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Frank Goosen //

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Kein Spaß!

Meine neue Kolumne, heute im Kicker:

Neulich im Block B eines Zweitliga-Stadions im mittleren Ruhrgebiet: „Hömma, ich geh zu Hause los, da sacht meine Frau: Viel Spaß und trink nicht so viel. Da sach ich: Ja, watt denn nu?“ Mal ganz abgesehen davon, dass es einem Humoristen doch deutlich den Job erleichtert, wenn er einfach nur seine Mitmenschen belauscht, verweist diese Äußerungen auf ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen echten Fans und Gelegenheitszuschauern. Letztere werden woanders Erfolgsfans genannt, in einem Verein ohne Erfolg verbietet sich dieser Begriff. Eventfan ist ein anderer, der geht schon eher, denn für manch kranke Geister kann auch eine Hinrichtung ein Event sein.

Aber ich schweife ab. Echte Fans erkennt man daran, dass sie eine Wendung aus der Fernsehserie „Star Trek - The Next Generation“ deutlich abgewandelt verinnerlicht haben: Statt „Widerstand ist zwecklos“ heißt es: „Spaß ist irrelevant!“ Manchmal hat man den Eindruck, echte Fans sind nur glücklich, wenn sie unglücklich sind. Toll, wenn man eine Mannschaft hat, die in dieser Hinsicht sehr viel tut, um den eigenen Anhang nicht zu enttäuschen.

In der ersten Halbzeit des Spiels gegen Dynamo Dresden waren wir kürzlich wieder voll in unserem Element. Die ersten fünfundvierzig Minuten hatten mit dem, was man landläufig unter Fußball versteht, nicht viel zu tun, und wir lagen folgerichtig mit 0:2 zurück. In der Pause kursierten Adresslisten, und ein Metzger erklärte sich bereit, die obligatorischen Schweinefüße, die nach solchen Spielen über den Zaun der Spieler-Anwesen geworfen werden müssen, zeitnah nach dem Abpfiff bereit zu stellen. Auf diversen Smartphones wurden detaillierte Anweisungen an den Vorstand formuliert, wer umgehend zu beurlauben sei. Dass danach ein Spielbetrieb mangels Spielern, Trainern und Funktionären nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre, wurde als nachgeordnetes Problem abgetan. Einzige Stimme der Unvernunft war Thorsten C., der noch bei einem Null-zu-Vier-Rückstand fünf Minuten vor Schluss fest daran glaubt, dass die Wende möglich ist. Unter uns: Stünden elf Typen wie er auf dem Platz würde es gar nicht so weit kommen. Wegen Thorsten musste früher in der Schule ständig der Belag in der Turnhalle ausgewechselt werden, weil er Brandspuren hineingerannt hatte. In der Pause des Dresden-Spiels wurde er als Phantast abgetan, der zu viel Klebstoff geschnüffelt habe.

Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erzielten wir das Anschlusstor, nur zweiundfünfzig Sekunden später den Ausgleich. Der Stadionsprecher, selbst ein begabter Kicker, musste unters Sauerstoffzelt. Am Ende gewannen wir das Ding 4:2. Weil Thorsten immer dran geglaubt hat? Nein, weil wir anderen uns zu hundertfünfzig Prozent sicher gewesen waren, dass der Verein, die Stadt und der Erdkreis unrettbar verloren sind. Genau DAS hat die Wende gebracht.

Ein entfernter Bekannter, der nur von Zeit zu Zeit im Stadion auftaucht, sprach nach dem Spiel: „Mensch, das hat richtig Spaß gemacht! Euch auch?“ Antwort: „Nicht für zwei Pfennig. Und deshalb sind wir beim nächsten Spiel wieder da und du nicht.“ Das alles trug sich in Bochum zu, aber ich weiß, woanders hört sich das ähnlich an.

Gruß an die Belegschaft!

Für Abende wie den gestern Abend im Prinzregenttheater in Bochum ist mal der Begriff „knorke“ erfunden worden. Sarah Marie Latza, Maria Wolf, Oli Hilbring et moi bei „Gruß an die Belegschaft“. Durch Maria wissen wir jetzt, was Bullshit Bingo ist und Oli hat klargemacht, dass sich Ärzte zwar in Patienten verlieben dürfen, das bei Tierärzten aber kompliziert werden kann. Ein Höhepunkt war erreicht, als noch im Laufe des Abends ein Foto auftauchte, dass Sarah Marie als Xuper Woman (sic!) zeigte, weil sie mal einen sehr beknackten Nebenjob hatte. Hinterher haben wir dann noch im Foyer albern gepost. Nur Oli ist clever und guckt cool. Proffi.

Bitte nicht das Personal ablecken

Ich traue mich ja nicht, wildfremde Leute auf der Straße zu fotografieren, nur weil sie Dinge tun, die mich frappieren, und die schwäbische Kopftuch-Hausfrau, die heute Morgen mit einem Reisigbesen den Rinnstein vor meinem Hotel durchfegte, wäre sowieso mindestens ein Gemälde im Stile naiver Malerei wert gewesen, aber ich bin einer der wenigen Menschen, die in der Schule mal eine Sechs in Kunst bekommen haben, deshalb meide ich nicht nur Kurvendiskussionen und Übersetzungen aus dem Französischen, sondern auch den Gebrauch von Pinsel und Farbe. Tote Materie fotografieren bekomme ich aber hin. Zum Beispiel die Werbung an der Metzgerei ein paar Meter weiter. Da gibt es heute nämlich frischen Schweinehals, das 2-3-Kilo-Stück zu 5,99 €, glücklicherweise auch noch „ohne Bein“. So ein Bein an einem Hals, das sieht ja auch nicht aus, nicht mal an einem Schwein.

An Schweine muss ich auch denken, als ich mich in den ICE nach Bochum quetsche. Offenbar ist irgendein anderer Zug ausgefallen oder so viel zu spät, dass massenhaft Menschen ihr Glück in meinem versuchen. Die meisten haben Pech und stehen im Mittelgang. Das ist nicht schön, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, lustige oder wenigstens merkwürdige Sätze zu hören. Wie diesen hier: „Das ist ja Klassenkampf! Wenn ich in der ersten Klasse stehen muss, kann ich auch wieder CDU wählen. Die SPD ist tot!“ Interessanter Gedanke. Vielleicht wird die Gerechtigkeitsdebatte völlig falsch geführt.

Auch nicht schlecht der Mann, der seinen Gesprächspartner am Telefon, aber auch den gesamten Wagen 38 wissen lässt, dass er heute noch nach Mülheim muss. Vielleicht will er, dass wir den Behörden sachdienliche Hinweise geben können, wenn er dort verloren geht. Am Abend soll wohl noch gegrillt werden, denn, so der Mann am Telefon: „Barbeque ist doch auch Fettverbrennung!“

Die drei Lesungen in Fulda, München und Stuttgart, die jetzt hinter mir liegen, habe ich jeweils mit der Bemerkungen begonnen, dass mir viele Dinge nicht ein- sondern nur auffielen. Dass in München beispielsweise ein wunderbar altmodisch anmutendes, leider aber geschlossenes Ladenlokal für Papier- und Schreibwaren auf die Krise des Handschriftlichen hinweist während nur ein paar Meter weiter ein Hinweis an einer sogenannten Eventkneipe besorgniserregende Rückschlüsse bezüglich der fortschreitenden Ballermannisierung des Freizeitverhaltens vieler in Deutschland lebender Menschen zulässt. Da steht nämlich zu lesen: „Bitte nicht das Personal ablecken!“

An dieser Stelle habe ich auch schon mal darauf hingewiesen, dass es in Köln einen Optiker mit dem fiesen Namen „Augendübler“ gibt. In Fulda reiht man sich lieber in die Phalanx alberner Namen für Friseurläden ein, die heute auch schon mal „Vier Haareszeiten“ heißen. Ein Brillengeschäft namens „Neusehland“ ist da nur die logische Entsprechung.

Das alles macht die Betrachtung der Welt dort draußen zwar manchmal etwas anstrengend, den eigenen Job aber auch bisweilen erfreulich leicht.

Blödsinn Blitztabelle

Meine neue Kolumne, heute im Kicker:

Im Fußball gibt es es lauter Begriffe und Formulierungen, die nur innerhalb dieses närrischen Ballspiels verständlich sind, beziehungsweise woanders gar nicht vorkommen. Ich denke da an Bananenflanke, Fliegenfänger, die Hängende Spitze oder die Falsche Neun. Dann gibt es so beknackte Sachen wie: Da will er noch Zeit von der Uhr nehmen, oder: Da hätte er auf zweinull „stellen“ können. Der Begriff aber, der mir persönlich besonders auf die Nerven geht ist „Blitztabelle“. Vor allem am letzten Spieltag, wenn es um Meisterschaft oder Abstieg geht, feiert sie „fröhliche Urständ“. Wobei, um die Meisterschaft geht es ja im deutschen Fußball nicht mehr.

Aber die Frage, wer absteigt oder wer in die internationalen Wettbewerbe einzieht, kann bisweilen spannend sein. Da wird dann in der Fernsehübertragung zwischendurch immer wieder die Tabelle eingeblendet, und zwar so, wie aussähe, wenn in der sechzigsten, siebzigsten oder fünfundachtzigsten Minute Schluss WÄRE. Müssen wir hier wirklich auf den grundlegenden Satz des heiligen Sepp hinweisen, nach dem ein Spiel neunzig Minuten dauert? Oder, aus Berliner Sicht, so viele wie nötig sind, bis der FC Bayern wenigstens einen Punkt holt?

Ein Spieler meiner Mannschaft hat vor Jahren mal gesagt, jedes Spiel beginne bei 0:0 und man habe einen Punkt. Das ist falsch. Wenn du so in ein Spiel gehst, denkst du, du hast etwas, das du verteidigen kannst, und es geht dir nicht mehr darum, etwas zu gewinnen. Als Fan wünsche ich mir, gerade als Anhänger eines vergleichsweise kleinen Vereins, Spieler, die mit der Gewissheit auf den Platz gehen, dass sie nichts haben, gar nichts. Und dieses Nichts soll ihnen auch noch vom Gegner genommen werden!

Deshalb war Schalke 2001 auch nicht vier Minuten Deutscher Meister. Denn jeder, der früher gerne Western gesehen hat, weiß: Abgerechnet wird zum Schluss! Heißt aber auch: Es ist völliger Schwachsinn, wenn der TV-Kommentator bei einem Gegentor in der zweiundsiebzigsten Minute deliriert: „Zu diesem Zeitpunkt war der FC, die Eintracht, der VfL (oder wer auch immer) abgestiegen.“ It ain’t over till it’s over, sang einst Lenny K. aus NYC, oder um es mit den Worten von Oliver K. aus K. zu sagen: „Weiter, immer weiter!“ Niemals aufgeben, steht auf der einen Seite der Medaille. Niemals zufrieden sein auf der anderen.

Jeder Fan kennt die Spiele, in denen sein Verein nach einer halben Stunde gegen einen Abstiegskandidaten 2:0 führt und dann glaubt, vielleicht mit dem Bild der Blitztabelle im Kopf, man habe schon etwas erreicht, nur um am Ende mit 2:3 zu verlieren. Die Tabelle, die dann dabei herauskommt, mag nichts Blitzartiges haben, dafür lügt sie nicht, wie man weiß, und die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Man redet immer vom Bayern-Dusel, wenn sie kurz vor Schluss noch das entscheidende Tor machen. Wahrscheinlich ist aber in München einfach nur die Blitztabelle verboten.