriff. Eventfan ist ein anderer, der geht schon eher, denn für manch kranke Geister kann auch eine Hinrichtung ein Event sein.

Aber ich schweife ab. Echte Fans erkennt man daran, dass sie eine Wendung aus der Fernsehserie „Star Trek - The Next Generation“ deutlich abgewandelt verinnerlicht haben: Statt „Widerstand ist zwecklos“ heißt es: „Spaß ist irrelevant!“ Manchmal hat man den Eindruck, echte Fans sind nur glücklich, wenn sie unglücklich sind. Toll, wenn man eine Mannschaft hat, die in dieser Hinsicht sehr viel tut, um den eigenen Anhang nicht zu enttäuschen.

In der ersten Halbzeit des Spiels gegen Dynamo Dresden waren wir kürzlich wieder voll in unserem Element. Die ersten fünfundvierzig Minuten hatten mit dem, was man landläufig unter Fußball versteht, nicht viel zu tun, und wir lagen folgerichtig mit 0:2 zurück. In der Pause kursierten Adresslisten, und ein Metzger erklärte sich bereit, die obligatorischen Schweinefüße, die nach solchen Spielen über den Zaun der Spieler-Anwesen geworfen werden müssen, zeitnah nach dem Abpfiff bereit zu stellen. Auf diversen Smartphones wurden detaillierte Anweisungen an den Vorstand formuliert, wer umgehend zu beurlauben sei. Dass danach ein Spielbetrieb mangels Spielern, Trainern und Funktionären nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre, wurde als nachgeordnetes Problem abgetan. Einzige Stimme der Unvernunft war Thorsten C., der noch bei einem Null-zu-Vier-Rückstand fünf Minuten vor Schluss fest daran glaubt, dass die Wende möglich ist. Unter uns: Stünden elf Typen wie er auf dem Platz würde es gar nicht so weit kommen. Wegen Thorsten musste früher in der Schule ständig der Belag in der Turnhalle ausgewechselt werden, weil er Brandspuren hineingerannt hatte. In der Pause des Dresden-Spiels wurde er als Phantast abgetan, der zu viel Klebstoff geschnüffelt habe.

Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erzielten wir das Anschlusstor, nur zweiundfünfzig Sekunden später den Ausgleich. Der Stadionsprecher, selbst ein begabter Kicker, musste unters Sauerstoffzelt. Am Ende gewannen wir das Ding 4:2. Weil Thorsten immer dran geglaubt hat? Nein, weil wir anderen uns zu hundertfünfzig Prozent sicher gewesen waren, dass der Verein, die Stadt und der Erdkreis unrettbar verloren sind. Genau DAS hat die Wende gebracht.

Ein entfernter Bekannter, der nur von Zeit zu Zeit im Stadion auftaucht, sprach nach dem Spiel: „Mensch, das hat richtig Spaß gemacht! Euch auch?“ Antwort: „Nicht für zwei Pfennig. Und deshalb sind wir beim nächsten Spiel wieder da und du nicht.“ Das alles trug sich in Bochum zu, aber ich weiß, woanders hört sich das ähnlich an.

Gruß an die Belegschaft!

Für Abende wie den gestern Abend im Prinzregenttheater in Bochum ist mal der Begriff „knorke“ erfunden worden. Sarah Marie Latza, Maria Wolf, Oli Hilbring et moi bei „Gruß an die Belegschaft“. Durch Maria wissen wir jetzt, was Bullshit Bingo ist und Oli hat klargemacht, dass sich Ärzte zwar in Patienten verlieben dürfen, das bei Tierärzten aber kompliziert werden kann. Ein Höhepunkt war erreicht, als noch im Laufe des Abends ein Foto auftauchte, dass Sarah Marie als Xuper Woman (sic!) zeigte, weil sie mal einen sehr beknackten Nebenjob hatte. Hinterher haben wir dann noch im Foyer albern gepost. Nur Oli ist clever und guckt cool. Proffi.

Bitte nicht das Personal ablecken

Ich traue mich ja nicht, wildfremde Leute auf der Straße zu fotografieren, nur weil sie Dinge tun, die mich frappieren, und die schwäbische Kopftuch-Hausfrau, die heute Morgen mit einem Reisigbesen den Rinnstein vor meinem Hotel durchfegte, wäre sowieso mindestens ein Gemälde im Stile naiver Malerei wert gewesen, aber ich bin einer der wenigen Menschen, die in der Schule mal eine Sechs in Kunst bekommen haben, deshalb meide ich nicht nur Kurvendiskussionen und Übersetzungen aus dem Französischen, sondern auch den Gebrauch von Pinsel und Farbe. Tote Materie fotografieren bekomme ich aber hin. Zum Beispiel die Werbung an der Metzgerei ein paar Meter weiter. Da gibt es heute nämlich frischen Schweinehals, das 2-3-Kilo-Stück zu 5,99 €, glücklicherweise auch noch „ohne Bein“. So ein Bein an einem Hals, das sieht ja auch nicht aus, nicht mal an einem Schwein.

An Schweine muss ich auch denken, als ich mich in den ICE nach Bochum quetsche. Offenbar ist irgendein anderer Zug ausgefallen oder so viel zu spät, dass massenhaft Menschen ihr Glück in meinem versuchen. Die meisten haben Pech und stehen im Mittelgang. Das ist nicht schön, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, lustige oder wenigstens merkwürdige Sätze zu hören. Wie diesen hier: „Das ist ja Klassenkampf! Wenn ich in der ersten Klasse stehen muss, kann ich auch wieder CDU wählen. Die SPD ist tot!“ Interessanter Gedanke. Vielleicht wird die Gerechtigkeitsdebatte völlig falsch geführt.

Auch nicht schlecht der Mann, der seinen Gesprächspartner am Telefon, aber auch den gesamten Wagen 38 wissen lässt, dass er heute noch nach Mülheim muss. Vielleicht will er, dass wir den Behörden sachdienliche Hinweise geben können, wenn er dort verloren geht. Am Abend soll wohl noch gegrillt werden, denn, so der Mann am Telefon: „Barbeque ist doch auch Fettverbrennung!“

Die drei Lesungen in Fulda, München und Stuttgart, die jetzt hinter mir liegen, habe ich jeweils mit der Bemerkungen begonnen, dass mir viele Dinge nicht ein- sondern nur auffielen. Dass in München beispielsweise ein wunderbar altmodisch anmutendes, leider aber geschlossenes Ladenlokal für Papier- und Schreibwaren auf die Krise des Handschriftlichen hinweist während nur ein paar Meter weiter ein Hinweis an einer sogenannten Eventkneipe besorgniserregende Rückschlüsse bezüglich der fortschreitenden Ballermannisierung des Freizeitverhaltens vieler in Deutschland lebender Menschen zulässt. Da steht nämlich zu lesen: „Bitte nicht das Personal ablecken!“

An dieser Stelle habe ich auch schon mal darauf hingewiesen, dass es in Köln einen Optiker mit dem fiesen Namen „Augendübler“ gibt. In Fulda reiht man sich lieber in die Phalanx alberner Namen für Friseurläden ein, die heute auch schon mal „Vier Haareszeiten“ heißen. Ein Brillengeschäft namens „Neusehland“ ist da nur die logische Entsprechung.

Das alles macht die Betrachtung der Welt dort draußen zwar manchmal etwas anstrengend, den eigenen Job aber auch bisweilen erfreulich leicht.